Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 13 (28.5.1868)
- Date
- 1868-05-28
- Page
- Seite 141 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I zwar so, daß jedeincorporirte Mitglied wenigstendaS aktive Wahlrecht besitze, da nur unter solchen Auspicieu der Verein gedeihen und dann erst den Titel „Brüderschaft" in Anspruch nehmen kann. Die Wahl soll eine direkte und auf solcher Weise die Freiheit gewahrt sein. Wird dieß geschehen, so werden dem Vereine immer frische Kräfte zustießen und das Monopol jenen Männern aus den Händen ge nommen, die da glauben nur durch sie werde der Weg ins Elisium gebahnt. Bei dem Umstande, daß die incorporirten Mitglieder Männer sind, die dem Naturgesetze gemäß die Reife dcS Verstandes, eines klareren UrtheilS. eines freie» Willens ausweiscn, ist zn erwarten, daß auch würdige Männer in den Vorstand gelangen werden. Die Inkorporation soll vom 24. Jahr an beginnen, nnd nicht die Verheiratung zur Bedingung gemacht werden, da- Verheirathet sein ist kein Verdienst und aus dem Grunde auch als kein Vorzug anzusehen. Solche Prämissen, die in keiner anderen Confession, in keinem anderen Vereine, selbst wenn er die wichtigsten staatlichen , Jntcreffen repräsentirt, zur Geltung kommen, führen zu einer bizarren Consequenz, mit der die größte Belei tnguug verknüpft ist. Die intelligentesten, ehrenhaftesten Männer, die, sei eS aus principiellen, sei es aus physischen Rücksichten, nicht in den Bund der Ehe treten, aber trotzdem Mitglieder der Brüderschaft sind, werden durch eine solche klägliche Institution den unwissendsten schlichtesten Männern zurückgesctzt, und eben dadurch dem Vereine würdige Mitglieder entzogen. Wir hatten schon einmal betont, daß der hohe Rabbi von den Gabaim nur dann als Schutzpatron angerufen wird, wenn sie-sich in ihren Rechten geschmälert glauben, während sie sich die Augen zuhalten, wenn eS sich darum handelt etwas zu verbieten, womit gewiß die Intentionen des GründerS der 6he>vra Kadischa gomle chassodim nicht über- ' eingestimmt hätten. DaS Andenken an diesen Creator eines so erhabenen Werkes bleibt einzig und allein gewahrt durch den Fortbestand des Vereines und dieser kann nur durch vereinte Kräfte erreicht werden. Die vereinten Kräfte müffen aber auch durch gleiche Rechte vereint sein nnd alte selbst auch verbriefte Urkunden, wenn sie nicht den Zeitverhältnissen entspreche», wirken oft störend auf die lebcnöfrische Fortentwicklung eines Vereines ein. Leben wir doch in einer Zeit, wo das VcremSrecht zur vollsten Geltung gebracht ist, wo Staatsgrundgesetze sich sogar auf Funeralangelegenheiten erstrecken, wie leicht treten nicht da neue Chewra Kadischa- Vereine, in einem oder dem andern Stadtviertel ins Leben, um sich der Lasten eines Vereines zu entledigen, von dem daS Geld nahezu vergeudet wird. In solchen Fällen kann eS geschehen, daß der Chewra Kadischa Verein über kurz oder lang einen gewaltigen Stoß erleiden und in seinen Grundfesten erschüttert werden kann. Wird eS, um dem vorzubeugcn nicht nothwendig die Mitglieder eines so alten Vereines demselben zu erhalten? sic nicht in ihrem Wahlrechte zu beschränken? Will sich der Vorstand der Chewra Kadischa die Ueberzengung verschafsen, daß unsere Ansicht der 100 stimmige Wunsch der Mitglieder der Brüderschaft ist, so berufe er in kürzester Zeit eine Generalversammlung ein und er wird die NotHwendigkeit der Aenderung der Statuten, zumahl des Wahlmodus finden, der bis jetzt von Jedermann nid)t als der Grundstein der gomle chassodim angesehen, sondern als die Jnearnation einer gewissen Willkühr perhorreSeirt wird. Achibboleth und Libbolet. Durch entschlossenen M uth nnd Klugheit gewandter Füh . rer war Israel wie daS Buch der Richter Kap. 11 u. 12 meldet, eines schweren Druckeübermüthiger Feinde ledig 141 — keinen Triumpf, sondern neue, gefährlichere Kämpfe als die überwilndenen in feinem Gefolge, Kümpfe nnd Zwiespalt im Innern, einen blutigen, erbarmnngslösen Bruderkrieg. Die verschiedene Aussprache des an sich ganz »»schuldigen Wortes „Lchidholeth“ galt für Freund nnd Feind als Erkenüungzeichen, ja als TodeSnrtHeil. — Die Zeiten sind seitdem mil der und die Menschen prattischer geworden, Kümpfe und Kriege gelten jetzt selten mehr wie damals der bloßen Befriedigung beleidigten Ehrgeizes oder der Geltendmachung von Ideen, so oft glich das Streben nach materiellen Besitz od'er nach Macht das prnilckende Mäntelchen der Ehre oder der Ideen um seine häßliche Blöße häng:. Wo Materielles nicht in Frage kommt, da gibt es hentigen Tagehöchstens Wort- und Federkriege die zur Entzweiung und Par teiüng, dadurch aber auch zur Lähmung geeint sein sollender Thatkraft und deS Fortschrittes vom Guten zu Besseren führen. Das ist auch jetzt in Israel der Fall,- wo die Rufe „Orthodoxie- und „Reform“ gleich den alten Feldrnfen ' „Hie Welf- und „Hie Waiblingen!“ eine Spaltung durch ganz Europa und noch weiter Hinaus bezeichnen,und zwar gerade so wie letzteren ohne alle Aussicht, dass der Streit, der sich an die Worte knüpft, selbst nach Zahrhunderlen zur Schlichtung oder Austragung komme. Denn schwierig, nahe zn unmöglich ist es, die Grenze zn bezeichnen, diezwischen Orthodoxie und Reform im Judenthum liegen soll: und die Worte selbst sind durch all zu häufigen Gebrauch so abgegriffen, daß sie nicht nur ihre Prägung, sondern auch ihre, Geltung verloren haben, und daß >ie jepr anstatt Klärung der Begriffe nur deren Verwirrung herbeiführen. Hieße „Orthodox" nach seiner ursprünglichen Bedeutung noch immer „rechtgläubig," wer wollte es nicht sein? wer nicht wenigstens dafür gelten? und der Orthoxe würde sich gewiß nicht als Gegner der „Reform, darstellen, wenn diese nichts anders als Umgestaltung des Unbrauchbar gewordenen zur Brauchbarkeit, des Absterbenden zur Lebensfähigkeit, des Verschlimmenen zur Verbesserung wäre. Doch so tiefgreifend ist die Bedeutung dieser Worte nicht, wie sie jetzt von Juden im allgemeinen angewandt »nd meist nnr zur Bezeichnung der Schattierung der Parteien in lokalen Zustün den gebraucht werden, und derjenige würde sehr irren, wer darunter dem ähnlicheverstehen wollte, was dieselben Worte im Ehristenthume zu bedenten haben. Im Ehristenthnme beruht die durch solche Worte bezeichnete Scheidung auf deutlich ausgesprochenen, von nach Millionen Menschen zäh lenden GlaubenSgenossenschaften öffentlich bekannten Prinzipien; welche aber sollen die schreienden Prinzipien im Zu denthume sein? Wer hat sie ausgesprochen, wer ihre Thesen anfgeftellt und verfochten? Wer wird solche Prinzipien anfzn stellen wagen? Orthodoxie, sowohl als Reform, haben bei den Juden nach dem Orte ihres Auftretens ganz verschiedenem: Charaktere. ' In vielen Gemeinden Polens gilt das Ablegen der Peoth und des langen Kaftans als Zeichen der Reform, in anderen ist die Einführung grammatisch eorreeter Predigt verpönt und ein regelrechter Ehorgesang anstatt deS gewohnten quickenden Fistels und des krächzenden Basses gelten geradezu als Ketzerei. Anderseits wird oft die Gesinnnug von Einzelnen oder ganzen Gemeinden, wenn sie lieber für wichtigere Institute als für Schaugepränge in den Tempeln Auslagen machen, oder einem dem Jndenthume früher fremd gewesenen Psaffenthnme entgegen treten, als jüdischer ritraniontanisuius bezeichnet. Za, der erfinderische Geist eines Schneiders kann durch den schnitt, j welchen er einer Kutte gibt, rin kleines Schisma in's Leben rufen. Lächle nicht, lieber Leser! glaube ja nicht, daß wir diese Fragen so mir nichts dir nichts auf die leichte Achsel nehmen! Aber sieh dich einmal in deiner nächsten Nähe, hier in Prag um; frage deine gesunden Sinne, deine Erfahrung, ob du alle jene zu den Orthodoxen zählen kannst, ,die al- Mitglieder und Besucher einer Synagoge angehören, in wel cher die Aufrechthgltnng eine- AlmemorS die Rechtgläubigkeit bezeichnet, oder, ob du im tiefen Brummen der großen