Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- I (1868)
- Issue
- 1 (28.11.1868)
- Date
- 1868-11-28
- Page
- Seite 4 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Wir halten diejenigen für viel zu sanguinisch, welche da glauben, der Baum deS Konkordates müsse durch den ersten Sturm ganz gewiß entwurzelt werden. Ohne Pessimisten zu sein, dürfen wir doch, annehmen, das Entgegengesetzte könne ebenfalls der Fall fein und wer bürgt uns dann dafür, daß der durch den Kampf nicht besiegte, sondern gestählte kath. Klerus in den jüd. Schulen immer so bescheiden wie heute Auftreten'Und sein Amt nicht zum Mittel für den ihm durch das Dogma von der allein selig machenden Kraft der Kirche gebotenen BekchrungScifer gebrauchen werde? Nicht etwa, als ob wir besorgten, dieser BekchrungScifer könne von Erfolg gekrönt werden) aber schon das Herantreten solcher Bestrebungen an solcher Stelle würde für uns die tiefste De« müthigung sein. Schließlich bemerken wir noch, daß unsere Forderung mit denen des EoncordatcS weder etwas gemein hat .noch ihnen widerspricht, da daS Eoncordat bloß den Einfluß des kath. Klerus auf die Katholiken, nicht aber auf Juden zum (Gegenstand hat, daß unsere Forderung, so ähnlich und verwandt sic den eben ventilirtcn TagcSfragcn ist, ohne allen Zusammenhang mit denselben selbstständig betrieben werden kann, und daß cs Sache der Gemcindcvorstände, Rabbinate und vorzüglich der LandeSrcpräsentanzcn ist, die Ehre deS Judcnthums und der Judcnheit zu wahren und, für eine durch etwaigen langsameren Fortschritt katholischer Schulen ungehemmte Entwicklung der unseren, für einen ungestörten durch fremdartige Elemente nicht getrübten Religionsunterricht das Röthigc zu veranlassen. Eine Adresse. Wir theilcn hier ein Aktenstück mit, welches dem ungarischen Abgeordneten Tifia von einer Deputation jüdischer Studenten der Wiener Universität überreicht wurde: „Sehr gerdrler Herr Abgeordneter! Wen» wir, die an der Wiener Hochlchnlc slndirendc» Ungarn mosaischer Religion, in einer für uns und das ganze Balerland hochwichtigen Angelegenheit uns an Sie wenden, geschieht dies, vom Vertraue» crmuthigt, das durch Ihre öftere eisrige Besürwoitung der politischen Gleichberechtigung unserer GlaUbenSgriwssrn i» uns erweckt wurde. Wildem wir dies thun, geben wir nur einer traurigen Violhmendigkcit nach; denn es ist wahrlich niederschlagend, das, in unserem Paterlandr über die (Gleichberechtigung der Juden noch bis znm heutigen Tage sowohl in der Presse diScutirl wird als auch — nocb schmählicher --- dieselbe in dem ans sreisinnigen Princjpicn beruhenden Abgeordnetenhause den Gegenstand von Interpellationen und Vertagungen bildet. In der ReichotagSperiodc 1861 wurde die Gleichberechtigung der Inden in» Prinzipe angenommen, nachdem Sie ei» Fürsprecher der wahren Freiheit, den Antrag dazu in einer denkwürdigen Slniidr. eingcbrachi hatten. (Endlich wurde der Reichstag von IHiifi berufe», in dessen Verlause das Versprechen, die Gleichberechtigung aller Eonsessionen dnrchzusühren, zwar wiederholt wurde, ja, Franz Deak, der vielverdiente Abgeordnete hat die Gleichberechtigung der Juden als etwas Selbstveiständtilbcs hingesteUt und sogar den Ausdruck Eniancipalion al« einen nur ans Sklaven passenden angcwendet wissen wollen, Die verantloortliche Regierung wurde während dieser Zeit ernannt und unlrrbreitetk dem Rcichskagr verschiedene Geirtzenlivürse; allein die sich liberal »rnnrnde Regierung hat für eine Entscheidung der J'udensrage nichts als seltsame Versprechungen. Run fragen wir: jkann ein solcher Staat als ein sreisinuig regierter betrachtet werden, in welchem auch nur Ein Mensch wäre, der in politischer Beziehung ein Paria ist? Wie also dann, wenn eine ans;>0o.ooo Menschen bestehende Tlasse in einer solch erniedrigenden Lage vcrtünunrrl! Wir leugnen cd, und zwar leugnen wir cS deshalb, weil dort wo dir allgemeine Gleichberechtigung facliUt, nicht besteht, auch von Freiheit im nwdernen Sinne des "Wortes keine Rede sein kan». Die Männer , der heutigen ungarischen Regierung haben lange genug die natürlichen und geschriebenen Recbie des Vaterlandes mit Füsie» treten gesehen und schon vergasten sie der blutenden Wunden, die dem Gemüthe deS Man neS geseblagen werde», der da siebt wie man seine ibm augebornen Menschenrechte nicht anerkennen will. ES möge Sie nicht wunder», geehrter Herr Abgeordneter, wenn Eibitterung »Niere Gcmütber ergreift; wen» diese Biltnteil unser Her, erfüllt, und dich ungcrechterwrise verletzte Gefühl Thränen nnserrn Äugen crprcstt. Diese uuierr schmachvolle Vage tritt um so lebhafter vor unsere Augen, wenn wir im Wiener RricbSrathc die Abgeordneten mosaischer Religion für daS Gemeinwohl "itwilken sehen, und wenn wir her*-hie Gleichberechtigung aller Eon verkünde» hören. Dieser Umstand erweckt in uns stctü den 'en. dast, während wir hier diesseitder Leitbr als HeimathlandeS betreten müsien um in politischer Beziehung alsogleich Paria» zu werden. Die Ausflucht der Regierung war bisher, ei mangle hiefür die gelegene Zeit. Wahrlich, als ob der Gesetzentwurf für dm Bau einer Eisenbahn wichtiger wäre, alS die Aufhebung derechtlosen Zustandeeiner halben Million Menschen, welche, wenn sie zu Stande kommt, dem Lande in den Augen der ganzen gebildeten Welt nur zur Ehre gereichen würde. Indem wir un» im Namen dekxdie civilisirte Welt beherrschenden Humanitären Principien gegen dir bisherige Verschleppung unserer Angelegenheit feierlichst verwahren, erneuern wir un» . serr Bitte unh verharren Ihre, hochgeehrter Herr Abgeordneter ergebenste Diener. Wien November 1867. (Folgen circa 200 Unterschrift m.) Wir erlauben uns hier nur weniges beizufügen. Sonderbar sticht der Ton ab, in welchem die ungarischen jüd. Akademiker in Wien zu den Abgeordneten Tißa sprechen, von dem vertrauensseligen Gebühren vieler ungarischer Juden und besonders der jungen in den Jahren 1861 und 1862. Hatten sie doch damals nichts Eiligeres zu thun, als die abendländische Bildung und Mendelssohn (der freilich kein Attila getragen), durch die sie aus dem Schlamme der Niedrigkeit gezogen worden, zu ignoriren, sich jeder Selbstständigkeit zu entkleiden und mit gebundenen Händen den Hypermagyarcn zu Füßen zu leg^n. Zwangen sie sich doch höchst hoffnungsvoll zu thun. obgleich ihr Vertreter der jüdische Gemeindevorsteher Schoßbergcr aus Pest, aus der Grauer Berathung, früher dahin berufen, ausgewiesen wurde, die Septemviraltafel bei aller Achtung vor mittlerweile erworbenen Rechten die Anstellungen jener Advokaten für ungiltig erklärte, ja, ' als den Israeliten sogar das in der Bachischen als in der Schmerlingischen Periode unbestrittene kommunale Wahlrecht plötzlich entzogen wurde, als ein Abgeordneter im Landtage nicht für die Impertinenz zur Ordnung gerufen wurde, da er cynisch äußerte, er wolle mit den Juden nie anders zu thun haben, als wenn er demselben Kukurutz verkaufe. Haben die Herrn Studiosi so wenig die neuere Geschichte und die Großen ihres engeren Vaterlandes kennen gelernt, daß sic der Regierung Vorwürfe machen, einer Regierung, in deren Mitte Eötvös sitzt, der lange bevor sonst jemand in Oesterreich an Judcnemancipation dachte, für dieselbe sprach und schrieb, wogegen die Hypermagyaren cifersichtig auf jedes Titelchcn des engcrn Rechtes, wenig gewohnt sind, sich um die Rechte anderer zu kümmern, und deren Abgott Kofsuth erst dann die Judcnemancipation dekretirte, als er nichts mehr zu dekretiren hatte und" seine Dekrete nicht einmal mehr den Wert unbeschriebener Papierblättcr hatten. Sollten die Herren Studiosi cS gar nicht oder vielleicht zu gut wissen, daß die jetzige ungarische Regierung immer noch nur vor dem Sturme lavieren und nur solche Gesetze beantragen darf, die die Opposition der Linken nicht allzusehr herauSfordcrn? Nur wenn sie letzteres erkannt haben, können wir das Gesuch an Koloman Tißa begreifen, wenn cö etwa in der Absicht geschehen, der Opposition der Linken gegen die Julienemancipationden Boden zu entziehen. Wir sind noch lange keine Optimisten, wenn wir mehr alö auf die Linke im Pester Par-." lamcnte au die Erfolge freiheitlicher Entwicklung in den Ländern diesseits der Leitha und auf die Rückwirkung derselben auf oie Verhältnisse in Ungarn hoffen. (Nach einem am 25. d. M. eingcgangenen Telegramm deS Korr.-Bur. an die politischen Tagesblätter legte Andrassy einen Gesetzentwurf vor, welcher die Israeliten zur Ausübung aller bürgerlichen und politischen Rechte gleichmäßig befähigt erklärt, und alle hiermit im Widerspruche stehenden Verordnungen aufhebt. Wir finde» obige Ansicht damit bcstättigt und wollen hoffen,- daß selbst die Linke deS Ungar. Reichstages die volle Emanzipation der Juden auösprechen werde. Anm. d. Red. Ein Srief Landaus an Napoport. Durch den Verlust deS verewigten großen RapoportS, der dem Judenthume eine empfindliche nicht fob i auSzufüllende Lücke verursachte, wird man unwillkü' an einen arinH>rt her in her vrao-- ibe noch