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Die Gegenwart · 1868-06-25 · 15 (25.6.1868) · p. Seite 164

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Journal
Die Gegenwart
Volume
I (1868)
Issue
15 (25.6.1868)
Date
1868-06-25
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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164 ja daß Prag, wenn auch nur Landeshauptstadt. noch immer \ ein größeres Contingent von einheimischen Talmudgelehrten liefert als die Reichshauptstadt, wird selbst derjenige zngestehen müssen, der da- Drachengift seiner Bosheit durch Bornirtheit zu versüßen sucht. Kraft der Prager Lokalkenntnisse des Leopoldstädter Topographen findet eö derselbe dem Zukunftsseminar höchst nachtheilig, daß Klcinscite und Hradschin von aller jüdischen Bevölkerung entblößt ist, während er dieselbe in einem erweiterten Ghetto wohnen lässt. Notorisch ist es, daß die jüdische Population in Wien, wenn auch hie und da sporadisch vcrtheilt, in der Leopoldftadt so koncentrirt ist, daß diese Vorstadt stereotyp das wiener Judcnviertel genannt wird; wir finden cS sonach dem füufsinnigcn Gehirnapparat eines Menschen zuwider, wenn dieser in dem ehemaligen Ghetto Prag'S, das gegenwärtig jüdischer 7/9 christlicher größtentheilS unbemittelter Einwohner zählt, 'die ganze prager Iudenschaft wohnen lässt, während doch der intelligente und financielle Theil derselben über diejenigen Stadtthcile verbreitet, in denen überhaupt die Bevölkerung zahlreich vertreten ist, ja selbst fast sämmtliche Prediger und Cantoren der prager Sy- - nagogrn in der Alt- und Neustadt wohnen, trotzdem sich Tempel und Synagogen in der Mitte oder doch wenigstens in unmiktelbarstcr Nähe der ehemaligen Judcnstadt befinden. Der Wahmvitz eines nicht minder geistesbeschränkten, als bösartigen Entstcllers, der die Spalten eines Blattes mit dem Ballast von Lügcnwirthschaft, Controversen und aus alten Scharteken hcrvorgcholtcn Abhandlungen ansfüllt, ohne auf die unnütze Verschwendung von Druckerschwärze und Papier Rücksicht zu nehmen, macht eS schon verdient, dem Unberufenen die Marotte vom Kopfe zu reißen und ihm einige Fragen vorzuhalten, die ihn auS seiner Bewußtlosigkeit zur Besinnung bringen dürften. Wie kommt eS, daß die vielen ungarischen RabbinatSkandidaten in Prag ihre Studien fortsetzen und Wien, das seiner geographischen Lage nach Ungar» weit näher liegt, unberührt lassen? Wie kommt es, daß der wiener erste Prediger Herr I)r. Jellinek eS vorzieht seinen Sohn nach Prag in ein Pensionat*) zu schicken ohne zu befürchten, daß derselbe nach dem neuen »Wenzl"system, die deutsche Literatur einznbüßen, Gefahr lauft? Wie verhält cS sich mit den sieben Predigern in Prag, die größtentheilS preußische und ungarische Landsleute find, predigen sie etwa den CzcchiSmuS von der Kanzel herab? Kann bei einer so immensen Anzahl »von WohlthätigkeitSvereincn und der- - artige» Anstalten, die Prag aufweist und an Zahl die der wiener beinahe übersteigt, von Engherzigkeit und »Lieblosigkeit der prager Bevölkerung die Rede sein? Liegt nicht in dem Atheismus, der in der prager Talmud Thora-Schule von einem Lehrer zur Geltung gebracht wurde, mehr Gefahr als in dem einer krankhaften Phantasie entsprungenen Nationalitätenschwindel? Oder kann eS der in wahrer Betyarmanier gegen die prager Bevölkerung loSzichcnde Malcontent nicht begreiflich finden, daß ein armer Bachur, wenn er Prag, nach längerem Auseiithaltc verlässt, um nach Wien, sei eS ein Institut zu gründen, sei cs eine chronique scandaleuse hcrauSzugrbcn, zu reisen nur durch die Munificenz der prager Juden die Reise anzutreten im Stande ist? In welcher Weise jedoch ein wiener jüdisches Organ die Befchlüsie der Majorität der wiener jüdischen Gemeindevertretung ankämpfen will und seine eigen geschaffene Anschauung mit L>ilfc von Verdächtigung und Denunziation einer ganzen Bevölkerung, aus der ein Kuranda, Neustadt, Winterstein etc. hcrvorgegangen, verficht, überlassen wir nur der nüchtern UrtheilSkrast eines Jeden. Der Kritiker, der dießmal so wie oft seine schmutzige Geißel über Prag geschwungen, mag sich selbst zur Rechenschaft ziehen und wir rufen ihm zu: Herz und Nieren zu prüfen und die geistigen Vorbehalte zu untersuchen steht Gott allein zu, keineswegs •) D«< Herr« Direktor« S. Singer. aber einem geistig nervösen Charlatan, der sich zu einem neuen jüdischen Gesetzgeber aufwerfcn will. — Nun wir hoffen, der Strohkranz der Unsterblichkeit bleibt dem Komiker gewiß nicht auS. — Aussprüche moderner Autoritäten über Juden und Judenthum. „AuS Schillers liebevollem, wcltumfluthendcn Herzen entsprang Tellö beschränktes, häusliches Gemüth und „seine kleine enge That." So beginnt die Kritik BörneS über „Wilhelm Teil," und wie herb dies auch klingen mag, eine Kritik Börnes über die „Sendung MoseS" von Schiller wäre gewiß viel herber gewesen. Ja, Börne würde viele« gesagt Haben, was ein anderer nicht sagen darf, ohne sich der Unbescheidenheit, ja der Keckheit verdächtig zu machen. Die Gefahr dieses Verdachtes aber darf und kann uns nicht zurückhalten, offen und wahr dem Vertrauen «^“cmTlTiF torität entgegen zu treten, welche als unerreichbares Muster anzustaunen man sich allgemein nur zu sehr gewöhnt hat. Aber so hoch auch Schiller steht, die Äußerungen, mit denen wir eS hier zu thun haben, geben kein Zeugniß davon, daß er bezüglich der Anerkennung, der Achtungswürdigkeit der Juden ein Bürge jener Zeiten gewesen sei, die da kommen werden, wir müßen vielmehr glauben, er sei noch hinter seiner eigenen Zeit, die bereits Herder und Leffing gekannt, weit zurückgeblieben. Oder hat vielleicht Schiller das sonderbare Malheur gehabt, keinen andern Inden kennen zu lernen als solche, die seine Verlegenheit benützen, wenn er etwa nach einer allzupoetisch verbrachten Nacht seine Uhr mußte hebräisch studieren oder ein halbabgetragenes Kleidungsstück den Weg aller solcher wandern lassen. Wir wußten uns sonst nicht folgende Stelle zu erklären: AuS diesem Standpunkt betrachtet, muß uns die Nation der Hebräer als ein wichtiges universalhistorisches Volk erscheinen, und alles Böse welches man diesem Volke nachzusagcn gewohnt ist, alle Bemühungen witziger Köpfe, es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein. Die Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation kann daS erhabene Verdienst ihres Gesetzgebers nicht vertilgen, und eben so wenig den großen Einfluß vernichten, den diese Nation mit Recht in der Weltgeschichte behauptet. Als ein unreines und gemeines Gefäß, worin aber etwas sehr Kostbares aufbewahrt worden, müssen wir sie schätzen; wir müssen in ihr den Ka» nal verehren, den, so unrein er auch war, die Vorsicht erwählte, nnS daS edelste aller Güter, die Wahrheit zuzuführcn; den sie aber auch zerbrach, sobald er geleistet hatte, was er sollte. Auf diese Art werden wir gleich weit entfernt sein, dem hebräischen Volk einen Werth aufzudringen, den eS nie gehabt hat, und ihm ein Verdienst zu rauben, daS ihm nicht streitig gemacht werden kann. Bevor wir auf eine Widerlegung dieser Beschimpfungen unS cinlassen, wollen wir nur zugestehen, daß auch in diesem keineswegs klassischen Aufsatze Schiller sich als Mann der Freiheit bewährt, indem er für Thorheit erklärt, daß die Pharaonen, anstatt die Ebräer durch Gleichberechtigung und Vermischung mit den übrigen Staatsangehörigen unschädlich zu machen, dieselbe durch AuSnahmSgesetze abschloßen und bedrückten, ein wohlangebrachter Wink für manche moderne Pharaonen! Wir wollen ferner unS rechtfertigen, warum wir jetzt ein Werk, das mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist, einer Beurtheilung unterziehen. Leider sind wir bei unserer jüdischen Jugend dahin gekommen, daß selbe sich über religiöse und nationale Fragen anstatt auS wissenschaftlichen Quellen lieber auS der Belletristik unterrichten lässt und mancher Jüngling vielleicht, nachdem, er Schillers „Sendung Mosis* gelesen sich für einen in alle Geheimnisse der fückf Bücher MoseS Eingeweihten hält. Aber eben dieser Aufsatz Schiller« beweist, daß er Meister und Meisterwerk, über welche ein Urtheil abzugeben er unternahm, nie au»

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