Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1868-08-27 · 19 (27.8.1868) · p. Seite 208

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
19 (27.8.1868)
Date
1868-08-27
Page
Seite 208 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4890378-5433912-5433933--102-4890467
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

208 Schacht der heil. Lehre war stets sein Blick versenkt und Eitelkeit. Prahlerei, das sich Erheben wollen über Andere, waren ihm nicht gekannte Elemente. Mit Einem Worte, Rabbi Simon Lasch war eine wohl gekannkc Koryphäe des Jndenthums, die nicht glänzen wollte, die sich in stiller Bescheidenheit da zurückgezogen, wo nur Vordrängen zu entscheide» hat. Die Gemeinde hat den Werth dieser Perle, deren Schimmer nicht trugvvller Glanz war, zu schätzen gewußt, ihre Echtheit wurde eben nur von Jenen nicht erkannt. die überhaupt das Echte 'vom Unechten im Jndenthumc nicht zu unterscheiden wissen, die in ihrer sclbstgcschaffcncn Autonomie große Geister wie finstere Schatten cinhergehrn ließen und es vorzogcn, anstatt nach -em so nahe liegenden Guten, nach dem in die, für das umsichtige Auge wcrthlosc Weite zu greifen. So wurde der große Todtc lieber in seinen frtthcrn Jahren der Kerkernacht der Sorgen anhcimgcstcllt, bevor ihn als ein leuchtender Stern an den Horizont der Gemeinde zu setzen. Sb mußte er als eine Säule des Indenthums fallen und in die Gruft jener großen Geister hinabfahren, in denen die RapoportS, Luzzato Sachs, Mannheimer und Meiscl in harmonischer Gleichheit schlumimrli und im Herzen eines jeden wahren Juden ein Monument bilden, das kostbarer als Erz, dauernder als Marmor ist. Nicht die verlängerten Tragstangen der Bahre konnten dem Hingeschiedenen Greise Ersatz bieten für so man-* che Zurücksetzung, die ihm im Leben geboten wurde, sie konnten nur daran erinnern, wie schbn eü geklungen, wenn sein Wirkungskreis ein so großer gewesen wäre, daß Jeder an seMUi Geiste und an seinem Wissen, Thcil nehmen konnte. DaS Andenken des Rabbi Simon Lasch, dcö großen Gelehrten, des wahren Menschen, des biedern Gemcindemitgliedes bildet nun mehr eine Traucrblnmc jenes Jmmortellen-Kranzcs, der auf dem schwanen Denksteine jüdischer Größen liegt. Rabbi Simon Lasch schied aus der Mitte einer Gemeinde, der er durch 72 Jahre bei aller seiner Znrückgezogcnheit niit Leib und Seele, mit Geist und Herz angchörte, auch wenn Manien dessen GlanzcSstrahlen blendeten, die er bis zn seinem letzten Athrmznge liebte, und die ihn stets als eine hingegangene Zierde betrauern wird. An seiner Bahre stoßen zwar nicht durchs dcö Wortes Zauber geschaffene Thräncn, an seinem Grabe tönten nicht rhytmischc Laute der Rhetorik entsprungen, die Thräncn stoßen aus dem Herzen jener, die in dem Hintritte des großen Mannes einen zertrümmerten Pfeiler des Judenthumö beweinten, die sich das Bild der edlen Tugenden eines Erdcnsohncs bei dem letzten Trcnnungemomenle vorfuhrtcn; die Seufzer stimmten ein in das Getöse der Erdgeröllc, welche die Gruft verschließen. Ucber Rabbi Lasch zu sprechen, wäre bei dem heute eingcrisscncn Usus eine klägliche Ironie gewesen, von ihm sprechen seine geistigen Thatcn, sein großartiges Werk, das den Commcntar zu den sechs Bänden Misch« najoth bildet, so wie seine wcrthvollen Manuskripte, über ihn spricht das Judcnthnm E i n Urthcil das lautet: „Mit Rabbi Simon Lasch ging ein Zeitalter zn Grabe." Friede seinem Andenken! lavoi! Br, Ein Fragment isr. Geschichte. (Schluß) Der Verfasser fährt nun, nachdem er den Faden seiner Erlebnisse unterbrochen hat, folgendermaßen fort. „Am Mitwoch 6. KiSlrv a*CK* (162.‘{) wurde die Heirath zwischen mir mit meiner Frau Malka, Tochter deS Lipman RcichShoffen vollzogen. Der Streit, welcher zwischen Ascher und seinem Schwiegervater wegen der Mitgift, und des baufälligen Haufe», welches bald einftiirtte, wird stillschweigend über« Hangen. Am Rosch Choaescn Ab rcy (1623) begab ich mich von Reichshoffen nach Metz in einem Wagen, worin sich Geld befand. Dort angelangt wurde ich ohne weiterunter einer sehr falschen und lügenhaften Anklage auf 5 Tage eingekerkert, und muffte um frei zu werden ein Lösegeld von mehr als 2000 fl. erlegen." Dieses Urtheil stimmt ganz mit der Gerechtigkeit, die man im 17. Jahrhunderte gegen unsere unglücklichen Brüder ausübte, überein. Schon der Name „Jude" genügte, um zum Gefängnisse und andern harten Strafen, ohne den geringsten Beweis verurtheilt werden. Ascher als Jude wagte nicht sich zu beklagen und hütete sich wohl davon in seinem kleinen Notizbuch zu erwähnen, aus Furcht, daß es nicht in die Hände eines Unbescheidenen käme, und dadurch in die Hände der Obrigkeit, um dadurch sich noch eine größere Strafe zuzuziehen. Ascher musste eben solche harte Schicksale erdulden, wie Hiob; aber er ertrug sic alle mit patriarchalischer Geduld. Traurig ist der Bericht, welchen er über die Pest machte, die in Oberbrunn und in der Umgegend viele Menschen hinwegrasfte. Im nächstfolgenden Jahre, stieg der Preis der Lebensmitteln so, daß die armen Juden nach RcichShoffen massenweise sich begaben und man ihnen kaum ein Nachtlager geben konnte.' „Mein Haus war, fährt er fort, jedermann offen." Trauriges Schicksal! rief er in seinem Schmerze aus. „Ich litt mehr als meine Mitbrüder; wohl quälte mich der Hunger, aber die Hoffnung auf Gott stärkte mich. Zum größten Unglück kaufte ich im Monate Nissan 1627) ein altes Haus, und um es bewohnbar zu machen, schuldete ich mich so ein, daß ich, als ich am ersten Tamuö dasselbe bezog, kaum zwei Mahlzeiten bezahlen konnte. Ich musste mir unter Sicherstellung ausborgen, so daß der Passivstand den Aktivstand überschritt; doch verlor ich das Zutrauen zu Gott nicht." Ein Bild von den Grausamkeiten, deren Schauplatz Elsas war, zu entwerfen, wäre vergebliche Mühe. DieseS-Land, bald von den Kaiserlichen, bald von den Schweden' besetzt, wurde von beiden Armeen mit Feuer und Schwert verwüstet. Hören wir weiter, waö das Manuskript insbesondere über die Juden von Reichshoffen und feiner Umgebung berichtet: „Im Monate Tischri 1628 ergriffen alle die Flucht. Jene, welche die Mittel dazu besäßen, flüchteten sich in feste Plätze wegen des Einfalles der Kaiserlichen unter Anführung des Generals Kratz. Wir Juden waren besonders in der größten Gefahr vorzüglich in RcichShoffen, wo wir uns in Gemäuer versteckt aufhiclten. Niemand wagte anSzugehen, aus Furcht vor den Soldaten gcmißhandelt zu werden. Je- 'den Augenblick schwebten wir in Gcfahr„ so wie jene in Niedcrbrunn, Obcrbraun und anderswo niedcrgcmetzclt zu werden. Ein Befehlshaber von sehr vornehmer Geburt, befand sich mit 300 KricgSlcutcn in Niederbrunn, niemand wagte sich zu ihm. Ich machte rnir Muth und wagte mein Leben um wenigstens für den Augenblick meine armen, so sehr gequälten und in einer neuen Art Gefängnis zusammengcdrängtcn Brüder und Schwester zu befreien. Nicht ohne Schwierigkeit begab ich mich zu ihm, verkaufte ihm einige Goldwaarcn und es gelang mir eine Sicherheitsschcin für mich und meine Brüder zu bekommen. Da ich auch weiter in Geschäftsverbindung mit ihm stand, so fand er einst einen - Artikel zu theuer und dieses brachte mich bei ihm in Ungnade und obwohl ich ihm das Geld zurückstellen und die ihm verkaufte Waare zurücknehmcn wollte, ihm auch e:ne andere in gleichem Werthe zu geben mich anbot, so verweigerte er es hartnäckig. Er ließ mir grachspüren, befahl mich aufzusuchcn und anzuhalten, kurz «ich lebte in größter Lebensgefahr, aber Gott half mir. Mein armer Vater, der in größtem Elende lebte und den ganzen Körper mit Wunden bedeckt hatte, kam zu mir am 8. Marcheschwan 1627 und blieb bis zum 17. Kislev n'vL', (1628) an welchem Tage er starb. Ich war gezwungen die vorgeschriebene Reinigung selbst vorzunehmen. Niemand wagte den Körper wegen seiner^, eiternden Wunden waschen zu helfen. Trotz der Gefahr dei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.