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Die Gegenwart · 1868-12-23 · 17 (23.12.1868) · p. Seite 185

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
17 (23.12.1868)
Date
1868-12-23
Page
Seite 185 (sequence 5)
Language
German
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185 Freuden, Reichthümern, Ehrenstellen wird immer jemanden finden, der dem Anscheine nach sein Freund ist; in Leiden und Unglücksfällen findet er nur Hilfe bei Gott, Mitklagende in seinen Religionsbrüdern. Mit diesem will ich aber nicht gesagt haben, daß man zurückgezogen lebe, und niemanden als seinen Bruder erkenne; das hieße gegen den moralischen und humanen Geist unserer Glaubenssätze predigen, welche gleichsam der Grundstein zum gesellschaftlichen Leben legen und der das Gesetz der grenzenlosen Bruderliebe gegen jedermann vorschreiben. Diese unendliche Liebe kann z»nd darf aber nicht die Ursache der Fahrlässigkeit in Deinem Glauben und der Verachtung Deiner Brüder sein. Bedenke, daß ihre Gebete einst Deine scheidende Seele begleiten, wenn sie zum Allvater zurückkehrt; daß ihre Gebeine neben den Deinen ruhen, und daß sie, aus innerem Drange mitleidsvoll, Deine Thränen ttocknen und Dich im Unglück trösten werden. Für heute dürfte dieses genügen. Lebe wohl! Prag 19. Juli (O.-K.) Wie bekannt, hat der frühere Vorstand der hiesigen Neusynagoge in seiner letzten Sitzung am 5. April d. I. dem Cantor Herrn Landau gewisser Differenzen wegen die mit einer unbilligen Anforderung im Zusammenhänge standen, auf Drohung eines anzutretenden Probevortrages in einer andern Gemeinde von Seiten H. Landaus, demselben die Kündigung insofern in Aussicht gestellt, als letzterer seine Drohung verwirklicht. Gesagt, gethan! und der Cantor ging bald darauf nach Teplitz, nicht um sich von seiner Idee heilen zu kaffen, nein, um daselbst auf Grund einer erledigten Cantorstellc, einen Probevortrag zu halten. Der Erfolg scheint kein glänzender gewesen zu sein, denn die Aufnahme erfolgte nicht, und die versprochene Kündigung in Prag ging in Erfüllung. Bald darauf schritt die Nensynagoge zu der Neuwahl eines Vorstandes, da die Amtszeit des frühern bereit» verstrichen war und glaubte damit ihre erste Energie zu entfalten, daß sie den alten Vorstand mit Ausnahme eines einzigen BeirathSmitgliedeS nicht mehr wählte und einen Mann der des Geldes wegen nicht zu verwerfen ist, wenigstens zum Ehrcnvorsteher machte. Seine erste Heldenthat glaubte der neue Vorstand damit zu bekunden, und seine Autorität zur Geltung zu bringen, den in Teplitz nicht aufgcnommenen Cantor, der mitlerweile jedes einzelne Vorstandsmitglied für sich zu gewinnen suchte, wieder in sein Amt einzusetzen; um jedoch vor den Augen der Welt dem ftühern Vorstände nicht vor den Kopf zu schlagen, mußte auf ein Kunststück spekulirt werden. Dasselbe war bald in der Form eines auszuschreibenden ConcurseS gefunden! und der in Teplitz nicht aufgenommene Cantor mit Vorbehalt deffen WidervcrbleibenS vertröstet, im Falle keiner der Petenten entspräche. ES hatten sich nun vier Cantoren, (Namen haben nichts mit der Sache gemein) gemäß dem ausgeschriebenen Concurse schriftlich gemeldet, und in suksessiver Aufeinanderfolge ihr Gastspiel eröffnet. Wenn diese keine Sulzer und PerclcS waren, so ist eS erklärlich, daß sich die Sulzer und PereleS nicht von den Bäumen schütteln lassen, allein eS war der eine oder der andere nicht unter dem Niveau der Leistungen des in Teplitz nicht aufgenommenen CantorS gestanden. Vor dem letzten Probevortrage meldete sich der 2. Cantor in Brünn Herr Israel Feldmann eine was Gesang, Kenntnis des Hebräischen und Thoravortrag betrifft, prononcirte Capacität, die geeignet wäre, in einem der größten Tempel als Obercantor zu fungiren, persönlich beim Vorstande, da er tzie Frist der schriftlichen Competirung versäumt hat. Der Vorstand nahm mit Vergnügen deffen mündliche- Offert an, und hat den 17. und 18. Juli für die Probevorträge des Petenten festgesetzt. Mittlerweile durchlief diese Kunde da- Publikum, daihn zu hören sehr neuzitrig war. ES mußte anderkommen! Der Vorstand befürchtete wahrscheinlich auch, daß derln Teplitz nicht auf. genommene Cantor. nach Recht nnd Billigkeit auch in der Neusynagoge werde nicht verbleiben können, schickte an Herrn Feldmann am 13. d. M. 8 Uhr morgenfolgendes Telegramm ab: Feldmann Israel Cantor Brünn. Bon Ihrem Probcvortrag nächsten Samstag hat e» sein Abkommen. Näheres brieflich. Vorstand der Neusynagoge. Am nämlichen Tage ging noch folgendes Schreiben ad. Herrn Feldmann Brünn. Prag 13. Juli Tk<>8. Nachdem Sie bei Ihrer Abreise von hier sich nicht für gewiß erklärten, daß Sie am 18. d. M. hereinkommcn, zu einem Probevortrage in der Neusynagoge, bedauern wir, daß wir für dießmal von Ihrem Anträge nicht Gebrauch machen können, nachdem der Vorstand in pleno beschlossen, daß der ConcurS am 30. Juni l. I. für erloschen zu erklären ist, wir behalten uns Ihren werthen Antrag auf fernerhin vor, d. h. wenn Sie auf diesen Posten später refleltiren werden. Unter allen Umständen müssen wir für dießmal auf diesen Antrag Verzicht leisten. Julius Rcitler in. p. Isaak Thorsch m. p. Heute ist bereits H. Landau wieder aufgenommcn und der Vertrag mit ihm unterzeichnet. Wer darüber nicht lachen kann, muß sich wenigstens ärgern; denn wenn der Vorstand nicht die Gewißheit hatte, daß H. Feldmann nach Prag kom men werde, wozu bombardirte er nach Brünn Telegramm und Brief? Was wäre gewesen, wenn H. Feldmann einen Probevortrag gehalten hätte, auf den das Publikum mit Neugierde gewartet? und was wäre schließlich gewesen, wenn der in Teplitz nicht aufgenommene Cantor die Ncnsynagoge hätte verlaffcn müssen? Man sicht auch daraus, wie derout die Zustände in unserer Gemeinde sind und schöpft die Erfahrung wie vorsichtig man in der Wi!>l eines Vorstandes sein soll. Ein Vorstand, der ans Männrn besteht, soll auch mit der ganze» Kraft feiner Xtiat offen, ohne alle« Couliffenspiel auftrctcn, das Interesse seiner (Gemeinde, nicht daS eines einzelnen Funktionärs im Auge haben. Bon einem solchen Vorstände, der statt diese Richtung zu verfolgen, ein Possenspiel treibt, arme Cantoren von entfernten Gegenden nach Prag foppt, damit diese ihre kümmerlich erworbenen Gulden hier liegen lasten, ohne entschädigt zn werden, kann man nicht sagen, daß er im Sinne der Gemeinde, der er vorsteht, handelt. Im Uebrigen bleiben diese Vorgänge eine Warnungstafel bei künftigen ConcnrSauSschreibnngcn des Vorstandes der Ncusynagoge. —r— HcrmanmLstetz 17. Juli (O.-K) Nicht ohne Befremden dürften Sic die Stimme aus einer bescheidenen isr. Landgemeinde Böhmenvernehmen, die sich erhebt, um in die Klänge um das verlorene Jerusalem cinzustimmen und Jercmiadcn ob der Zustände in unserer Gemeinde gen Himmel zu senden. So wie die Israeliten sich nach dem Auszüge aus Egypten nach den Fleischtöpfen desselben zurücksehnten, so sehnen wir uns zurück nach den Kreisrabbiner Hrn. Samuel Brod hochseligcn Andenken-, der wie ein treuer Seelenhirt, die Heerde auf den Fluren der Eintracht und der Gottesfurcht zufammenhiclt; aber auch nicht ohne Wehmuth erinnern wir un» feines würdigen Nachfolgerde- Herrn Rabbiners Bloch, um den wir jetzt Leipnick beneiden. Damals war hier eine Gemeinde, heute ist sie verwaist, in doppelter Beziehung verwaist. Sie besitzt keinen Vater der sie auf die rechten Wege führt, sie entbehrt durch die Zerklüftung zweier divergirenden Partheiea, jede- Zusammenhalte», und die hiesige Gemeinde hilft durch

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