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Die Gegenwart · 1868-08-13 · 18 (13.8.1868) · p. Seite 192

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
18 (13.8.1868)
Date
1868-08-13
Page
Seite 192 (sequence 2)
Language
German
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192 dern, bevor man an die Wahl eines Oberrabbiners schreitet, wozu wir unS gewissermaßen im Interesse der großen Gemeinde Prag« berechtigt fühlen, indem wir Winke von maaßgebender Seite erhielten, daß der eine oder der andere, der seinen Einfluß oft für einen Machtspruch arzsieht, sich bestrebt, in seinem Geschmackc auch den Geschmack deö großen Ganzen zu erblicken. Wir finden in diesen Winken noch keine drohende Gefahr, in den geheimen Vehmgcrichten einiger Ehrgei. zigen, die einen Seclenhirten beschaffen wollen, um ihn in seiner Souzerainität nach ihrem Takt tanzen zu lassen, noch kein unumstößliches Axiom; denn Berge kreißen und gebä ren eine Maus; doch da Vorsicht die Mutter der Sicherheit und die Erfahrung uns gelehrt, daß oft ein einmahl begangener Fehler nicht gut zu machen ist, ist cs gewiß von Wichtigkeit, die jüdische Vertretung vorzeitig darauf aufmerksam zu machen, wie bei der Wahl eines ObcrrabbincrS Vorzügehcn fei. ES wäre sonach angezeigt, daß die Repr. zu den vielen mitunter weniger nothwendigcn Kommissionen*) eine neue inS Leben rufe, die im Vereine mit einer Delegation aus der Repräsentanz die rituellen Angelegenheiten, vor Allem jedoch die ObcrrabbinatSfragc zu berathen und zu beschließen hätte, die Mitglieder derselben seien aus Fachmännern zu bilden, — wir verstehen unter diesen nicht Rabbiner allein, die ohnedieß zuweilen eine Hathara in billiger und einfacher Weise bekommen, sondern Männer, an denen die Prager Gemeinde keine Roth hat, die einen'' hinreichenden Fond jüdischer Gelehrsamkeit alS deutschen Wissens und die nöthige UrthcilSkraft besitzen über einen Mann ein Votum abzulegcn, von dem nicht nnr ein allgemeines, sondern auch ein speziell talmudischcS Wissen verlangt wird. Diesen Fachmännern sollen noch andere ehrbare Gemciiidcmitglieder beigescllt werden, um auch über jenen Punkt leichter hinwcgzukonnnen, der mehx einen praktischen Werth hat. Da sclbstcrklärlich ein EonkurS zur Besetzung einer Obcrrabbinerstellc nicht ausgeschrieben *) Wir ftlaitbut beim doch, daß eine rituelle Commission wichtiger sei als eine Mazoth Kommission. (D. Red.) kunftSpoctrn und auch .inkunstspredigcr; letztere werden ans der Talmudthorasckmle bcrvorgcben und jene Richtung einschlagen, die ihnen ihr fahrender Sckwlast vorzcickmct. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß diese am Berge Sinai Skandal machende Scholastcn, die sich per passion Professoren oder Doktoren schimpfen taffen, ganz gut fahren; denn als ich neulich an einem der jüugstvcrstossencn Sabbatlic in den Morgenstunden in einer der lebhaftesten Straßen Prags promenirte, sah ich eine Droschke hart an mich anfahrcn und zu meiner Berwimderung sah ich den sonst wandernden Ahasvern», seine» Fonrier„schütz" an der Seite im Curriculum sitzen, wobei ich mir die Frage anfwars: gilt diese Irrfahrt des talmndthoraischcn Dduffcn» einer Iüngcri» der!halia oder einem in da» düstere Grab hinabzusenkenden Jünglings. Ich blieb mir die Antwort schuldig nnd mußte etwas langsamer gehen, da wie bckannt die beiden menschlichen Füße eine größere Geb- und Lanfkrast als ein abgehetzte» Droschkcnpfcrd entwickeln, um aus den Dialog dieser gemntbliche» DioSkure» zu lauschen. Der ältcrc schien mir zu skandiren nnd hellenistisch zu denken, der jüngere rin agitatorischer gesichtsvcrblaffter Bursche, ans dcffen bartlosen Antlitz der!>,espiskarrcn junger Damen schminklose Furchen eingcgraben, der schien mir uwara (liebe») abzuwandeln. um einst nach freilich zu spät erlangter Reise, ein hoffnungsvoller Uandidat werden zu könne». So fuhren sie fort und ich winnckite ihnen nur so sortzufahren und ging meinen Weg iveiter. Dieses Bürschchen jedoch ließ auf mich einen büchst unangenclnncn Eindruck zurück, ivobci ich mir nicht erklären konnte, ob er ein Spion der Hölle oder ein modcr- * ne» Mcfistoselchen ist und ich traute meinen eigenen Augen nicht, al» ich bald darauf wieder eine» Präsidenten sah. den man zu den großen (»roßen zählt, an deffcn Arme das Jünglein hing, nachdem er kurz zuvor einen ganzen Blumemnarkt für eine dramatische Jungstau ausplündcrn ließ. Dasselbe Jünglein, eine Fortbewegungsmaschinc, die man mit „Gafsenlocomobile" bezeichnet, beruhigte mich ein Bekannter, der meine Betracbtuna diese». Großen und Kleinen werden kann, so stehe rS jedem Mitglieds der Kommission frei, einen für die erledigte Stelle geeigneten würdigen Mann m Vorschlag zu bringen. In diesem Sinne wollen wir der Commission nicht vorgreifen und seiner Zeit dieselbe vor ihrem^Zusammentritte gerne auf jene Momente aufmerksam Wachen, die bei der Besetzung eines für die prager Israeli« ten-Gemeinde so bedeutungsvollen Postens, ins Auge zu fassen sind, und wir glauben in der Berührung dieses Gegenstandes deßhalb nicht gefehlt zu haben, um zu verhüten, daß nicht eines schönen TageS die Gemeinde mit einem Oberrabbincr überrascht werde, der nicht durch den Willen der Gemeinde, sondern durch die Protektion eines Einzelnen gewählt wurde. Auch ein Institut. Es dürste nicht Jedem bekannt sein, daß in Prag ein Privat-Frauenvcrein zur Erziehung armer isr. Waiscnmädchen existirt, nun cS möge sich derjenige trösten, der denselben nicht kennt. Wir sind in der unangenehmen Lage zu registriren, daß dieser Verein keineswegs der Tendenz entspricht, die die in Gott ruhende Frau Franziska Roscnbcrg zum Ziele einer Humanitären Anstalt gemacht hat; denn die geringe Anzahl der unglücklichen Mädchen scheint eher einer Strafkolonie anzugehören, als einem Institute, in welchem auf das Gedeihen des Körpers und des Geistes gesehen wird. Die Kost gegenwärtig eine äußerst mangelhafte, die Wohnung in einem der entlegensten, von fast verpesteter Luft erfülltem Gässchen (Goltschische Hofgässchcn) können nicht zur Entwickelung eines gesunden Körpers beitragen, und da nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist herrschen kann, so ist hier'zu erwarten, daß der Geist verkrüppelt wird, während der Körper jene» Gift einsaugt, das den Keim zu Skropholosis und anderen Krankheiten legt. Zudem ist die Bekleidung der zarten auffallend fand, ist ein Zonjon, da» sich jedem anhängt und mit keiner Tinktur vertrieben werden kann. Sic dürfen sich auch dann nicht wundern, sagte der Bekannte, wenn da» Jünglein mit ihrem Vorsteher Arm in Arm ein Jahrhundert in die Schranken fordert. Wenn mir bei dieser Gelegenheit der Sokratischc .Spruch einfiel: „Sage nur mit wem du gehst nnd , ich sage dir wer du bist, so mußte ich mich gleichzeitig de» großen Fritz erinnern, der einst bei einem „Priscn"gcricht gesagt haben soll: „Wenn man. kein Narr bleiben will, muß man nnr einen Narren bei sich haben. Die Fritze sind in der prager Jsraclitcngemcinde so sprichwörtlich geworden, daß cs nicht »mildern darf, wenn man behauptet, der wechselt wie der eine Fritz, der gaffcnhauert wie der andere Fritz, der fällt durch wie Fritz. Ick, danke Gott, daß ich nicht einer bin wie Fritz nnd da nach der Definition eine» anonymen Dichter», danken von denken ja allein kommt, so erlaube ich mir dem geehrten Leser die Frage anfzuwcrfcn, ob man nicht Gott danken soff, wenn man nicht so denkt wie jener Reimschmied, dcffen Gedicht keinen „Heller" wert!) ist und der folgendermaßen gereimt hat: Doch dankt Dir s, dcukt Dir s sic, der Du mit vorsichst, Den» Danken kommt vom denken ja allein, Und wenn Du einst in froher Enkel Chor stehst, Nock, immer dankt sic Dir und denkt sic Dein, Und daß Du stet» in Freud und Glanz und Flor stehst, Wünscht Dir glich ihr nräitcstcr Verein. Daß diese Stunde soll nicht ganz verbleichen, Nimm, dankend lvciht «'» die» Erinnerungszeichen *) *) Diese Strofe ist einem Gedichte entnommen, da» einem achtbaren ReprSsentanzmitgliede gelegentlich eine» freudenreichen Familienereigniffc» von sieben Vorstandsmitgliedern de» Beerd.-Brüderschaft-Verein» überreicht wurde. (Anm. d. Red.)

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