Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 14 (11.6.1868)
- Date
- 1868-06-11
- Page
- Seite 154 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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154 trn zu lassen; wir fragen aber, ob sie nöthigcnfallS hierzu von AmtSwegen zu verhalten sind. Indem wir Fachmänner zur Erörterung dieser Fragen auffordern, wollen ivir diesen Erörterungen und' selbst den verschiedensten Ansichten; selbst der Polemik, insofern dieselbe sich rein wissenschaftlich?- vonPersönlichkeiten fern hält, gern in unserem Blatte Raum geben. Lin Srief vom - Prof. Endra Pontremoli Cond an Herrn P.P. Lieber P.! Deinem Dünsche gemäß ergreife ich die Feder, um mit Dir über die heutige Jugend in der Eigenschaft eines Religion-ciferers \\i sprechen. Rur ungern berühre ich einen solchen Punkt, denn unsere heutige Jugend, in Schulen crzo gen, worin die wahre Lehre und die Erziehung mit den Bedürfnissen und Anforderungen des Jahrhunderts nicht gleichen Schritt hält, entspricht wenig dem, was wir Väter fordern können. Unsere Väter waren besser als wir, unsere Söhne kommen uns nicht gleich. Wohl erhalten sie in den Schulen ein prachtvolles Aeußere, eine unverdauliche Menge von Dingen, Worten und Wissenschaften; sic verlassen dieselben aber, da- Gehirn, mit leicht vergesslichen, oberflächlichen Ideen eingenommen, ohne Basis von wahrer Gelehrsamkeit, ohne jene Herzensbildung, welche jeder Mensch besitzen soll. Hieraus erwächst eine größere Gefahr, ein Eckel, eine Unlust zu den Studien, und zum ernsten, andauernden Flciße; eine gewisse Geläufigkeit im Urthcilen, ein Uebereilcn im Schließen, und was noch schlimmer ist: Die Einbildung, ohne eS aber selbst zu wissen, sich so vielen ausgezeichneten Männern gleich zu achte». Auch entsteht daraus ein absoluter Mangel an Achtung gegen die Wissenschaft, die Meinungen und den Glauben Anderer. Du wirst mir gewiß auch beistimmen, daß der Mangel an AchtungSgcfühl der Wurm sei, der die Heu- *) Milgetheilt für die „Gegenwart" nach dkm „Educatorc Israclita“ von W. L—t. Lebe» Sic, sctwn Zhres ttiubcd wegen, dürfen Sie meine Hilfe nicht zurückweisen! Um Lottes Villen! Was verlangen Sie von mir, schrie Rmvke erschrocken soll er etiva seine Religion abschwören!? O das durchaus nicht, liebe Freundin I aber er soll regelmäßig und gebörig studireu, daß was Rechtes au» ilnn wird; lassen Sie ihn in die Lateinschule gebe», worin ich ihn dann unterstützen werde. Dieser Gedanke ließ Rmvke im ersten Augenblicke eben so kalt, als hätte man ihr gerathen, ihren Sohn taufen zu lassen, damit er einst Geistlicher werde. Es war damals ein äußerst seltener fall, daß ein jüdischer Knabe ein Gmnnasinm oder sonst eine christliche Schule besucht hätte. Rmvke kannte im ganzen Kreise ihrer Bekannten keinen solche» fall. Sic antwortete ihrem Jugendfreund: Vas kann ihm das Studium nützen, er ist doch ein Zudenknabe. Hierauf erwähnte ihr faennd wieder seinen!raum, den er im Schnee halle. Mein Lraum wird zur Virklichkeit, aber nicht zwischen uns setzle er leise hinzu sondern zwischen der Menschheit. Brüderlichkeit und Gleichheit ivird die Menschen miteinander verbinden. So sprach nmS Sohr IM») ein edler Mann, in der warinen Brust die Hoffnung auf eine bessere Zukunft hegend. So bewerkstelligte eS der edelgestnnte Geistliche, daß Lebele am Anfänge des nächsten Schuljahres ei» kleiner Student wurde. All diese Erinnerungen tauchten von Reuen» auf in der Seele Ruwke» in Holge des heutigen Besuches vom Geistlichen. Sie war eine einfältige Hrau, die nie an» Büchern gelernt hatte, nnd von ihrrt ÄönnrrS Rede nur so viel verstand, daß e» sich uin da» zutige Gesellschaft, mehr aber noch Euch junge Leute, als alle- Andere untcrwühlt. Die Achtung im sozialen häuslichen Leben, in den intimsten Regungen des Herzens wirkt viel nützlicher, heilsamer als alle heutige Bewunderungen. Die Bewunderung gleicht der von Rabuco geträumten Statue, die den Kopf von Gold, die Füße aber von Thon hatte. Wie viele haben wir bis in den Himmel gehoben, dann hinabgestürzt. Wie viel sind heute ein Abgott, morgen — ein Gespülte des Pöbels. Die wahre Achtung wurzelt im Herzen, nimmt besonders Antheil an unseren Gefühlen, lebt mit nnS und leitet zum Guten. Diese Achtung welche unserer Erstehung fehlt, da sic nicht auf Achtung gestützt, ist jene, welche Euch, junge Leute, vo»n religiösen Gefühle entfernt. Ihr habet keine Achtung gegen die seit drei Tausend Jahren hochgeehrten Bücher; Ihr wollet keine Achtung haben gegen jene, welche die größten Philosofen, die ansehnlichsten Männer geachtet haben. Alles das, welches nicht Kleider Stutzermäßig zugcrichtet hat, riecht nach — Altcrthnm, ist fade für Euch; Ihr haltet für würdig es mit dem Ammenmährchen znsammenzuwerfen. Und wenn anch einige von Ench, wenigstens die minder Unerfahrenen noch Homer und Hesiod, Virgil und Hora;, lesen, warum bemiihetJhr Euch nicht die Bibel zu lesen? — Ihr würdet euch schämen, nicht zu wissen, wer TituS L i v i u S war. und schäipct Euch nicht, nicht zu wissen, wer Jsa iaS ist? Seid Ihr denn noch solche Bübchen, daß nur die Geschichte der Götter und ihre Thaten Euch kitzeln und reizen, die Wahrheit aber aneckelt! Wenn Ihr aber anch irreligiös sein wollet, so würdet Ihr Ench ein Eriterinm nach Eueren Glauben bilden, es bcurtheilen, und dann so thun, wie jener Bauer in Athen, welcher Aristides durch den Ostrazismus verbannte, weil er es müde war. ihn den Gereckten nennen zu hören. Ihr aber vcrnrtheilet ohne Aufruf, ohne Anhörung der Partheicn, ohne Eueren Glauben zu studireu, ohne die Bibel — zu kennen. Ich sage noch mehr: Ihr seid Voltairianer, ohne Voltaire je geöffnet-.zu haben; Ihr glanbet, die Religionswissenschaft sei geboren worden schön erwachsen nnd bewaffnet in Euerem Gehirn, wie Minerva in Jnpitcr'S Haupt. Wer wird Euerer Vernunft, Euerem Herzen Gesetze vorschreiben wollen? Keiner, Ihr antwortet: Den Glauben befiehlt man nicht an. — Ich weiß eS wohl; ich weiß aber anch, daß derjenige, der anch einen geringen Grad von Berkünftigc Wohl ihres Sohnes bandelt, und sic sprach Gott Dank, daß ans ihren» Sohne etwas Rechtes lverden wird. Aber doch ivar sic nicht ganz frei von farcht. Wird ihr gotteSfürchtiges Kind wohl treu bleiben seiner väterlichen Religion, wenn cr auch in die christ. liche Schule geht und oft ragelang ii» des Geistlichen Umgebung ist? — Heute war sie ohnedieß in ernsterer Stimmung, denn lvie das.Jahrzeitlämpchen am Dien zeigt, ist heute der Sterbetag ih. res verstorbenen Mannes. Je Heller das Lämpchen bei herannähern, de» Abend zu brennen anfing, desto besorgter war sie. Bald sah sic ihr Söhnchen im Kloster, bald in der Kirche im weiße» Kleide der Ministranten und erschrocken wollte sie schon davoncilen, um ihren verlorenen Sohn z» suchen und zu retten, - als er in'S Zimmer tritt. Um Gotteswillen, schrie Rmvke, woher kommst du lieber Poldi! Sie nannte ihn nicht mehr Lebele seit er das Gbinnasiun» besuchte. früher »var ich mit den» Herrn Professor spaziren, dann ginge» wir in seine Wohnung, >vo er mir schöne Schmetterlinge »n»d Käfer zeigte, aber sic waren alle todt und auf Stecknadeln. Jetzt aber komme ich auS der Sbnagogc, ich habe dort Kadisch gesagt, denn heute ist doch der Sterbetag meines Vaters. Thränen drängten sich ans den Augen der Rmvke; mit solche», fa»« küßte sie, nnd preßte an ihr Herz ihr Kind, mit welchen» eine Mutter ihr verloren geglaubtes »md »viehcr gerettetes Kind an sich schließt. F—er.