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Die Gegenwart · 1868-07-16 · 16 (16.7.1868) · p. Seite 175

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
16 (16.7.1868)
Date
1868-07-16
Page
Seite 175 (sequence 5)
Language
German
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175 mit griechischem Raffinement verqnickten römischen BarbariSmuS zu Grunde gehen wollte, da wurden die Juden und mit ihnen jüdische Grundsätze und Anschauungen hinaus unter die Völker gestreut. Und als wieder im Mittelalter von absolutistischer und hierarchischer Gewalt der Geist der Menschheit niedergehalten wurde, da schlichen der deutsche Gelehrte Aruchlin und mehr Gelehrte seines und Wanderer Völker in die düsteren, engen Ghetto'S und holten dort den Originaltext der Bibel und das traditionelle Verftündniß derselben-, und bezüglich unserer Zeit wollen wir nur die Thatsache konstatiren. daß erst vor Kurzem in dem sich spezifisch christlich drückenden Preußen ein augenscheinlich den aristokratisch kirchlichen Kreisen angchörender Schriftsteller ein Schriftchcn: ,Ueber die Verjudung des christlichen Staates" zu veröffentlichen sich gedrungen fühlte. Ueber Juden und Judenthutn wollen wir aber einen Schriftsteller hören, der denselben entstammt, ihre Kreise zu enge gefunden und nachdem er sie oft genug verspottet, zur Zeit, da seine vielen Leidenschaften ausgetobt und ruhiger Ucberlcgung Platz gemacht, also sich äußerte: Welche Riesengestalt, dieser Moseö! Ich hatte MoseS früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war, und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Haß gegen alle Bildlichkeit, gegen die Pla- T stik, nicht verzieh. Ich sah nicht, daß Moses, trotz seiner Be- * feindung der Kunst, dennoch selber ein großer Künstler war 1 und den wahren Künstlergeist besaß. Nur war dieser Künst- 4 lergeist bei ihm, wie bei seinen ägyptischen Landsleuten, nur - aus das Kolossale und Unverwüstliche gerichtet. Aber nicht Ä wie die Aegypter formirte er seine Kunstwerke auS Backstein Ä und Granit, sondern er baute Memchcupyramiden, er mei- ^.ßelte Menschen-ObeliSken, er nahm einen armen Hintcrstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen andern Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte: er schuf Israel! Mit größerem Rechte als der römische Dichter darf jener Künstler, der Sohn Amram's und der Hebamme Jochcbet, sich rühmen, ein Monument errichtet zu haben, daö alle Bildungen und Erz überdauern wird! Wie über den Werkmeister, Hab' ich auch über das Werk — die Juden — nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiß wieder meines hellenischen Naturells wegen, dem der judäische AScctismuS zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgcnommen. Ich 'che jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloö ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und deS lcnds. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt, und wenn nicht bei dem Schreiber dieser Blätter jeder Geburtsstolz em närrischer Widerspruch wäre, so könnte er stolz darauf sein, daß seine Ahnen dein edlen Hause Israel angehörtcn, daß er cm Abkömmling jener Märtyrer, die auf allen Schlachtfeldern dcö Gedankens gekämpft und gelitten haben. Die Geschichte dcö Mittelalters und selbst der modernen eit hat selten in ihre Tagesberichte die Namen solcher Ritter dcö heiligen Geistes cingczeichnet, denn sie fochten gewöhnlich niit verschlossenem Visir. Ebenso wenig die Thaten dcrJuen, w.c ihr eigentliches Wesen sind der Welt bekannt und oie im Mittelalter sind sic auch noch in der modernen Zeit in wandelndes Geheimnis. Es mag enthüllt werden an dem Tage, wovon der Prophet gcweisiagt, daß cs" alsdann nur noch einen Hirten und eine Heerde geben wird, und der Gerechte, der für daö Heil der Menschheit geduldet, seine glorreiche Anerkennung empfängt. Die Juden, die die Bibel aus dem großen Brande des zweiten Tempels gerettet und sic im Exile gleichsam wie ein portatives Vaterland mit sich herum schleppten, das ganze Mittelalter hindurch, sie hielten diesen Schatz sorgsam verborgen in ihrem Ghetto — sie haben daheilige Buch auch gerettet aus dem Bankerott de--römischen Reichs, und in der tollen Raufzeit der Völkerwanderung es bewahrt — dies in alle Welt verbreitet wurde. Im Norden von Europa und Amerika, namentlich in den scandinavischen und anglosächsischen, überhaupt in germanischen und einigermaßen auch in celtischcn Landen, hat sich das Palästinathum so geltend gemacht daß man sich dort unter Juden versetzt zu sehen glaubt. — So ist es auch mit manchen Provinzen Norddeutschlands und mit Dänemark; ich will gar nicht reden von den meisten neuen Gemeinden der vereinigten Staaten, wo man das alttcstamentarische Leben pedantisch nachäfft. Letzteres erscheint hier wie dagucrcotypirt, die Eontourcn sinh ängstlich richtig, doch alles ist grau in grau, und es fehlt der sonnige Farbenschmcl; de» gelobten Landes. Aber die Carricatur wird einst schwinden, daS Echte, Unvergängliche und Wahre, nämlich die Sittlichkeit des alten JudenthumS, wird in jenen Ländern eben so gotterfreullch blühen, wie einst am Jordan und auf den Höhen von Libanon. Man hat keine Palme und Kameele nöthig um gut zu sein, und Gutsein ist besser denn Schönheit. Vielleicht liegt eS nicht bloS in der BildungSfühigkcit der erwähnten Völker, daß sie daS jüdische Leben in Sitte und Denkweise so leicht in sich ausgenommen. Der Grund dieses Phänomens ist vielleicht auch im Charakter de« jüdischen Volkes zu suchen, das immer sehr große Wahlverwandtschaft mit dem Charakter der germanischen und einiger,naaßcn auch der celtischcn Racc hatte. Judäa erschien mir immer wie ein Stück Occident, das sich mitten in den Orient verloren. In der That, mit seinem spiritualistischcn Glauben, seinen strengen, keuschen, sogar aseetischeu Sitten, kurz mit seiner abstracten Innerlichkeit, bildete dieses Land nnd sein Volk immer den sonderbarsten Gegensatz 'zu den Nachbar-Ländern und Nachbar-Völkern, die den üppig buntesten und brünstigsten Naturcultcn huldigend, im bacchantischen Sinncnjubel ihr Dasein verluderten. Israel saß fromm unter seinem Feigcnbanm und sang^ das Lob deS unsichtbaren Gottes und übte Tugend und Gerechtigkeit, während in den Tempeln von Babel, Ninive, Sidon und TyruS jene blutigen und unzüchtigen Orgien gefeiert wurden, ob deren Beschreibung uns noch jetzt daS Haar sich stränbt! Bedenkt man diese Umgebung, so kann man die frühe Größe Israels nicht genug bewundern. Von der FrciheitSlicbe Israels, während nicht bloS in seiner Umgebung, sondern bei allen Völkern deSAltcrthumS sogar bei den philosophischen Griechen, die Sklaverei justificirt war nnd in Blüthc stand, will ich gar nicht reden — Freiheit war immer MoseS deS großen Emancipators, letzter Gedanke. ■ So schrieb Heinrich Heine in seinem „Geständnisse er, der früher in einem Gedichte eben das von seinem Oheim in Hamburg gegründete jüdische Hospital sagte, daß cs für dreifach Kranke gehöre, die nämlich an physischer Krankheit, an Armuth und an ihren „cgyptisch kranken Glauben" leiden. Daß auch einst Herr Maximilian Heine ein gleiches Geständnis; ablegc, erwarten wir nicht, hat doch sei» über seinen großen Bruder jüngst veröffentlichtes Bnch bewiesen, daß er diesen sowohl als das Jndcnthum viel zu wenig verstehe. .l Aus den Donanfürstcnthüinern im Juni 18<>x. (O.-K.) Die von einigen nieder,, Hohen in den Donanfürsten thümcrn, und namentlich in der Moldau, herbeigekührten mittelalterlichen Grüuclsccnen hat die donnernde Stimme des entrüsteten Europas ein Halt gcbothen. Ein Jsraelitc der vicljährig in Jassy lebte, fühlt sich verpflichtet, die Erkläklärung abzugeben, daß dem Volke der gastfreundlichen Ru mänen nichts entfernter nicht als Religion-Haß, jene Inden Verfolgungen gingen keinesfalls vom Volke aus, sic waren gewaltsam von einer Bojarenclique herbeigezerrt, die für ihre unlauteren Ziele des Fürsten Schwäche mißbrauchte. Einer Jaffyer Israeliten Deputation die sich an

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