Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 18 (13.8.1868)
- Date
- 1868-08-13
- Page
- Seite 193 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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193 Iugendpflanzen eine höchst ärmliche, das Gemüth deprimirende, die eher errathen lässt, daß die, die schon so früh zmn Leiden geschaffen, einem Armenhause anzehören als einem Institute in welchem Vater, Mutter ersetzt und sie erzogen und gebildet werden sollen. Die Kinder werden förmlich terrorisirt und sie müssen empfinden, daß Jemand im Grabe schlummert, der im Leben manche Thräne des Mitleids ihrentw egen vergossen hätte. Zudem entreißt man eigenmächtig den verlassenen Mädchen eine Erzieherin, an deren Herzen sie gehangen wie an dem einer fühlenden Mutter, und vcrtauscht sie mit einer Ausländerin, die ihre pädagogische Tüch tigkeit damit zu manifcstirc.'. glaubt, wenn sie den Kindern daS Brod vom Munde spart. Und dicß Alles unter der Leitung einer Dame, welche sich ein Monument zu setzen glaubt, wenn sie Allcinherrscherin ist und mit einer nicht am Platze gehörenden Strenge handhabt. Mögen sich doch die reichen Damen, die an der Spitze des Vereines stehen zu Gemüthc führen wie leicht cs ist, wenn man Uebezfluß hat, wie traurig hingegen, wenn Waisenkinder fremden anverlässlichen Sünden überlassen sind, und die zahlreichen Mitglieder und pendcr des Vereines Nachdenken, ob ihren aus dem Herzen fließenden Gaben Rechnung getragen, ob den in den Gräbern ruhenden Vätern und Müttern Beruhigung verschafft wird. Wir haben keine Worte für ein solches Institut zu verlieren und rathen den dreizehn Vorstandsmitgliedern das Institut nicht mitcr der Aegide einer einzelnen Dame zu belassen. Die neuen Verhältnisse und ihre Gefahren. Nach einer Versicherung des berühmten Kritikers Wolfgang Menzel muffte ehemals jeder, der das Gebiet des österreichischen Staates betrat, sich festtäglich angcmnthct füh len. Was nun einerseits die tiefe sonntäglich schemende Stille und die vielen kirchlichen Produktionen und Functionen betraf, die dazumal fast das ganze öffentliche Leben in Oe sterreich absorbierten, und andererseits bezüglich des Haschens nach.materiellen Genüsse im Lande der Phäaken, mochte Menzel wohl ganz recht haben; war aber auch die gehobene geistige Stimmung vorhanden, die dem Fcsttagslebcn geziemt? War es die Allgemeinheit des StrcbenS nach Höherem und Besserem, l ie Vergeistigung und Veredlung in Thun und Lassen aller Volksschichten, was den Juden- und Franzosensresser Menzel so anmuthcte? Mit Nichten! Die festtäglichen Erscheinungen, die öffentlichen Manifestationcn einer überschwänglichen Frömmigleit waren die Folgen einer von Zwang und Eigennutz geförderten Eonvenicnz, da die Beförderung zu was immer für einem Amte, der Genuß WM imincr für eines öffentlichen BcncfieiumS zum großen Thcilc von diesen Manifestationen bedingt war. Was Wunder, wenn heuchlerische Werkheiligkeit die Maske wahrer Religiosität annchmend, das au den Formen hastende Auge des oberflächlichen Beschauers täuschte! Wenn aber unter solchen Vorkomnisscn, wo daS Streben nach dem Scheinen richtiger wurde als das Streben nach dem Sein, die echte innige Religiosität litt; so hätte dieß doch nicht beim Judenthumc der Fall sein sollen, das sonderbarer Weise unter dem Regime des absoluten Oesterreich eine beispiellose Freiheit in seinen inneren Angelegenheiten genoß; indem der Staat so wenig als möglich sich um das religiöse Gebühren der Juden kümmerte undzufrieden war, wenn dieselben nebst den gewöhnlichen Steuern auch noch die besonders ihnen auferlegten pünktlich bezahlten. Diese besonderen Steuern waren, wie die Sabbathlichtsteuer in Galizien, die Koscherfleischabgabe in Böhmen und Mähren dem confessionellen Leben abgerungen; daß dieses nicht darunter litt, ist theils der Charakterzähigkeit der Juden, theil» der Raffiniertheit der Tirannei selbst zu danken, die nicht den wirklichen Bedarf besteuerte, sondern die Steuer nach den muthmaßlichen zzermögenSumständen berechnete, vermöge welcher A. so und iüua fo viel Sabbathlichtcr, B. so und so viel Koscherfleisch verbrauchen könnte, wenn er eben wollte, ferner stellte die Regierung unter dem Namen von Land und KrciSrabbinern noch einige KultnSbeamte, die aber die Judenschaftrn der betreffenden Länder und Kreise zahlen mussten, zu dem Zwecke an. um für etwa nöthig werdende Auskunft oder Gutachten eigene Organe zu haben, deren sonstige Thätigkcit meist weniger als Null, d. h. negativ war, indem sie sich in ewigen Competenzstreitigkeiten nahezu erschöpfte. Allein andere Faktoren waren vorhanden, die auf den echt religiösen Geist bei den Inden Oesterreichs abträglich einwirkten, und es waren dicß gerade Faktoren, die ursprünglich znm Heile und Frommen der Judenhtit in der edelste» und besten Absicht geschaffen, nur durch ihren Mißbrauch verderblich wurden, nämlich: Die offiziell anerkannten und befoblcncn Lehrbücher der Religion, die ReligionSprüfungen der Brautleute u. s.w. und (wir bitten um einige Aufmerksamkeit nud um Vermeidung absichtlichen oder unabsichtlichen Misverstchcns!) — die moderne Tempeleinrichtung. Trotz der durch Eromwell hervorgcruscncn von Rabbi Mcnaffeh den Israel verfafftcn und von Mendelssohn commcntiertcn „Vertheidigung der Juden" hielt man doch in Europa znm großen Thcilc dafür, daß die Juden eine eigene Moralichre besitzen, die ihnen sonst nicht zu rechtfertigende Akte gegen Andersgläubige gestatte. ReligionSlehrbüchrr in der Landessprache geschrieben und die oberwähnten Prüfungen wurden von klugen Vertretern der Judenhcit gewünscht, von humanen Behörden gebilligt, und sollten daS Absurde jener üblen Meinung offiziell erweisen. Allein die Religionsbücher waren, ganz abgesehen von ihren stilistischen pädagogischen und didaktischen Wcrthe oder Unwcrthc baar jedes begeisternden Elementes und die Lehrer welche zu deren Vortrage öffentlich angcstellt waren, bedrängten, verfolgten und dcnuncicrtcn als gemcinschüdlichc Win kclschulcn jene Anstalten, in denen Bibel und biblische Wissenschaften unterrichtet wurden. Die ReligionSprüfungen aber wurden meistens von den Eigennütze der Prüfenden als Mittel zur Erpressung mißbraucht; und die Fahrt nach der Kreisstadt zur Bne- Zion Prüfung war für manches heimgezogene, schüchterne Judcnmüdchcn ein wahrer Argonautenzug, erzählte doch manche Freundin erröihcnd von dem kecken Anstarren der Herren Schreiber und von manchen frivolen Spaß, den der Herr Komissär in einer Anwandlung gnädiger Laune sich erlaubt hatte. Was Wunder, wenn die Religion selbst, in deren Namen solche Unzukömmlichkeiten statt« fanden, Gegenstand der Misachtung oder mindestens der Gleich giltigkcit wurde. Ebenso sollte die moderne Tempclcinrichtung das Gotteshaus der Juden, welches wegen des darin herrschenden barbarischen Geschreies, der Unordnung und vielfachen Unsitte den nichtjüdischen Nachbaren ein Gegenstand des Spottes oder doch der Verwunderung war, einem gebildeteren Geschmacke zugänglich gemacht, und die Juden dadurch in der Achtung ihrer Mitbürger gehoben werden. Zugleich sollte die Predigt in der Landessprache dem verächtlich machenden Jargon cntgcgcnarbciten, und da« Emporkommcn des richtigen Dialektes ebenso durch die Synagoge als durch die Schule gefördert werden. Allein die Lorbeeren eines Salomon, eines Mannheimer oder Sulzer, die erschütternden Töne der Orgel im Tempel zu Hamburg oder Wien, endlich das rothe Bändchen in Knopfloche des jüdischen Gemeindevorsteher» dieser oder jener Hauptstadt brachten selbst im kleinsten Dörfchen, wo einige Judenfamilien sich zur Duodezkehillah geeinigt, schlaflose Nächte zuwege; wo man den kostbaren Inhalt nicht erlangen konnte, musste doch die Form gewaltsam herbei gezerrt werden; das sonst recht gescheidte Pointe im Worte eines kleinen Rabbiner» oder Moreh zedeks ward verwischt oder zerdrückt von der eisernen Gewalt de» ungewohnttn, angezwungenrn orotorischen Formenpanzers, und die Neine Gemeinde die sonst gewohnt war, ihre Jugend mit religiösen Wissen bereichern zu lassen, sucht da» Unterrichtsgeld zu ersparen, um ein Wesen zu erhalten, da» man füglich ein Mittelding zwischen einer »eihelosen Kirche und einem , 18*. —1 ' - t--LJ— 1 —' . -irJtA *