Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 48 (29.12.1867)
- Date
- 1867-12-29
- Page
- Seite 382 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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982 Dte >np1»1rt M Judenthum» abweichende« De-men allmählich als derartige Zngeständniffe gegen da» -riechisch-rö«ische Heidenthnm in das» selbe eintraten. In dm Evangelien de» Matthäus, Markus nnd Lukas er׳ scheint Ehristu» mit seiner Lehre nnd seinem Leben noch durchaus »uf jüdischem Bade». Er ist gekemmm, die mosaische Offenbarung zu vollenden, nicht sie anszuhebeu, und daher ist durch ihn zwar da» Gesetz, aber nicht die Lehre aufgehoben worden. Auch al» Messias bezeichnet sich Ehristu« nicht in den Ueberlirferungen dieser Apostel; den Sohn Gotte« aber nennen sie chn offenbar nur in dem Sinne, wie dieser Name im alten Testament und i« damaligm Sprachgebrauch allm denm erlheilt wurde, die dm Willen Gotte», wie den eine» Later» erfülltm. Vornehmlich aber betrachtete sich da« jüdische Bolk selbst al» den erstgebaruen Sohn Gotte», weil ihm zuerst da» gSttliche Gesetz zu Theil geworden, durch dessen treue Beobachtung e« sich die väterliche Liebe Gotte« erringen konnte. In diesem Sinne nannte sich Ehristu» ebm׳ falls und mit Recht de» erstgedornen Sohn Gotte», indem er zu׳ erst da« wahrhafte Berftändniß de» göttlichen Gesetze« und seine wahrhafte Erfüllung zur Ausgabe de« Lebens machte, indem er die Aufgabe de« jüdischen Bolle«, der dienende und leidende Luecht der Menschheit zu sein, der e« da« Heil der Wahrheit brachte, auch durchwein ganze» Leben und Wirken zur Wahrheit machte. Ehristuselbst und die ersten Apostel hatten die neue Lehre meist nur den Juden gepredigt. Aber die Juden, denen sie die׳ selb« brachtm, blieben kalt bei ihren Wortm, eben weil jene Lehre für sie keine neue war, und weil die Größe Ehrist i nicht in seiner Lehre bestand, sondern in dem Inhalte seine» Leben«, durch da« er dieselbe erfüllte. — Daher ging Johanne« zu den Heiden, da» heißt zu dm Griechen, um ihnen da» Heil der neuen Lehre zu bringm. Aber wie ganz ander» gestaltete sich dieselbe dadurch in seinem Munde. Ihm vurfte Jesu« nicht mehr der vollendete Israelit, sondern der vollendete Mensch» da« Ideal der Menschheit sein. Er ist nicht mehr der Sohn Gotte«, weil er sich durch sein Leben dazu ge« macht hat, sondern der erwählte, der geborne Sohn Gotte«, und steht so seiner Natur nach über der Menschheit. Aber durch diese Erhebung hörte er auf da« zu sein, wa« er selbst sein wollte, da« erreichbar« Borblld de» Menschen, und ward zum Vermittler de« Menschen mit Gott. ' Der Grieche, da« fühlte Johanne« wohl, konnte dem Sohn Gotte« sein Herz nicht erschließen, wenn sich ihm im Leben und der Lehre desselben nur die wahrhafte Vollendung de« Judenthum« kund gab; den» diese« selbst war ihm fremd und gleichgiltig, und daher brachte er mit vollem Recht dem Richtjuden in Ehristo da« Ideal der Menschheit. — Aber der Mensch, ver sich durch feine eigne That zu dieser Vollendung seiner göttlichen Natur erhebt, war von den Griechen in Sokrate» gemordet worden. Daher mußte Ehristu« al» der geborue Sohn Gotte« zu ihnen kommen, wenn sie seine Lehre achten und sein Lebm nachahmen sollten. Mit diesem einen Zugeständniß aber war die ÄotteSerkenutniß ge׳ trübt und die sittliche Aufgabe de» Menschen beschränkt. Denn die göttliche Einheit war durch, die Gegenwart Ehristi durchbro׳ chm, die Gestaltlosigkeit seine« Dasein« durch die Erscheiumig seine« Sohne« aufgehoben, und die Unerforschlichkeit seine» WesenS wurde nicht mehr geachtet, da sich dasselbe dem Auge de« Menschen gezeigt haben sollte. — Der Mensch aber hatte da- Ideal seiner rigmen Vollendung nicht mehr in sich und in der Menschheit zu suchen, sondern eö schwebte in der Gestalt de« ewig unerreichbaren Göttmenschea über ihm, Und nicht sein freier Wille, sondern mir die göttliche Gnade »achte ihn der Segmmge« theil» hastig, welche da» Lebm und die Lehre de» Erlöser« der Menschheit gebracht hatten. Wen» Johanne» sich jmer Zolgeruugm vielleicht nicht voll» ständig bewußt Aar, welche in seiner Erhebung Ehristi zum rin«, gedarn« Sohn Gotte» nothwendig «othaltm warm, so erhöh Paulu» diese kehre zu einem vollständigen und wohlgeordueten Gebäude. Dieser ist daher al» der eigmtliche Gründer der christ. ltchen -irche anzusehm, welche jedm Zusammenhang mit dar Lehre de» Jud.'nthu«» aufgab, obwohl die Boümdung .dieser Lehre die auSgesprochme Aafgalw de» Meisters war» nach dem sie sich nannte. — Der Jüngling Eaulu», der i» fanatischer Begeisteruog für da« ererbte Judenthum auSgez-gm war, um di« Anhänger der nmm Lehre al« Verächter der Wahrheit zu sahen und dem Tode preiSzugeben; er konnte nur mit gleichem Fanati»- mu« zu jenen selbst übertreten, hie er eben «och verfolgt hattet und mußte nun dieselbe Verachtung der Lehre znwenden, die er bisher al« unverletzlich verehrter — Wie er sich selbst durch fei« um liebertritt zu den Anhängern Ehristi plötzlich von seiner gan«, zen Vergangenheit loSgerissen, so hatte für chn auch die neue Lehre, zu der er sich bekannte, keine» Zusammenhang mit dem Judenthum, und nicht die Entwicklung uud Vollendung, sondern die Vernichtung desselben war die Aufgabe de« Ehristeuthnm«^ da« er lehrte. — Und wie ihm selbst durch da« Aufgehen de» neuen Lichte« sein gauze« bisherige» Leben al« nichtig erschien, so hielt er auch die gauze Vergangenheit de« Menschengeschlecht«, nnd darum die Menschennatur selbst für eine nichtige und sünd« haste; und r« gab für chn keine Wahrheit, außer der durch Ehri» stu« der Menschheit gebrachten, uud kein Heil, al« der Glaube; an Ehristu», Hessen der Einzelne nur durch einen Akt der freien, . göttlichen Gnade cheilhaftig werden konnte. Aber noch Eine« ist von der Lehre de« Paulu« zu beachten, was zu der Stellnirg wesentlich beitrug, welche da« Ehristeuthnm dem Judenchum gegenüber einnahm, Paulus erklärte nämlich die Lehre de« Judenthum« für eine wahrhafte Offenbarung de» gött« lichen Willens, die aber gegeben worden sei, nicht damit derselbe erfüllt werde, denn daließ ja die Sündhaftigkeit der Menschen«, natur nicht zu, sondern damit eben diese Sündhaftigkeit durch die Nichterfüllung de« göttlichen Gesetzes zum Bewußtsein komme, und da« Menschenhrrz für die Erlösung durch Ehristu« empfänglich, mache. Die Heide» und die Juden waren nach Paulu« bi« zu Ehristi Zeit beide der Sünde verfallen; aber uur diese hatten da« Bewußtsein ihrer Schuld, und trugen den Schmerz über dieselbe in ihrein Herzen. Wa« konnte diese Auffassung de« Judenthum« von Seiten de« neue» Ehristeuthnm« anders, als Haß und Verachtung gegen diejenigen erwecken, die da« lang ersehnte Heil von sich wiesen, da e« ihnen geboten wurde? Wie konnte das Festhalten an dem, alten Gesetz anders erscheinen, denn als Halsstarrigkeit, als Werkheiligtest, die in der Ausübung überflüssig gewordener Borschrif. len da« Hell des Lebens fand? Und mußte nicht endlich jene unheilvolle Vorstellung de« EhristenthumS hieraus hervorgehen, daß das Volk Israel für immer verworfen sei vor Gott, weil e« einmal freventlich das Heil verschmäht hatte, das ihm durch Je« juS geboten war? In demselben Maße aber, in welchem, da« dem Judenthum schroff gegenübergetretene Ehrjstenthum diesem aus den» Kesthaltea an seinen religiösen Vorschriften einen Bor׳. Wurf machte, uud die Befreiung de» Menschen vom Gesetz als da« Verdienst de« EhristenthumS darstellte, mußte jene« an seine Bekenner den Anspruch Men, durch strenge Ausübung desselbensich vou den Anhängern der neue« Religion zu scheiden und zu,