Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 13 (28.5.1868)
- Date
- 1868-05-28
- Page
- Seite 143 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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in dir Rribc j ncr Ehrenvollen gehört, vor ieucn manche europäische Berühmtheit zurücktrrten muß; Sic haben Manner durch das sic Ziehen in das Bcreich^hrer säubern Diskussion kompromittirt; Sie haben Ihre Synagoge, der -Lie vorstehcn, grbraudmarkf. indem Sie den Fluch großer Männer auf sich geladenSic. der Sic siir ein Thun in die Schranken treten, das den Atheismus in ein jüdisches BildungSinftitut hineinträgt, haben mit einem Worte den Be wiis geliefert, daß Sic nicht würdig sind, jenen Platz ein zunehmcn, den ein Rabbi Herrmann TewclcS eingenommen, Sie haben diese Stelle nahezu entweiht. Wie konnten Sie sich, nachdem Ihnen von so vielen wohlmeinenden Männern, denen Sic ihr Machwerk als cs noch Manuskript war, vorgclcscn, gcrathen wurde, dasselbe nicht zu veröffentlichen, so weit verstcigcn, dicß doch zu thun? Hätten Sie Ihr Gewissen befragt, so hätte es Ihnen ge antwortet: „Thuc dicß nicht, du bist zu jung, unerfahren, noch ein Schüler, du nimmst keine Stellung in der Ge meiude, keine in her Wett ein, gilst überall für vorwitzig und eingebildet, erlaube Dir ja nicht einen Mann auzugrei fcu, an dessen wcggcworfcncn wissenschaftlichen Speiseresten Du dich sättigen kannst.'' Hätte dann Herr Äohu der Stimme seines ihm wahrscheinlich abhanden gekommenen Gewissens Gehör gegeben, so wäre auch von ihm kein so elendes und erbärmliches Handwerk getrieben worden, das von dem ungebildetsten Tagwcrkcr nicht zu erwarten ist; er hätte dann nicht nothwcndig gehabt, vor Männern, denen er Freundschaft heuchelte, sein Auge »icderzuschlagcn. Und glaubt Herr Kohn jenen Männern seine Eckenstehcrdicnstc erwiesen zu haben, die, wenn sic auch wie Vogel Strauß den Äopf in den Sand stecken, so gut, wie ihre säubern Thatcn gesehen werden, so hat er geirrt; er hat der Lcscwclt gegenüber jenen Werth, den die von ihm gepriesenen Männer mitunter wirklich besitzen, durch seine Lobhudelei zweifelhaft gemacht, er hat sic nicht gerettet, er hat sich gerichtet. Der Pilpul. ES wird wohl noch Viele unserer Leser geben, die sich erinnern werden jener glücklichen Zeit, in welcher der alte Rabbi am „Sabbath hagodol" und „Sabbath Schuwa," scinc in irgend einem Pnnkte des Thalmuds gemachten Entdeckungen (DTHn) der öffentlichen Diskussion auheimstellte. Sie werden sich ihrer erinnern, schon bloß des Umstandes wegen, da sie doch gewiß nicht vergessen konnten des komischen Eindruckes, den die Gefahren auf sie gemacht haben werden, in denen die Hüte und Bärte der „Lamda nim" geschwebt haben mochten, welche auf die unhöflichste Mcis^^tls-Mittcl verwendet wurden zur „Handgreiflichmachung" der geistreichen Argumente. Die nach solcher Methode in Scene gesetzten theologischen Disputationen, besser gesagt Zänkereien wurden „Pilpul" genannt. Wer wäre aber im Stande eine kla^c Definition des Pilpuls zu geben Solchen, die nicht so glumich waren, selbst Augenzeugen zu sein, der heutzutage bloß auf Privatzirlel beschränkten, wissenschaftlichen (?) Disputationen. Der haarspalterifchcste Logiker sogar käme in Verlegenheit wenn man die Definition des Pilpuls von ihm zu wissen wünschte. Grätz kann ihn auch nur in-Folgendem charakterisircn: Obwohl diese Methode der ThalmudauSlcgung einen eigenen Namen erhalten hat — Pilpul — so läßt sich doch keine faßliche Vorstellung davon geben. ES ist ein Aufwand von Scharfsinn zu geringfügigem Erttägnisse, im Aufführen eine« Riesenbaues auf Sandkörner, eine EombinationSkunst, welche das Entfernteste in nahe Beztehung zu bringen versteht, eine Haarspalterei, welche zugleich Staunen und Lächeln erregt. (Gesch. d. Jud. IX, 64.) Damit wir aber diese lächerliche A»Sgeburt der mensch- Elephantcn bequem durch ein Radelöhr zu bringen, nach Gebühr würdigen können, müssen wir die Zeit, in welcher sic entstanden ist, und die Verhältnisse, welche ihr Zustande kommen beförderten, in Betracht ziehen. Diese Methode hat zwar schon sehr lange Wurzel gefaßt, blieb aber innerhalb der Grenzen des gefunden Verstandes, bis der Rabbi Jakob Pollak im Anfänge des 16. Iahrhundcrs sic znm Äußersten, brachte, und die Meinte der, „pschet'l, wart'l, charifuth“ genannten Sophistereien entwickelte, die von dem profanuin vulgns angestaunt, in Ungarn und Polen gar vergöttert werden. Ihre Entstehung fällt somit in jener Zeit, i» wcl chcr die Inden überall Gegenstand der gransanistcn Verfolgung waren, als die Thorc der Tempel der Wissenschaft und Kunst von ihnen verschlossen waren, und in Europa Religionsstrciligkcilcn tobten, als deren unschuldige Qpfcr die neutralen Juden sielen. Wer kennt nicht die dem Juden innewohnende beson dcrc Gcistesfähigkeit, und sein in productiver Richtung > sich bekundendes Talent, welches selbst die vernachlässigstc Erziehung nicht;n ersticken im Stande war? Wodurch ' konnte nun der wisscnsbcflisscnc Jude scmcn natürlichen Trang nach Wissen stillen zu einer Zeit, in welcher die Bedrückung cs nicht zulicß, daß er den Pfad der.>lunst und Wissenschaft betrete, daß er sein vorzügliches geistiges Eapital auf diesen Gebieten zinsbar mache, und feine Erfindungsgabe, seine rasche Anffassungs- und Schöpferkraft, auf diesen Gebieten vcrwerlhc? Er war daher auf ein. Feld angewiesen^ das seinen Gegnern unzugänglich war, und das sozusagen sein ausschließliches Privilegium bildete, das er wie ein Ma jorat von Geschlecht zu Geschlecht gleichsam vererbte. Es war dies seine Religion, deren Traditionen im Thalmnd nicdcrgclcgt sind, welche systematische Köpfe, wie.MaimonideS, Jakob Ascheri, Josef Karo und Andere' zu systeinatisi« rcn, und in wissenschaftlicher Behandlung darzustellen suchten.*) Aber das Genie begnügt sich nicht mit den gegebenen Fällen, cs will immer ucne und wieder neue, ja seit samc — schaffen. Der Thalmnd nnd die orgaui'alorischcu Werke der Eodisikatore». wie auch die späteren Eoinmcntarc und Response« lieferte» daher den S t o ff zur Bclhä» tigung ihres Scharffinnes, und die besprochene Methode dir äußere Form für die Geistesprodukte, welche Form, wenn sic auch vom Standpunkte unseres Jahrhunderts, jeder wissenschaftlichen Unterlage entbehrt, wir dennoch entschuldigen, ja würdigen müssen, wenn wir uns ans de» Standpunkt jener Zeit versetzen, aber a> ch nur dann. Was soll aber der Pilpul heutigen Tages? Warum bestreben wir uns nicht, daß die Anwendung dieser M cthodc endlich einmal als überwunden anerkannt werde, u. wir wie auf den Grabstein eines abgelebten (Preises die Worte schreiben können: requiescat in pace! Wir wollen hier nur die Unverträglichteit der Metlwdc mit dem Geiste uii ferer Zeit, deren Grundzug die „wissenschaftliche Auffassung" bildet, hcrvorgehobcn haben. Jeder vernünftige Mensch wird cS zugestehen, daß eS unbcdingt nothwcndig sei, daß ein moderner Rabbiner ilü Thalmnd gut bewandert sei, denn sonst wird sein Beruf, als der eines Rabbiners zur leeren Phrase. Aber wozu — frage ich — verlangen eS manche Gemeinden, daß ihre Prediger, obgleich dieselben ihre Studienjahre außer mit jüdischer Theologie auf philosophische, philologische und hi storische Studien verwendet haben, sich unbedingt einem pilpulistischen Probevortrag nntcrwcrsen sollen, obgleich das Betreiben des ThalmudstudiumS nach erwähnter Methode das Dcrständniß des Thalmuds selbst beeinträchtigt, den gu- *) Za bemerken wäre hier daß Herr Szanto in :Wro. 2" drr Neu zeit" als 7. der Glaubensartikel (?) ollrrneuestrr Auflage, für di» er nun Vekenner werben möchte, de» Satz oufflcQt: „Me unter dem Na men von Rrliglonsorthodoxen bisher ausgearbeiteten Gesrtzessammlunm find als l ü n d h a s t r« (!?) Unternehmen zn betrachte», a!« Gechdllcher außer Kraft gfiept u. s. w. Seltsam. Herr Sjkämpft gegen