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Die Gegenwart · 1867-12-27 · 52 (27.12.1867) · p. Seite 413

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
52 (27.12.1867)
Date
1867-12-27
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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Gehen sie hierin auch zuweilm zu weit, so ist doch der zu Grunde liegende Gedanke, wonach fie nicht in Aeußerlichkeiten, sondern nur in dem moralischen Muthe und der Begeisterung freier Bürger die wahre Bürgschaft für die Sicherheit und Unabhängigkeit de» Staate» finden, höchst achtbar und richtig. Vergl. Jesaja 2, 7. 30, 6. Hosea 1, 7. 8, 14. 2. Sam. 24 u. s. w. Au« demselben Grunde erklären sie sich auf» entschiedenste gegen alle Schutz« und Trutzbündnisse mit auswärtigen Völkern, namentlich mit dm Affyrern und Aegyptern. Jndeß schloffen die Könige, trotz aller Bemühungen der Propheten, solche Bündniffe mit ihren nätürlichrn Feinden, wodurch da» nördliche Reich alsbald ganz in die Hände der Affhrer fiel und Juda wenigsten» für längere Zeit in eine drückmde, gefährliche Abhängigkeit gerieth. E« wurde gewaltsam in da» Wogen der Weltgeschichte hineinge« riffen, und die meisten und wichtigsten Reden der Propheten sind durch diese Berührungen mit den mächtigen asiatischen Weltreichen, besonder» mit den Affyrern, Chaldäern und Persern hervorgerufm. Sie erhalten dadurch einen großartigen Hintergrund und eine uuiversalhistorischc Bedeutung. Außer einer scharfen, spottenden Polemik gegen allen Natur- und Götzendienst eifern diese Propheten namentlich gegen die rein äußerliche, mechanische Gottesverehrung. Dem Opferwesen und den Festtagen an sich wird aller Werth abgesprochen. (AmoS 5, 21-22. Hofe« 6, 6. 8. 13. Jesaja 1, 11-17. Micha 6, 7-8). Dem Opfer al» einem Aeußerlichen, Natürlichen wird vielmehr da» Innere, die Gesinnung, die GotteSerkenntniß und besonder» die praktische Frömmigkeit und Sittlichkeit als da» Vorzüglichere entgegen gestellt. „Zerreißet euer Herz und nicht eure Kleider!" sagt Joel 2, 13 f. Und Jesaja 29, 13 rügt das Volk, da» nur mit dem Munde und mit den Lippen Gott verehrt, während da» Herz, die Gesinnung fern von ihm ist, so daß ihre Gottesfurcht oder ihre Religion nicht» ist, als „eingelerntes Menschengcbot." Da» Opfer soll bei diesen Propheten offenbar nur noch symbolische Bedeutung haben; e» soll nur noch Ausdruck dek Gesinnung sein; daher e« an sich völlig werthloS erscheint. Diese Polemik, die nicht auf den Pentateuch, sondern nur ans den Volksgebrauch Rücksicht nimmt, setzt zunächst die vollständige Ausbildung de» Opferwesen» voraus. Sie zeigt ferner aber auch, daß die eigentlich religiöse Bedeutung de» Opfer», die man früher in unmittelbarer Gewißheit ansckaute und fühlte, seit dem 8. Jahrhundert immer mehr au» dem Bewußtsein verschwand und einer moralischen Gottesverehrung Platz machte. Diese Umwandlung ist merkwürdig und bedeutsam. Im Opfer nämlich, al» einer Selbsthingabe an die Gottheit, feiert der Mensch im Allgemeinen seine freie Einheit mit der Natur. So namentlich im Dcknkopfer, der ursprünglichsten und häufigsten Form de», Opfer». I» de» Freud« M Herzen« verzehrt der Mensch die natürlichen Gegenstände, welch« der gütige Gott chm zum Genuß darbietet rmd weiß sich auf die Art nicht bko» abhängig von dem Rattirganzen, sonder« auch selbstständig, und'erhalten in demselben. In der geschichtlichen Entwicklung de» hebräisch» Belkes trat nun aber da» Gefühl der absoluten Abhängigkeit de» Me» scheu von der göttlich» Macht immer entschiedener hervor. Die affyrische Periode steigerte die« Gefühl auf« Höchste und ließ dagegen die andere Seite,.da» Gefühl der freien Selbstständigkeit de» Menschen innerhalb de» Ganzen der Natur, mehr zurücktrete», zumal da die Zeiten iuuuer. unglücklicher wurden. Hierin liegt der tiefere Grund dieser wie pfox prophetischen Polemik gegen da« Opferwesen und den Aultu». Wo da» Gefühl der Selbstständigkeit de» Volke» und seiner Harmonie mit dem Naturganzen wieder lebbafter hervortritt, da erhält da» Opfer auch wieder sein« Bedeutung, so daß e» eigentlich nur zeitweise zurückgedrängt, aber nie ganz aufgegeben erscheint. Da» geht so fort bi» zum Untergänge de« Volke« und bi» zum neuen Testamente, wo dünn bei der Anschauung der völligen Abhängigkeit de» Mench en von Gott da» Opfer bi» auf ein» geringen Rest bei« Abendmahle völlig verschwindet. Ebenso hat da« Opfer im Islam keine rechte Stelle mehr und ist bi» auf ein einzige« jährliche» zusammengeschrumpft. Die völlige Hingebung de» Willen« an Gott läßt eine solche Feier unserer Einheit mit der Natur nicht zu und setzt moralische Gebote an die Stelle der Opfer. Ebenso da» neuere Judenthum. Für die Religion selbst aber ist e» kein Gewinn, daß der Mensch sich immer ausschließlicher blo» al» Geist auf Gott bezieht, und die Natnrseite seine» Wesen« wie ein negattve« und sündliche» Element zu erdrücken sucht. Die Religion verliert dadurch ihre eigentliche Lebensader, ihr ursprünglichste» Gefühl, uud wird entweder bloS historisch Ueberlieferte» und Eingelerute», oder sie geht in der Moral unter. — Wie die Propheten nun da» Wächteramt über Israel au»- üben, so beobachte» und überwache» sie auch sorgfältig die Schicksale und Unternehmungen der bekannten heidnischen Völker und verkünde», wa» diesen nach den ewigen Gesetzen der moralischen Weltordnung bevorstehe. In der Regel wird ihnen nur Unglück, Unterwerfung oder auch gänzlicher Untergang al» Strafe angedroht. Zunächst aber erscheinen sie als eine gottgesandte Zuchtruthe für Israel. Die Konstruktionen der künftigen Geschichte und Schicksale, welche dem eigenen Volke wie den Heiden bevorstehe», sind in der Regel sehr allgemein und unbestimmt gehalten. Sie beruhen wesentlich aus einem richtigen Derständniß der Vergangenheit und der Gegenwart, so daß jeder politisch gebildete, rein menschlich überlegende Kopf sie hätte aussprechen können und zu allen Zeiten auch ausgesprochen hat.^ Um hier nur an da» Nächste zu erinnern: wie lange hat man nicht schon den Weltkampf zwischen Rußland und England vorhergesehen und vorhergesagt? Und wem kann da» allgemeine Resultat diese« Krieges wohl noch völlig zweifelhaft sein? Von einem genauen Borherwiffen der Zukunft und der einzelnen Begebenheiten kann natürlich auch bei einem Propheten niemals die Rede sein, obwohl ein kkarblickender Genius hier mehr sieht al» ein gewöhnliches Auge. Vergl. Jesaja K. 19. — E» gilt hier auch Schiller« schöne« Wort: „Mit dem Deniu« steht die Natur iu ewigem Bund«: Wa« der eine verspricht, leistet die andere gewiß." Ihren letzten Grund haben jene allgemeinen Konstruktionen der

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