Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 2 (1868)
- Issue
- 8 (21.2.1868)
- Date
- 1868-02-21
- Page
- Seite 33 (sequence 3)
- Language
- German
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Baldur Wochenschrift ftir Ziidftch« >»ge1egach«tten. und Nothwendigkeit für rin religiös-sittliche» Leben, sollte dadurch nicht die Sittlichkeit de» Judenthum» in den Hintergrund geschoben, sondern nur in eigenthümlicher Weise zum Ausdruck gebracht werden. Darüber ist man einig, daß da» historische Ehristenthum von Paulus und Johanne» begründet worden;, die Stellung de» eigent« lichen Stifter» zu der neuen Lehre ist indeß von Geschichte und Kritik noch nicht hinreichend geklärt. Er trat zunächst, wenn auch nicht mit den Pharisäern, doch wie diese der saducäischen Priester׳ Partei entgegen, welche im Anschluß an die'herrschende Herodia^ nische« und Römerpartei hochmüthig den heidnischen Sitten und^ Anschauungen huldigend, von der Volk»׳ und Pharisäerpariei an-1 gefeindet wurde. Wir reden hierbei mit Absicht nur von Parteien und nicht Sekten, da sie durch dogmatische und religiöse Unterschiede nicht von einander getrennt waren. Die Saducäer betrach« teten ihr Priesterthum als einen Ptandesvorzug, die Pharisäer drangen um so mehr darauf, die Interessen der Religion durch da» Volk gewahrt zu wissen, al» die Saducäer schlechte Hüter des heiligen Palladium» waren. Sie griffen daher auf die urfprüngliche Idee deS IudenthumS zurück, wonach daS ganze Volk heilig und zur Bildung eine- Priesterreichs berufen war (Ex. 19,6). Eie übertrugen, wie bereit» bemerkt, die priesterlich-ceremoniellen Formen auf da» Hau» und Leben, indem sie dieses, nicht im bildlichen, sondern eigentlichen Sinne als da» wahre Heiligthum Gotte» erklärten. Aber damit hatten die Pharisäer in gleicher Weise wie die Saducäer, eines Theil« den Grund zur priesterlichen Werkheiligkeit und Heuchelei gelegt — für diejenigen, welche niehr die Form, als da« Wesen erfaffeu (vgl. Lot. 22, ü), anderen TheilS sonderten auch sie sich hochinüthig ab durch Bildung einer standeS-bevorzugten Genoffeuschaft (חבר) und durch Dernachlässigung, ja Geringschätzung der Volksmasse {עם הארץ). Jesus griff nun diese pharisärische Maxime, die Lehre unter dem Volke popu> lär zu-machen, auf, richtete aber seine HauptthStigkeit, den Pharisäern entgegen, gerade auf die niedrige Volksmasse (עה“א), unter denen er seine ersten und vorzüglichsten Anhänger zählte. Hierdurch, wie durch die Geißelung äußerlich »formeller Werkheiligkeit und religiöser Heuchelei zog er sich die Feindschaft dieser Partei zn. Zuerst ein Bolksfreund wurde Jesu« nach und nach auf den Schemel eine» Messias gehoben. Die Geschichte des Judenthum» beweist e-, daß man auch zu anderen Zeiten von einem solchen die Rettung de» bedrückten und verfolgten Israel erwartete. Mau dachte sich darunter einen Retter und Heiland, von Gott gesandt zur Befreiung und Erlösung des ohnmächtigen Volke» von seinen überstarken Feinden. Man knüpfte daran gleichzeitig die Erfüllung oller prophetischen Verheißungen eine» zukünftigen GotteSreichS und sittlich vollkommener Zeiten. Die herodianischen Bedrückungen der römischen Verfolgungen gaben damals Veranlaffung zu solchen mcssianischen Hoffnungen. Jesus erschien in den Augen seiner Anhänger als ein Bolköbeglücker »nd Messias. Schon wegen der mit dem MessiaSthum verbundenen dynastischen Beziehungen mußte er der herrschenden Partei lästig werden, zumal die Römer gewohnt waren, hinter jeder Volksbewegung politisch-gefährliche Tendenzen zu wittern und diese durch Beseitigung der Führer und Leiter frühzeitig zu unterdrücken. Hierdurch wurden auch die Saducäer veranlaßt, sich JesuS friedlich entgegenzustellen, den» sie waren theil» Anhänger, theils Crcatureu der herrschenden Idumäer- und Römerpartei. Durch die Begünstigung, welche römisch-heid- Nische Sitten znm Nachtheile der religiösen Jntereffen de» Inden« thumS seiten» der Saducäer erfuhren, hatte JesuS auch noch eine besondere Veranlaffung, gegen Dienst zu eisern. Diemußte die Feindschaft gegen ihn nur bestärken. So war sein Sturz vorauszusehe», seine Tödtung mußte erfolgen. Die Ursache« seine» Tade» machen e» inde» jede« U»befa»genen klar, daß er nicht blo» durch die Hand, sondern auch auf Veranlaffung der Römer fiel. Sei»« Tod zu beantragen, hatten die Jpden keine Veranlaffung. Bielleicht nur, daß die saducäische Priesterpartei auf Betreiben der Römer dabei Mitwirken mußte, um die Bennlheilung zum Tode Israel zu rechtfertigen. Diese Bedeutung hat da» Verhör, wenn es überhaupt gehalten worden ist, vor dem sqducäisch priesterlichen Ausnahmegericht, klebrigen» beweist die Inschrift am Kreuze: 1NRI (Jesu» RazarenuS Rex Judäorum), und die Dornenkrone, al» Spott auf die erstrebte Königskrone; daß er nicht al» religiöser, soydern al» politischer Märtyrer von den Römern hingerichtet worden ist, welchein sein« messianischeu Bestrebungen die Verfolgung jüdisch-dynastischer Tendenzen fürchtete«, nämlich den Sturz der idumäisch« römischen Herrschaft in Palästina und die Erhebung de- Jesu-, eine» angeblichen Nachkömmling- und Sprossen der Davidi'schen KönigSfamilie, eine» königlichen Präten« denten, auf den Thron Israel». Später, al» Rom mit seinem Kaiserhause sich dem Christenthum zuwandte, war e» unthunlich, Römer die Schuld an dem Tode ihre» Heiland» tragen zu lassen; — die Berichte der Evangelien wurden daher entsprechend modificirt: Pilatus wusch seine Hände in Unschuld, die Juden mußten JesuS Tod gewollt haben, und zwar aus religiösen Gründen. Aus dem geschilderten Verhältnisse, worin die Saducäer zu der herrschenden Partei der Idumäer und Römer standen,- ist r» auch klar, warum dieselben den Glauben an die Auferstehung leugneten. Die Auferstehung galt nämlich, gestützt auf Er. 37, als eine sinnbildliche Hindeutung auf die Wievererstehung der Volkssouverainetät und diente zur Erweckung und Belebung der messianischen Hoffnungen darauf (Land. 92, b.) ־' Einem solchen Glauben konnten, durfte» di» Saducäer in ihrer Stellung nicht huldigen. Falsch ist e» daher, wenn alcharakteristische» Unterscheidungszeichen zwischen Saducäern und Pharisäern angegeben wird, daß jene die Unsterblichkeit der Seele leugneten (Ab. d. N. &). Die Unsterblichkeit der Seele ist au sich wohl zu unterscheiden von d'er AufrrstehungStheorie, obgleich in dogmattscher Beziehung eine häufige Verwechselung beider Lehren vorkommt; die Saducäer kamen aber gar nicht in den Fall, die Unsterblichkeit zu leugnen, und die Auferstehung faßten sie nur von der politischen Seite auf. Was die oben berührte Modifikation der Evangelienberichte zum Nachtheil der Juden und de» Judenthum» betrifft: so beweist ja schon die Bergpredigt in ihrer überlieferten Gestalt, daß man auf Entwürdigung und Fälschung des IudenthumS auöging und die neue Lehre auf Koste» der alten zu erheben suchte. In der vorliegenden Form sind die Worte der Bergpredigt sicherlich nicht von JesuS gesprochen worden. Paulus und Johannes waren diejenigen, welche zu Gunsten de» Heideuchristcnthum« in dieser destructiven Manier gegen da» Judenthum vorangingen. Paulu» beseitigte die nationale» Gesetze de» Judenthums, Johanne» ver« fuhr construirend und baute gleichzeitig da» neue Ehristenthum durch Aufnahme heidnischer Ideen und Anschauungen auf. Die Lehre von der Gottheit Jesu, seiner göttlichen Sohnschaft, der göttlichen Jncarnation, Jesu Tod im Anschluß a» die heidnischen Naturreligionen, nach deren Anschauung die Naturgötter (-eleuiente) starben und wieder auflebten, der Erbsünde, im Anschluß an die heidnische Idee von der materielle» Schlechtigkeit und Verschlechterung der Welt, und der daran» heroorgehenden Anschauung vo» der Mittlerschast und Versöhnung, — alle« dies wurde zunächst von Johanneausgestellt und ging von diesem Evangelium zumeist in die anderen Schriften de» N. T. über. Rena» hat darum