Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 19 (27.8.1868)
- Date
- 1868-08-27
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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203 Uebelstünde würde die leider bei den Israeliten vorherrschende Halbheit schwinden, durch die die Existenz einer Heilanstalt leicht ihrem Ruine cntgcgcngeführt wird, und der leidenden Menschheit ein nicht unerklecklichcr Schaden erwächst. Auf die finanzielle Gebahrung dieser Anstalt kommen wir ein anderes Mal zurück. . Ad inajorcm Rahhinorum gloriam. Es wird täglich lustiger und bunter inmitten der Indenhcit, und der Lebcnc ström derselben wirst Blasen auf, die im Lichte der Neuzeit ein gar sonderbares Farbrnspicl zeigen, vor dem manches Auge geblendet sich nicdcrscnkt oder in salzigen Thronen schwimmt. Doch das schadet nicht I. Die Hochstuth, welche hie mjb da ein Stämmchcn entwurzelt, ein sonst nicht fest begründetes Httttchcn einreißt, bringt Leven und Befruchtung selbst dahin, wo sic für den Augenblick zcr störcnv zu wirken scheint, und nur das ewig stille, stagnierende Gewässer ist geeignet zur Fäulnis und zur Bcrbreitung verpestender Miasmen, die weithin Tod und Verderbe» tragen. Für den unbefangenen, vcrtraucn-svoll in die Zukunft schauenden Beobachter, welcher weiß, daß das, was tief im Volksleben wurzelt, was jahrtausendelang durch die heftigsten Stürme, durch Fluchen, Feuer und Schwert nicht konnte vertilgt werden, nicht dem ersten leisen Wehen eines Frühlingswindc« werde zum Opfer fallen, ist eö erbaulich und unterhaltend zugleich anzuschaucn, wie so viele bemüht sind, kleine MaulwnrfShaufen zusammen zu scharren, sich darauf zu stellen und zu rufen: „Seht, das sind die Pyramiden der Jetztzeit, die unserem Ruhme zum Piedcstal dienen sollen; seht, wir machen Religion! wir sind befugt, berechtigt, bestellt dazu. Bescheidener zwar, aber immer noch nicht bescheiden Hingt der Ausspruch anderer: Wir möchten wohl gerne Religion machen, aber allein sind wir zu schwach, zu unwichtig! wir müßcn unser viele uns znsammenthun, damit die Welt Respekt bekomme, dann gchtS vielleicht. So vollkommen bescheiden und nüchtern sind nur wenige wie der wackere Herr Wechsler in der vor Kurzem zu Kassel abgehaltcnen Rabbinervcrsammlung. Als nämlich mehrere Anwesende darauf drangen, cs müssen Beschlüsse gefasst werden, damit die Rabbiner nicht zu EultnSbeamten hcrabsinken, äußerte er ganz richtig: „Wenn man erklären wolle, daß die Beschlüsse ausgeführt werden sotten, würde man ansgclacht werden." DaS ist einmal ein ehrliches Wort, ein Wort wie es einem Manne ziemt, der nicht a la Vogel Strauß seine Augen schließt, um nicht gesehen zu werden. Minder gerade und offen, wenn auch viel feiner klingt die Erklärung des Proßnitzcr Herrn Rabbiner I)r. Schmicdl, daß cs ihm, als einzelnen Rabbiner, ganz außer seiner Machtvollkommenheit liegt, im Judcnthumc feststehende und sogar biblisch begründete Satzungen zu ändern, ihm daher eine gewisse (biblisch verbotene) Eheschließung vorzunchmcn unmöglich sei. Doch liege ihm nichts ferner, als den Allerchöchst sanctionirten Gesetzen irgendwie seine Anerkennung versagen zu wollen, und er werde daher in seiner Eigenschaft als Matrikcnführcr den Conscquenzen der interconfessionellen Gesetze volle Rech nung tragen. Wir danken Ihnen hcrzlichst, Herr Rabbi.ner! für die gnthmüthigc Naivität, mit der sie die österreichischen Gesetze, und zwar ohne alle vorangcgangencn diplomatischen Verhandlungen anerkennen,' wir danken aber auch für den Wink mit dem Zaunpfahl. durch welchen Sie auf die Berufung einer offiziellen Rabbinervcrsammlung als priviligierte Rclitzionsfabrik Hinweisen. Wünschen und hoffen Sie etwa auch ein Concil? Glauben Sie auf einen solchen etwa einen jüdischen SyllabuS, natürlich im sehr fortschrittlichen Sinne zu entwerfen, und den Juden Oesterreichs zu oktroyieren? Weder (in einzelner Rabbiner noch die Gefammtheit aller hat ein Recht, biblisch Begründetes anfzuheben; vermöge des Prinzips der Religionsfreiheit können wohl einzelne Personen, ganze Gemeinden oder noch größere Vereine sich dieser oder jener Satzung cntschlagen, aber noch eben denselben Prinzipien der Religionsfreiheit nlüsscn diese alles dasjenige in.dcr Religion für den bestehen lassen, der dasselbe für bindend erachtet. Hochkomisch klingt demnach die Nachricht, rin Rabbiner Reumann in Petersburg. (Ist das die Hanplsradt Rußlands oder irgend ein obskurer Flecken dieses Namens?) habe für die ihnen unterstehenden jüdischen Rcligionsgenossen, die Beschncidnng abgcschafst. Bravo! Das zeigt doch von Energie, von Offenheit; es bezeichnet klar den Standpunkt, von welchem aus man das Indenthum nur als ei» Factum der Geschichte, als rin Ucbcrwnndcnes und Verwundenes wilNgrltcn lassen. daS für uns nur noch der Werth der interessanten Reminiszenz hat. Und daß diese Rückerinncrung nicht zu schwach werde, und daß man die Männer, welche der Welt für alle Ewigkeit den Stempel ihres Geistes anfgedrückt, nicht ganz vergesse, will man schon, wie die Zeitungen melden, in Worms dafür sorgen, daß dem ersten aller Rabbiner, wofür man ihn dort vcrmuthlich ansichl, Moschcli KabbiMiu näm-, lich, ein Monument von Stein und Er; gesetzt werde. Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen soll nur ein Schritt sein; ob aber der Rückweg vom Lächerlichen zum Erhabenen auch nur die Länge eines Schrittes hat, das mögen die überlegen, die einen Moses der Vergessenheit cntrükkcn, das Indenthum nach gegebenen Schablonen modernisieren, vielleicht auch die Zehngebote stilistisch verbessern und sich als Regeneratoren der Menschheit, als bevorzugte und privilegierte SceligkeitSfabrikantcn ausrufcn wollen. Hermanmestcc, August (O.-K. -) Als Erwiederung auf die in Ihrem geschätzten Blatte Nro. 17 dto. 23. Juli gebrachte Evrrcspondcnz aus Her manmestec ersuche ich Sic fvlgcnde Anfllärnng über die Zustände der hiesigen Gemeinde anszunchmen. Hcrmanmestrc, seit jeher zn den q'rößern und intelligentcn Gemeinden Böhmens zählend, hat gottlob nicht aufgchört zn beweisen, daß cs ans der Hohe der Zeit stehend mit derselben in erfreulicher Weise vorwärts schreitet. Wir haben also keinen Grund, uns zurückznschncn nach der Wiederkehr vergangener Zeiten. Wer jedoch einen Blick in unser Gcincindclcbcn thnt, der wird Schöpfungen der Neuzeit gewahren, die ein sprechendes Zrngniß.sind vom herrschenden Gcmeinsinn, vom Zusammenwirken vereinter Kräfte. .Ich nenne in dieser Beziehung vor allem unser stattliches Schulgebäude, welches vor 7 Jahren mit einem Kostcnaufwande von l0.01X1 Gulden errichtet wurde, welche Gcldcrfordcrnissc theils durch freiwillige Beiträge im Wege der Subskribtion, theils mittelst Aktienausgabe gedeckt wurden. In der reinen und klaren Erkenntniß dessen, daß in der Iugendschule die Grundbedingung zur gedeihlichen Entwicklung des GemciudcUbcns liege, wird dieselbe auch aufmerksam gehegt und gepflegt, hat sic sich auch vieler Gönner und Schulwohlthätcr zu erfreuen, welche für Schulbibliothck, für Lrhrapparate und andere nützliche Gaben bereits gesorgt, und noch mehr dergleichen Spenden für Unterrichtszweck? in Aussicht gestellt haben. Der an dieser Anstalt wirkende Lehrkörper wird gleich den übrigen Gcmeindebcamtcn aus der Gemeindekaffa mit jährlichen 1100 fl. besoldet. Für den PietätSsinn unserer Gemcinde sprechen der hier bestehende behördlich konzessionirte Krankenpflege- und LeichenbeerdigungSverein, die Wohlthun und Werke der Nächstenliebe zu ihrer Aufgabe haben, und deren humanitäre Zwecke durch reichliche Spenden und Legate seitens der Gemeindegtteder auf's wohlwollendste unterstützt werden. 'j Der unserer Gemeinde innewohnende, lebendige Ginn für gemeinsame Angelegenheiten hat sich in jüngster Zeit auch