Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 20 (10.9.1868)
- Date
- 1868-09-10
- Page
- Seite 215 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Roiov (bei Saaz.) (O.-L.) ,Drr Wille de« Menschen Hai vielen Einfluß aus sein Schicksal; vollkommener Ernst und reifer Entschluß bei einer Unternehmung ist schon ein großer Schritt zu ihrer Vollendung. Diese Worte HegnerS paffen so auf unsere Gemeinde- Verhültniffe, wie ein Kartenblatr aufs andere. Vor ungefähr 7 Jahren gehörten wir noch dem Domauschitzer Gemeinde Verbände ai^ und gegenwärtig haben wir nicht nur eine selbstständige CultuSgemeinde, die sich eines geregelten Gottesdienstes erfreut, wir haben auch schon unser Gotteshaus errichtet. Und wenn jemand fragen sollte: Wer oder was hat.daS alle« in so kurzer Zeit und bei so geringer Mitgliederzahl zu Stande gebracht:“ So müssen wir ganz einfach antworten: „Unser Wille." — Diese löbliche Idee zur Gründung einer selbstständigen Gemeinde wie auch deren Ausführung haben wir Hrn. Pollak — gegenwärtig unser eifriger Cultusvorstand, zu verdanken. Als wir uns vom Domauschitzer Gemeindeverbande lossagten, stellte Herr Pollak seine Lokalitäten zur Verfügung. Cs wurde eine, später noch zwei Thorarollen gekauft, und der Gottesdienst war hergestellt. Als später der Gottesdienst in Gasthauslokalitäten auf ämtlichem Wege untersagt wurde, wurde zu diesem Zwecke ein PrivathauS gemiethet, und die Opferwilligkit unserer Gemeindemitglieder und auswärtiger Glaubensgenossen hat es uns ermöglicht, im Jahre 1867 mit dem Baue eines Gotteshauses zu beginnen, welches bis auf eine weitere innere Ausstattung vollendet dasteht zur Zierde unseres Ortes und zum Ruhme seiner Gründer. I. B . . m. New-Aork August 1868 (O.-K.) Obwohl ich schon seit Jahren die alte Welt verlassen, um in der neuen eine Heimath zu finden, so sind eS doch theils theuere Bande und theils angenehme Jugenderinnerungen, welche mich stets mit Liebe und Aufmerksamkeit auf die Vorgänge in dem alten Vaterlandc blicken und mich.zugleich wünschen lassen, daß'auch die Vorgänge in der neuen Welt von meinen Landsleuten in der Heimath bester verstanden und gewürdigt würden. Von diesem Wunsche beseelt, wlll ich cS mit Ihrer gütigen Erlaubniß unternehmen, durch Ihr geehrtes Blatt einige Berichte über das Thun und Treiben hier, insbesondere so weit diese daS religiöse Gebiet betreffen, mitzutheilen. Ich bin mir wohl bewußt, daß cS für den Eorrespondenten eine schwer zu lösende Aufgabe ist, den Leser in ein Land einzuführen, daS trotzdem oder eben weil es aus allen Theilen der bewohnten Erde seine Bevölkerung zusammen klaubte, einen höchst eigenthttmlichen Charakter heranSgebildct hat. Wenn wir diese kaleidoskopische Zusammensetzung inS Auge fasten und zuerst die jüdische Bevölkerung Ncw-DorkS, welche auf 60—80000, ja von Manchen auf 100,000 geschätzt wird bcttachten; so finden wir hier den russisch polnischen Chasid, der auch kein Jota seine« Glaubens und Aberglaubens, seiner Sprache und Gewohnheiten ablegcn würde, und besten PeaS eben so schön im neuen Wclttheile als in EhomczoSky gedeihen; den preußisch Polen, von vierzig Meilen hinter Berlin zu Hause, der zwar an der ange stammten Ordoxie so festhält, daß selbst daS MizwaSverkaufen keiner Veränderung unterworfen werden darf, aber Samstag seinen Kleiderladcn geöffnet hält und wo möglich noch eifriger als an anderen Tagen Kunden zuzuzichen sucht. Wir finden da den englischen Juden, der zwar den Talmud nie gesehen, aber ihn nicht destoweniger sehr hoch hält und besten höchste Autorität im Judenthume Rabbiner Adler in London ist. Unter den deutschm und böhmischen Juden sind hier ebenso wie in der alten Welt alle möglichen Religionsansichten und verschiedenartigen Reformbewegungen vertreten, doch werden sie in Maste von den Juden anderer Länder lich treten hier die Ansichten auch schroffer einander gegenüber auf. Man beliebt hier von reformatokischer Seite einen Jeden Orthodoxen zu nennen, der nicht daran glauben mag, daß jeder einzelne Rabbiner, den das Jam hagodol auSgespieen, dazu berufen ist, die ältesten und wichtigsten ReligionSgebräuche zu suSpendiren oder nach seinem Geschmacke umzuändern; während anderseits Jeder Reformer genannt wird, der nicht jeden Jehi Uazao als eine Halacha vom Berge Sinai empfangen, betrachtet. Für Personen de» gemäßigten Fortschrittes oder der Mitte gibt es hier kaum eine Gemeinde, wir leben eben im Zeitalter des Dampfe» und kennen nur entweder gänzlichen Stillstand oder Dam pfeSeile, im Leben sowohl als in der Religion. Zwischen die sen eingewanderten Juden befindet sich bereits eine Generation, welche IheilS als Kinder herüber gekommen theils hier aufgewachsen und deren Erziehung eine sehr vernachlästigte und mangelhafte war. Die Eltern hatten größtcntheils in den ersten Jahren mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen und dabei wurde der religiöse Unterricht hintan gesetzt. Biele unserer jungen Leute sind kaum im Stande das Hebräische zu lesen, noch weniger das jüdische Wissen zu verstehen jmt> zn würdigen. Zudem sind sie selten einer andern als der englischen Sprache zu Genüge mächtig um die gediegenen beut schen Predigten verstehen zu köitnen. Dank den Anstrengun gen wahrhaft frommer und für's Judcnthum begeisterter Männer und seit ungefähr zehn Jahren mehr fürs Indenthum geleistet und die jetzige Jugend mehr dem jüdischen Wissen gewonnen. Da dieses Schreiben wahrscheinlich schon zu lange geworden, so behalte ich mir für ein späteres vor, auf speziellere Berichte einzugehen. —8.— Locales. *»* Kraft Beschlußes der Eommistion des israelitischen Knabenwaisenhauses hat der bisher pädagogische Leiter dieser Anstalt die Kündigung erhalten und ist bereit» ein Eoncur» ausgeschrieben. (Siehe Inserate.) *** Da es oft vorkommt, daß Eultnsvorständc so wie überhaupt Familien auf dem Lande bei Bedarf eines Volks schullchrerS oder Erziehers sich nicht zu rathen wissen, an wen sic sich zu wenden haben, so machen wir dieselben auf * da» neu ercirte bisher einzig und allein in Prag cxistirende hohen Orts concestionirtc Stellen - Vcrmittlungs Bureau (Pcrlgaste Rro. 66'.») aufmerksam, das geprüfte ist. Haupt» und Unterrealschullchrcr, Erzieher, Hauslehrer etc. in Vormerkung hat. *** Der Reichsrathsabgeordncte Herr Ilr, Ignaz Ku ' randa hat bereits Prag verlassen, nachdem er daselbst die j rituell vorgeschriebenen sieben Trancrtage, um seinen am 61. v. M. dahingcschicdenen Vater H. Simon Knranda abge j halten hat. I V Die zweite Auflage der Broschüre: ...8um Eon. 1 greife" von Dr. Israel Hildesheimer befindet sich unter der > Presse; wie bekannt war die erste Auflage ln 2<»;m Erem- | plarcn noch vor Erscheinen derselben vergriffen. V Am 27. v. M. fand vor einem Fünsrichtcreollegium unter dem Vorsitze des Herrn L.-G.-R. Mach jene Schluß Verhandlung statt, welche den am 21. Züner d. I. in der an Stelle de» im Neubau begriffenen Tempels imprvvisirtcu JntcrimSsynagoge, verübten Diebstahl betraf. Bekanntlich wur : den daselbst theils Silber theils Pakfong Geräthe, die zum Gottesdienst bestimmt sind, entwendet, und Vorhänge der Bundeslade ihrer Gold und Silberborten beraubt. Der Angeklagte in der Person eine» im Jahre 1867 aus Me : xiko zurückgekehrten Abentheuerer» Namens A. Hollube, ein i schon mehreremal abgcsttafteS Individuum, wurde, da er j auch am 29. Oktober v. I. bet einem hiesigen Israeliten