Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 16 (16.7.1868)
- Date
- 1868-07-16
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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173 Blicke man doch auf die bereits zurückgclegte Strecke von Jahren zurück, rufe sich die Bilder eines Ezechiel Landau, Lazar Flccklcs, Samuel Landau, Samuel Löw KauderS und selbst in letzterer Zeit eines Sax ius Gedächtnis, so wird man einen Begriff von dem Schatten erlangen, den die vorgeschrittene Zeit unseres Jahrhunderts auf die Zustände des Gemcindclebcns wirft. Jene Männer, die durch würdevolles Acußcre, durch Geist, wahre ungchenchclte Rcligiosität zu imponircn wussten, die wie ein Sax nicht nur durch den Farbcnschnielz ihrer Reden, sondern durch die Wahrheit derselben \1\ begeistern und hinzurcißcn wussten, schmiegten sich an ihre Gemeinde und füllten ihren Platz in des Wortes edelster Bedeutung aus. Sie drangen in Familienkreise, nicht etwa um ihre materiellen Gelüste zu befriedigen, nicht um zu hofircn, sondern Glaubenswankende Väter und Müller durch Beibringung ihrer echten Uebcrzeugung aufzurichtcn und sie eines Bessern zu belehren. Wer erinnert sich nicht des chcvalcrcSkcn Auftretens, des seinen Umgangs dieses Sängers des Euphrat und Jordans, seines liebevollen, aller Exaltation fernen Benehmens gegen Jedermann, in welchem keine hohle Phrase, sondern edle Wahrheit zur Geltung kamen. Ganz anders ist es heute mit den Scelenhirtcn dieser religiös verwahrlosten Gemeinde, welche sich an deren Barte schccren lernen und durch ihre Jugend, ihr cinsci'igcs Wissen, ihr kühnes Auftreten nicht den rechten Weg finden können, den die Jugend betreten ^soll. Faschingsstückchen, Kränzchen, Eoncertc, sind an die Stelle eines eisrigen S tudiunis der Lehre getreten, die mau perhorrcsclrcn zu dürfen glaubt, wenn man nur allvierzchntäglich eine Predigt scrvirt, die weder auf Gcmüth noch Gefühl zu wirke» im Stande isl. Ta gibt eö Jünglinge, die nur in eine Kutte gesteckt, das vollste Recht in Anspruch zu nehmen glauben wie ein Prediger der Jahre lang um eine Kanzel gerungen und rastlos auf dem Felde dcS Herrn gearbeitet hat. Da gibt cs Männer, die sich jeder Ucberzeugung verschließen, die in einer Predigt ein Axiom ausstcllcn, das sic in einer folgenden wieder umstoßcn. Und dicß Alles für schweres Geld! Dieß Alles in einer Zeit, wo die Jugend moralisch krank ist, und eines religiösen Trostes bedarf, wo so viele nur daü Prädikat ״Jude" führen, weil cö sic nicht gcnirt und ihrer Opportunität keinen Eintrag thut. - Erwägt man nun diese im Trauergewaude gehüllten Zustände, welche ans das Gcsammtjudcnthum einen eigenthümlichcn Reflex werfen, so ist der Rückschritt desselben in Lapidarschrist gezeichnet. Und grade in einer Zeit, wo der Genuß gleicher Völker und Menschenrechte, dem Juden geboten ist, muß das Banner der Religion hoch gehalten werden um die Achtung der Rationen zu erringen. Glauben wir doch nicht einem verknöcherten Orthodoxismus zu huldigen, jenem Orthodoxismus, der den Fortschritt hemmt, so wünscheu wir nur, das; ein systematischer Religionsunterricht nicht fehle, die heilige Lehre gepflegt, und der Gottesdienst nicht über's Bord geworfen׳ werce. Dicß Alles jedoch wird nicht durch eine Schaar von Predigern erzielt, die divergirende Anschauungen haben und zu einem Labyrinthe führen, auS denen die Zuhörer nicht heraus gelangen. Und alle diese bereits ticfgcwurzcltcn Uebclstände fallen zum größte» Thcile der Gemeinde selbst zur Last, welche durch ihre Indolenz, den totalen Ruin des jüdischen GemcinsinnS hcrausbcschwört. Ter starre Materialismus bekämpft bei ihr alle wichtigen noch so heiligen Interessen, die ein mal unter dui Trümmern eines ehemaligen Gebäudes vcr graben, nicht mehr hcrvorgrholt werden tonnen. Wer über legt nicht die Folgen einer solchen Gleichgiltigkeit, wer ruft nicht die nothwcndigc Verbesserung der morsch gewordenen Zustande in's Gedächtnis; um die Gemeinde bei Zeiten noch vor gänzlichem Verfall zu retten?! Wie ein trauernder Schiffer, der ob erlittenen SckiiftbruchS, von einer Felsenklippc die Aussicht auf der Wrack seines Hab und Gutes gewinnt, so blickt das Herz eines ehrlich denkenden GemeindeglirdcS auf die zertrümmerten Verhältnisse einer sich inö Grau des Alters verlierenden Gemeinde, um noch zu retten, was zu retten ist. Die Einsamkeit macht ihn trostlos und fürchtet das Aergste ׳, denn die Geiycinde ist weder nach innen noch nach Außen vertreten. Einer verlassenen Waise gleich ruft sie die Verstorbenen aus den Gräbern, welche sich,ihrer annahmen, welche ihr einst zum Stolze und zur Freude gereichten. Sie braucht Männer, die Sinn für das Judenthum haben, die mitfühlen, wirken und streben, ohne mit den Interessen der Gemeinde andere Interesse zu verschmelzen. Werden diese Männer nicht bald gesunden sein, so ist an eine gute Wendung der Tinge nicht so bald zu hoffen und an eine Heilung der iunern Zustände der Gemeinde auf die wir noch zurückkommen werden, nicht so leicht zu denken. Die Rabbiner-Schule zn EisenKadt. Wir beschranken uns einen Auszug ans dem ״Israeli tcn“ anzuführcn, der das Verhältnis des ehrwürdigen RabbincrS Dr.Hildeshcimcr zu der von ihm gegründeten Rabbincr-.Schulc beleuchtet und gleichzeitig eine biographische Skizze dieses biederen Mannes bringt. Wir lassen den Auszug hier folgen: ״Unsere Leser wissen von der großartigen Rabbinerschnlc, welche Herr Rabbiner Di׳. HildeShci m c r vor 17 Iahreu in Eisenstadt gegründet hat. und seitdem zur immer größercr und gedeihlicherer Entwicklung erweitert. ES liegt uns ein Bericht vom Leiter der Anstalt vor.' Dieser Bericht ist geeignet, unsere ganze Bewunderung für den Mann zn erregen, der so Großartiges leistet. Um zu begreifen, wie e i n Mann einer Rabbinerschnlc, die 100 Zöglinge zählt, nicht allein vorstehcn, sondern dieselbe unter göttlichem Beistände ans eigener Kraft erhalten, den Unterricht im Talmud und den dazu gehörigen Eodiees eben so wie in den Profanwissenschafteu, im Griechischen, Latcinischen, Deutschen, in Mathematik, Geschichte oe. .׳e. crtheilen kann, und dennoch Zeit gewinnt, für die Öffentlichkeit, für das Allgemeine ungemein segensreich zn wirken, ist cs noth wendig, den Alaun einmal naher zn betrachten. Herr Di׳. Israel (Esricl) Hildesheimer' wurde im Jahre 1S20 in Halbcrstadt geboren und von seinem gelehrten Va tcr *מ״ה״ו ליב גרייא ו״צ״י und seiner frommen Mutter!שה— so erzogen, wie solche Eltern eine Erziehung zu geben pfle gen. Schon als Knabe zeichnete er sich durch, beispiellose» Fleiß, den glänzende Anlagen unterstützte״. ans. Als lljäh rigcr Jüngting ging er nach Altona und ward ein Schüler unseres hochbcrühmten ־נאץ ר״ייו יעקב עטטלינגעי. Rach vier Jahren kehrte er nach Halbcrstadt zurück, um das dor tigc vorzügliche Tomghmnannm z» absolviren. lim einen Be griff von seinem Fleißc und seinen Anlagen zu geben, möge ein Fall genügen. Rachdcm sich H. in Altona für das Gyiiiiia sium vorbereitet hatte, sollte er in Halb rstadt in O.narta ausgenommen werden; da jedoch H. in die lchchste Elasse, in Prima, eintrctcn wollte, so kehrte er nach Altona zurück und bereitete sich .hier in eine m I a h r e derart vor, daß er dann in Prima anfgenommcn wurde er Halle also in ei׳ nein Jahre einen Lehrsloss in sich ausgenommen, der für An derc f ü n f Jahre erfordert. Rachdem H. das Gymnasium in Halbcrstadt und die Universitäten zu Berlin und Halle rite absolvirt hatte, in letzterer Stadt zum!Meter l>11ilo.sop!1ia׳ promovirt worden war und von einer der größten damaligeit talmudischen Autoritätcn .-־ת־ת הירא erhalten, verhcirathctc er sicki, u d privatisinc einige Jahre in Halbcrstadt. Damals hatte der Her auSgrber dieser Blätter das Glück, zu den Füßen des Hr» Dr. H. 1\< sitzen. i Um eine Vorstellung davoN^zn gebe», wie Herr Dr. H. damals seine Mußezeit verbrachte, möge Folgendes die- 16* ■