Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 20 (10.9.1868)
- Date
- 1868-09-10
- Page
- Seite 216 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Gerichtshöfe des vierfach verbrecherischen Diebstahls für schul» big erkannt und zu fl e b e n Jahren schweren Kerker, durch Fasten jeden ersten Freitag jedes Vierteljahres der^Strafzeit verschärft, verurtheilt. 3_ %* Predigte». Samstag den 5. d. M. hat Se. Ehrwürden Herr vr. A. Raber Rabbiner und Prediger auf Aufforderung des löblichen Vorstandes der Neusynagoge, in derselben einen Kanzelvortrag gehalten, der wieder einmal bewies, daß wir uns in der in Nr. 18 dieser Blätter gemachten Beurtheilung über diesen geistreichen und gelehrten Redner nicht geirrt haben; denn in der That hat Herr Prediger Raber auch dießmal gewußt, durch die geschmackvolle, an Gedanken überreiche und schön vorgetrugcnc Predigt, die Zuhörer förmlich zu begeistern. Herr Raber, der die Jellinek'sche Richtung einschlägt, die moderne Rede mit den geistvollsten Midraschim zu verknüpfen und durch sein kräftiges sonores Organ, die Gemüther zu beleben weiß, ist eine unschätzbare Kraft, die zu besitzen, eine Synagoge oder Tempel ^ich beglückwünschen könnte. In Räbers Vortrag liegt eine Fülle von Empfindungen, die der Zuhörer, der in steter wachsender Spannung kaum den ersten Eindruck ausgenommen, schon nach einem neuen lüstcrt, gleichsam mit empfindet. Nicht ein blumenreicher Phrasenschwall ohne allen Gehalt bilden in RaberS Reden ein bloßes optisches Bild, einen deklamatorischen Schallstrahl, der nur fürs Auge, für's Ohr, nicht aber für'S Herz und für den Sinn passen; RaberS Worte sprechen zum Verstand und zum Gefühl; so wie er durch sein immenses Wissen dm Geist des Zuhörers in Schach hält, so weiß er durch wehmuthSvolle Momente, die Gefühle hervorzuzaubern. Nicht umsonst verschwendete der große Jellinek all' sein Lob an den wackern Raber, nicht umsonst erblickte in ihm der unserer Gemeinde nicht fern stehende geistvolle Kämpf den ungefälsch ten Gelehrten. Die Stimmung in der Neusynagoge war eine gehobene, und die Kritik allenthalben eine übereinstimmend höchst befriedigende. Sclbstverstä»dlich gibt cs überall Krakchlcr und warum sollten sic gerade da fehlen, wo man eben die Gediegenheit findet und andere Interessen im Auge hat. Wir wünschten Herrn Rabbiner Raber noch oft zu hören, so wie wir jene Gemeinde im Vorhinein versichern, die sich um Rabbiner Raber bewirbt, daß sie eine ausgezeichnete Acquisition macht. — Auch in der renovirten Zigeuncrsynagogc gab aus Einladung ihres Vorstandes Sr. Ehrw. Rabbiner der großen Hofsynagogc Hr. Roscnberg einen Kanzclvortrag zum Besten, der was Inhalt und Sprache desselben betrifft, das Lob'dcr Zuhörer im reichsten Maaße erntete. Da die beiden hier besprochenen Kanzelrcdcn gleichzeitig abgchaltcn wurden, so geriethcn wir selbstverständlich mit der Zeit in Eollision und bedauern über Hrn. Roscnbcrg's Predigt nicht ausführlicher refcriren zu können, da wir den ersten Thcil derselben nicht hören konnte». Auswärtiges. Wien. Man schreibt der ,,')i Fr. Pr.Bclanntlich hat Se. Majestät der Kaiser die Bestreitung der ErziehungSko sten für die zwei Kinder der durch 'Unvorsichtigkeit eines Soldaten vom Regimcnte »tciid*ih!i erschossenen Frau Hirsch- Icr ans sich genommen; :n Folge dessen wurde die k. k. Polizcidircktion beauftragt, eine anständige Familie namhaft zu machen, welcher diese Kinder in Pstcgc und Erziehung zu übergeben wären. Herr Polizeidirektor Strobach hat sich dieses Auftrages sofort in ancrkcnlicnSwcrthcr Weise entle digt, mdlln er sich dicSsalls an den israelitischen Prediger I)r. Jellinek gewendet, ans dessen Anempfehlung die Kinder bereits am l. August den sehr anständigen kinderlosen Eheleuten Kraus (Radetzkystraffc 'Nr. 4) übergeben wurden ■MaHMaiiiiMMlailiUlk amtet der kaiserlichen Kabinet» - Kanzlei sich von den Verhältnissen dieser Familie persönlich überzeugten. Der Herr Polizeidirektor empfahl der Frau Kraus mit kindringenden, Worten die ihrer Obhut vertrauten Waisen. Gestern erhielten . nun die genannten Eheleute daS kaiserliche Dekret, mittelst dessen ihnen die beiden Kinder von Sr. Majestät zur Pflege und Erziehung bis zur Erreichung ihres 15. Lebensjahres übergeben werden und den Pflegeeltern ein Entgelt von jährlichen 450 Gulden zugesagt wird. Auch erfahren wir, daß das Offizierkorps des Regimentes Reischach für die Waisen einen jährlichen UnterstützungS-Beitrag leisten wird, welcher für die Kinder bis zur Erlangung ihrer Selbstständigkeit aufgespart werden soll. * Abermals haben wir einen Fall zu verzeichnen, nach welchem eine ganze Familie zum Judenthume übergetreten ist. Der im Bezirkt Landstraffe, Löwengasse Nr. 2 wohnhafte Kaufmann WieSner. der vor mehreren Jahren den katholischen Glauben annahm, kehrte 23. v. M, Vormittags mit seinem Weibe und drei Kindern, einem 5 jährigen Knaben und zwei Mädchen, wieder zum Judenthume zurück. Die Ceremonie ging in der Wohnung des Herrn W. in Gegenwart des Oberkantors Sulzer und des Predigers Herrn vr. Güdemann vor sich. * Zwei junge Wienerinnen, welche sich vor wenigen Tagen an den hiesigm israelitischen Prediger vr. Jettinek mit dem Ersuchen, vom Christenthum zum Judenthum übertreten zu wollen, wendeten, und hiefür keinen triftigeren Grund anzugeben wufften, als daß sie hiezu Neigung hätten, wurden mit dem Bedeuten zurückgewiesen, daß es nach den bestehenden Gesetzen der Juden nicht gestattet sei, Proselyten zu machen und die Aufnahme zum Judenthume nur dann stattfindcn könne, wenn der Glaubensübertritt u.it voller Uebcrzeugung, mit ganzem Herzen und ganzer Seele verlangt wird. — Ucbrigcns sind hier bereits mehrfach derartige Fälle üorgckommcu, daß sich junge Mädchen ohne jeden andern Grund, als aus Laune, um die Aufnahme znm Judenthume I beworben haben, natürlick er Weise jedoch stets abgewiesen worden sind. -- * (Koscheres Fleisch.) Bor Kurzem sollte bei dem Bezirksgericht-Leopoldstadt eine Ehrenbeleidigungsttage des Fleischhauers Jakob El kan wider David Läufer in Verhandlung kommen; David Läufer hatte sich nämlich beikommen lassen, in einer Versammlung orthodoxer Bekenner mosaischen Glaubens die Unsitte zu rügen, wonach einzelne jüdische Fleischer statt „koscherem" „trefeS" Fleisch verkaufm sollen, und ging in seinem Eifer so weit, Namen zu nennen und seine Glaubensgenossen hauptsächlich vor dem Fleischer Jakob Elk an zu warnen. Da der durch vr. Jos. Kra tky verthcidigtc Geklagte, David Lauser, zur Erbringung des Wahrheitsbeweises rrbötig ist, so wurde die Verhandlung zum Zwecke der Vorladung der hiezu nothwendigen Zeugen und ' Fachgcnosien vertagt. Pest. Der amtliche „Vudapcsti Közlöny" vom 26. August veröffentlicht einen Erlaß des ungarischen Kultus« und llntcrrichtSministcrS, durch welchen der israelitische Kongreß cinbcrufcn und das Wahlstatut für die Wahl der Kongrcßdeputirten kundgcmacht wird. In seiner Einleitung sagt dieser Erlaß: „Nachdem der 17. G. s. A. 1867 die israelitischen LandcSbewohncr als gleichberechtigt mit den christlichen Einwohnern zur Ausübung aller bürgerlichen und politischen Rechte erklärt hat, betrachtete eS die Regierung für ihre unumgängliche Aufgabe, den israelitischen Bürgern des Vaterlandes Gelegenheit zu geben, daß sic über die autonomen Verhältnisse ihrer eigenen Kirche, über die Organisation ihrer Gemeinden und über eine den Zeitanforderungen entsprechende Organisation drS öffentlichen Unterrichtes in ihren konfessionellen Lehranstalten unter sich berathen und solche Anstalten schaffen, die bei voller Wahrung der GewiffenSfteiheit sowohl die Jntereffen deS Staates, wie auch ~