Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 16 (16.7.1868)
- Date
- 1868-07-16
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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172 ✓ heute der Physiognomie jenet „Mutter in Israel" keinen absonderlichen Geschmack abgcwinnen, allein, wenn in derselben auch kein harmonisches Ganze gefunden, wenn die AtmoS sphäre dcS Ghetto nicht behagen konnte, und die Sonne der Freiheit durch da? trübe G,wölke des nmdüstcrten Himmels nicht gedrungen ist, Eines war zu finden: Es war echter religiöser Sinn und wahre Brüderlichkeit, die überall zur Geltung kamen. Diese waren das Palliativmittel gegen äußere schädliche Einwirkungen, welche durch das Zusammenhalten der einzelnen Glieder einer Kette bedeutend abgeschwücht wurden. Damals waren religiöser Sinn, Her; und Gemüth, welche die immer aus den Fugen zu gehen bedrohte Gemeinde znsammcnhielt und sic vor gänzlicher Bernichlung bewahrte. Wie die prager jüdische Gemeinde heutzutage beschaffen ist, so gleicht sic eher einer Camera obscura, in welche der Lichtstrahl der Freiheit gedrungen, ein unvollkommc'tcs Bild auf der mattgeschliffenen Scheibe dcS öffentlichen Gebens wirst. Die dunklen Flecke, die das Bild gewissermaßen elwaS unklar machen, zeigen sich zumeist in den Zuständen der Gemeinde, die leider kläglich zu nennen sind, und in ihren verschiedenen Vibrationen, ein trauriges Prognostiton zu stellen scheinen. Durch und durch verrottet, bis zum unentwirrbaren Ehaos gediehen, haben sie Elemente geschaffen, die wie schädliche Miasmen die Viift dcS GcmeindclcbcitS crsüllen und an dem Körper desselben so lange zehren bis die Auflösung erfolgen inuß. Jener Flitter nach Außen täuscht dos kurzsichtige Auge, das vergeblich nach dem EristalUsationspnntte sucht und von dem eitlen Geflunker verblendet, den Abgrund vor sich sieht, der die letzten Körner einer alten Zeit zu verschlingen droht. Der alte gute Geist ist gewichen, der religiöse Sinn scheint verloren gc> gangen zu sein, den zurückzuschaffcn kein redlicher Finder sich die Mühe nimmt. Werfen wir zunächst unfern Blick auf daS Gebiet der religiösen Zustände, so liegt das Feld förmlich brach vor uns. Und grade sind es jene, denen die Pflicht obliegt, dasselbe zu bebauen, welche am allerwenigsten den Anforderungen der Religion Reclmung und so zu dein Umsichgreifen des religiösen JndissercntismnS beitragen. Während noch vor Jahren der Baum der Religion unter dem Auge von Männern, deren Namen noch heute mit Pietät genannt werden, Wurzel schlug, sehen wir ihn heute bei einem ziemlichen Quantum sogenannter Synagogen-Prediger, die sich auch Rabbiner nennen, nach und^nach hinwelkcn, bis die letzten Blätter fallen werden, um das völlige Siechthum wahrer Religiosität zu bekunden. Die moderne Anschauung dieser in Kutten gekleideter Novitäten, entfremdet die Jugend immer mehr und mehr einer gesunden religiösen Richtung, macht sie für den Besuch der Synagogen nicht empfänglich und die Conscquenzen solcher Philosophen spielenden Halbrabbincr mit ihren verschnörkelten Radomontaden sind —lecreGotteS Häuser. Leere Gotteshäuser — sagen wir — und würde nicht durch flehentliches Bitten eine vorschriftsmäßige Majorität von 10 Personen auf offener Strasse aufgetricbcn werden, so könnten die Thürcn von einem Sabbath zum andern verschlossen bleiben. Das sind die Früchte jener auf „Gelehrte" sich hinspiclendcn modernen homiletischen Eiferer, von ebenen der größere Theil trotz der guten Bezahlung die ganze Woche hindurch keine Synagoge besuchen und sich dann von der Kanzel herab grämen, wenn sie einen religiösen Verstoß bei jenen wahrnchmen, welche nicht bezahlt sind. Und so wie sie dcS Balkens im eigenen Auge nicht ansichtig werden, desto besser den Splitter in der Pupille eines Andern wahrnchmen, so wissen sic ihre Schwächen zn bemänteln. ihre Stellung, so ferne sic gelockert zu werden droht, durch daS sich Stützen an den Pfählen einiger Protektoren, welche die Augen schließen, nm nicht gesehen zn werden. Wenn nun letztcre sich iiicht, zu. beantworten wissen, für waS chasciMincGeld uiusonst verschwendet wird, so mögen sie wohl bedenken, daß, was noch mehr ist, der Zweck, die Religion zu erhalten, dieses den Inden kostbare Kleinod zu bewahren, verloren geht. Der Außenwelt gegenüber braucht eine pragcr Gemeinde keine künstlich geschaffenen Rabbiner, damit sic etwa ein Mahl im Falle cincS Leichenbegängnisses einer finanziellen Eaßacität daS Schaugcprängc vergrößern, sie braucht keine geistliche Armee, sic braucht ehrliche rtb fromme Rabbiner nicht aber solche, die mit der kiberals n Anschauung kokietireu und nur darin ihre Pflicht erfüllt ,u haben glauben, wenn sic-eine homiletische Stilaufgabe z n Besten geben, die zuweilen gelinde gesagt, ein Fiasko ma >t. t * fc Mein!olera»zpatc»t bat de» Ban», der auf Euch lastete, aufgebobe», der onde in feilt Fremdling mehr int Staate, er soll ein Bürger des Staates sein und sich als solcher fühle», der Jude soll eine uienscheuivürdige Stellung sich erringen, er soll darum auch Soldat merden. 'Boas ineinst?», Nathan." „David war ein Soldat, Iosna war auch Soldat, Israel in der Wüste führte Krieg gegen Ainalek, die Makabäer waren Helden des .Krieges. Israel in ein kriegerisches Volk gewesen, für ein Vaterland streiten, das ihm Schuh und Recht gewährt, wird der Sude mit Slolz n»d Freude/' _ ./Auch ain Sabbatl, stet Pater Wolf dem Inden ins Wort. „Habt Sl,r Such denn nicht geweigert, am Sabbatl, die Mauern Sion s gegen eitns zu vertbeidige»? Werdet Ihr essen wollen von unserem Brode, ans einer Schüssel mit uns, das doch verboten ist in Sneren besehen, Snereni sbalnmd »nd Schnlchan Orach? Ist er ein Abtrünniger, SskeleS. von seinem spotte, mm so möge, mit Verlaub Sr. Majestät, Pinäias Steinist. der Schächter, reden." .,Sr rede," sagte der Kaiser. PinchaS Steinist war vom Schrecken >zeläbmt, er konnte das Wort nicht sinden. endlich stotterte er: „Der Herr wird ans die Junge seines Knecht 'S Rüben MenasteS legen, was er durch mich sagen lasten will." Rüben Menasse aber war ein Nnwistcndcr im Talmud, der dachte. waS der ivcise Nathan Sskeles, der reiche Bankier für gut hält, muh doch gut sein; darum fasste er sich ein Herz und sagte: „Vollen Euer Majestät ein Mosebcl hören, ich weist ein-, das Moschel c^cschjchtchein pastt, es ist mir so eben eingefallen; wenn ich darf, tvill ich » dem Herrn Geistlichen erzählen." „Warum nicht mir?" kragte der Kaiser, „warum dem Pater?" „Das sollen der Herr Kaiser auch bald erfahren, wer ka Aednld hat, kann nicht kreisten, wer nicht kreistt, kann keine Kinder baden, darum Geduld." r „Bei uns, in Prostnist, lebte in alter Zeit ein Bäcker, - Seit nannten die teilte die Schlafnmsten, denn er liest sich von A en, Alles gefallen. Hat ihm Jemand ein Fenster eingeschlagen, so schote er nm den (Glaser und liest ein "anderes machen, warf ihm ein Anderer einen Stein in s Hans, sagte er, Vergelt s Mutt; darum hieß eS allgeinein von Jemanden, der' keine Sourage hat. der ist ein zweiter H olowck, so hieß nämlich dieser Bauer. Dieser Holowck hatte eine schöne Tochter, in welche sich der Amtsschreiber von Prostnist bis über die Ohren verliebte; hcirathen wollte er das Mädl nicht, aber verführt hat er es, ohne Furcht, denn sic ivar ja HolowekS Tochter. Wie Holowck die Sache erfahren, dast jener sein Kind unglücklich gemacht hat. da ward er plöstlich ein ganz andcrer Mensch, er ging auf's Amt, klopfte denuithig an die. Thür, bat, weinte und machte dein Amtsschreiber gütliche Borstellungcn, er möge sein Kind nicht unglücklich machen. Der Amtsschreiber aber lachte den Narren aus, von dem er wnstte, dast er keilte Soltragc habe, aber Holowck ward ein andcrcr Mann, da es sein höchstes ans Erden, scjn Kind galt. Die Schlafmustcn ward ein Held; alle Bäckergesellen »lnßten znsanmlentrcten, Holowck kommandirte sic, sic zogen in den Krieg gegen die AnltSleutc, selbst gegen des Kaisers Soldaten, die von Holowck geschlagen wurde». Den Amtsschreiber erschltig der Holowek, und der Kaiser, der HolowckS Macht ancrkannte, schlost Frieden mit ihm und machte ihn zum Fürsten von Holowck. „Holowck, Holowck, Euer Majestät, denken Sic an Holowck. Ich habe sechs Söhne, sie mögen den Anfang machen, sie sollen Soldaten werden, Euer Majestät, Hcrrcndicnst, geht vor Äottcsdicnst". Die Konferenz war zu Ende. Der Kaiser hatte die Konskribtionspstichtigkcit der Juden dckrctirt, trostdcm dies seine Räche misbilligt hatten. Die* sechs Söhne wurde» Soldaten und die Bravsten des Regiments. M»