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Die Gegenwart · 1868-12-23 · 17 (23.12.1868) · p. Seite 188

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
17 (23.12.1868)
Date
1868-12-23
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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188 »Nicht rinmal Billard spielen kann man wegen diesen stinkenden Juden." Bon mehreren Leiten aufgefordcrt, diese Worte zurückzunehmcn, replizirte der Herr Baron enttüstet: »Dawäre das letzte, sich bei diesem verfluchten Judenpack zu excusiren," und gab damit da- Signal zu einer Szene, die derartig in Thätlichkeiten ausartete, daß der Lieutenant der sich durch alle Zimmer flüchtete, später im Hofe übel zugerichtct aufgesunden wurde. Von dort wurde er mittelst Wagen nach Raab transpvrtirt, wie man vermuthet, um sich bei seinem dortigen Regimentökonunandanten zu verantworten. Ten weiteren Schritten in dieser Angelegenheit sieht besonders dir IKK) Familien zählende Judengeineinde begreiflicher Weise mit der größten Spannung entgegen. Zur weiteren Charakteristik dieses Lieutenants wird hier erzählt, daß derselbe vorige Woche, in die Konditorei von Much kommend, mit dem Taschentnchc fächelte, und dabei sich äußerte: »Er müsse vor Allem diesen stinkenden Judcngcruch hinaustreiben." Tie Erfindung des Herrn Grafen ChorinSky scheint sich sonach in gewissen Kreisen einer vollständigen Ausnahme zu erfreuen, (Frdbl.) Amsterdam. Herr I)r. A. A. Andreson wurde hier als Bezirksrichtcr angcstrllt. Pari-. Ter ist. Wohllhätigkeitsverein hat ein neues mildthätigcs Werk unter dem Namen v'viix traSo gestiftet, welches den Zweck hat, Kleidungsstücke unter den angesehenen Familien zu sammeln und dieselben so wie andere Almosen unter die Nolhdürftigen zu vertheilen, (an. i8r.) Paris. Kaiser Napoleon beauftragte den Studenten Delaunay (Israelit) neue Manuskripte der Werke von Philo von Alexandrien aufznnchmcn. London. Ein Eorrcspondcnt der Jcwish Ehronicle berichtet, daß in den letzten 4 Jahren in Polen über 80.000 Exemplare des Talmud« gedruckt worden sind. Petersburg. Herr W. Löwensohn hat für seine Bemühung um die Errichtung eines neuen Hospitals zu Willna die goldene Medaille mit der Inschrift: »Für Verdienste," erhalten. (?wmagid.) Amerika. In den nordamerikanischen Staaten zählt man gegenwärtig 2f> isr. Gemeinden und 400.000 Israeliten, im frühern Jahrhundert waren nur lO Gemeinden mit 4000 Seelen. New-?)ork. Tasclbst ist vor Kurzem der Rabbiner Raphael gestorben, welcher sich als Liberaler, Literat, und gelehrter Theologe eines großen Rufes erfreut hatte. Er war 1708 in Stockholm geboren, studirtc an der Universität Gießen, ließ sich in England nieder, wo er die »Hebrew Review" gründete und wurde 1841 an die Spitze der Birminghamrr Synagoge gestellt. 1847 veröffentlichte er seine berühmte Adresse an die londoner Wähler, welche sehr viel dazu beitrug, daß Baron Rothschild ins Parlament gewählt wurde. Im Jahre 1840 ging Raphael nach Nordamerika und wurde Seelsorger a» einer der reichsten Synagogen New sflorks. New-Zsork Tie „Hebrew Ehristian Brothcrhood (ein Verein der die Juden zu bekehren sucht) veröffentlicht einen intercffanten Fall. Ein getaufter Jude aus dem Herzogthum Nassau, hat sich nicht weniger als fünfmal in N. 9). tauten lassen, und für jedcSmal eine Summe von 40 Dollars (100 fl.) erhalten. (Jew. Mess.) Chicago. Wie der »Jew. Mess." schreibt wohnen hier 12000 Juden Tic Meisten sind erst seit den letzten Jahrzehnten dahingezogcn. (ÜMtrt) (Eine Episode aus dem Leben Ludwig I. König vonBaiern. Aus dem Italienischen, von G.Le, wit.) Ein Israelit Namen- Ephraim stellte sich einst dem Könige vor, um ihm einen sehr seltenen Stein, den er geerbt hatte, und für de» cr seinehohen Preises wegen, der sich auf viele Tausend Gulden belief, keinen Käufer fand, zu verkaufen. Ter Stein gefiel dem Könige, er bezahlte die verlangte Summe, und der Israelit enffernte sich ganz zufrieden. Eines TageS erschien ein ausgezeichneter Archäolog am königlichen Hofe, der König zeigte ihm den gekauften Stein und sagte ihm auch den gegebenen Betrag. »Ich hätte zehnmal so viel dafür gegeben" sagte der Steinkundige. Der König blieb ganz erstaunt, ließ sogleich dm Israeliten rufen, um ihm den Mehrbetrag, den der Archäolog gegeben hatte, auszuzahlen. Ephraim weigerte sich das Geld anzunehmen, indem er sagte: »Der Kontrakt ist abgeschlossen und ich würde im entgegengesetzten Falle auch Ihrer Majestät nichts zurückerstattet haben." »So hätte ich Dich vor Gericht rufen laffen und dich dazu gezwungen," versetzte der König. »»Ihre Majestät hätte den Prozeß verloren, weil der Kontrakt einmal geschloffen ist."" »Ich nehme keine Geschenke von meinen Unterthanen an." »Und ich, versetzte der Israelit, nehme von Niemanden, selbst von dem Könige keine Geschenke an."" »Wenn ich Dir aber befehle." —' »»Majestät ich nehme nicht-."" »Du bist der uneigennützigste und ehrenvollste Mensch, den ich kenne." .»Ich verdiene nicht diese Auszeichnung, denn ich habe nur meine Pflicht gethan.'" Der König reichte Ephraim seine Hand und sagte: „Sei mein Freund, ich bitte dich um deine Freundschaft." Ephraim wurde der Freund Ludwig!., aber er benützte sie wenig,' indem er nie etwas vom Könige verlangte. Der König hätte sich ihm gern als Protektor gezeigt, und da er erfuhr, daß Ephraim ein sehr frommer Israelit sei, so ließ er den Oberrabbiner ftagen, welche die ehrenvollste Belohnung wäre, die man einem Israeliten erweisen könne. Die Antwort lautet kurz: die Würde eines Oberrabbiners. Sogleich ernannte der König Ephraim zum Oberrabbiner und daS Diplom wurde hierüber ihm ausgestellt. Mit Verdruß und Kummer las Ephraim seine Ernennung zum Oberrabbincr, weil cr keinen Talmud verstand, und diese Auszeichnung ihm mehr ein Spott zu sein schien. Noch spät in der Nacht lief Ephraim zum König und bat ihn, die Ernennung, zurück zu nehmen. Betrübten Herzenerfüllte der König dessen Wunsch, indem cr sagte: Das ist der erste Mensch, dem ich begegnete, dem selbst, ein König nichts gewähre» kann. Ephraim war ein sonderbarer Eharaklcr. Vom Mchertische Jcschurun, Zeitschrift für die Wissenschaft de« Judenthum«. Verantwortlich. Redakteur I)r. Joseph Kodak, Stadt- und Distriklsrabbincr in Bamberg. Sechster Jahrgang (5628) Deutsche Abtheilung 1. Heft, Bamberg. 1868. Selbstverlag deS Herausgebers. Finden wir häufig, daß Bücher und namentlich Zeitschriften die Firma der Wissenschaftlichkeit führen, und jene kaum kdurchgeblättert nur Seichtheit, Oberflächlichkeit und eine Menge zusammengeflickter tendcnzloser Abhandlungen enthalten, denen jeder wiffenschaftliche Werth abgeht, so können wir von vorliegender Zeitschrift das Gcgentheil behaupten, und Herrn Kodak rühmend hervorheben, da er in der Aufnahme interessanter Abhandlungen Geschmack und Sachkenntniß besonders verräth. Das erste Bild in diesem vielfärbigen Kaleidostop bildet die historische Darstellung unter dem Titel: »Die Ausweisung der Juden von Nürnberg im Jahre 1499" von H. C. B. Briegleb, in welcher der Verfasser in unpartheiischer Weise die Zustände der Juden in Nürnberg um jene Zeit, die strenge Sittlichkeit der israelitischen Gemeinde sowie den sittlichen Verfall der damaligm Reichsbürgerschast schildert, während er die Regierung jener Fortsetzung in der Beilage.

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