Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 46 (15.11.1867)
- Date
- 1867-11-15
- Page
- Seite 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner Wochenschrift fix Jüdische LngÄegenheiten. 863 Linken. Lebhafte« Zischen auf der Galerie. Beifall auf der Bank der Tiroler und der Polen. Die Unruhe währt einige Mi« nuten. Der Präsident gebraucht die Glocke.)^.. / Präsident: Ich muH die Galerie ersuchen, sich jeder Beifalls« und Mißfall«Lußeruug zu enthalten, sonst wäre ich/In der unangenehmen Lage, sie räumen lassen zu müssen. Abg. vr. v. Mühlfeld (in heftiger Erregung): Ich bitte »m« Wort zu einer persönlichen Bemerkung. (Die Unruhe dauert fort.) Präsident: E« giebt keine Debatte mehr, nur zu einer persönlichen Bemerkung ist nach der Gepflogenheit de- Hause« noch da- Wort gestattet. Herr v. Mühlfeld hat zu einer persön« lichen Bemerkung da» Wort. ■. Abg. Dr. v. Mühlfeld: Ich bitte, daß da« hohe Präfidium mir die Belehrung ertheile, ob ich mir diese Methode ge« gen mich mittels Parodien und Wiederholungen zu sprechen, gefallen lassen muß. Präsident: ES ist da« Präsidium wohl nicht in der Lage, Jemandem den Ton seiner Stimme vorzuschrei» ben und diesfalls auf ein gewisses Maß hinzudeuten, es ist aber ebensowenig in der Lage, wenn Jemand über die Heftigkeit de« Tone« sich verletzt fühlt, ihm zu wehren, in entsprechender Weise eine Abwehr vorzunehmen. Ich glaube, Herr vr. v. Mühlfeld hatte nicht die Intention, da- Haugegen den Antrag de» Herrn Baron Pratobevera einzuschüchtery, und ich glaube, Herr Prato« bevera hatte nicht die Absicht, Herrn vr. Mühlfeld damit zu be« leidigen. (Beifall recht« und im Centrum. ES dauert lange ehe sich die Aufregung legt.) Berichterstatter vr. Figulh bemerkt, diese beiden sich ent* gegenstehenden Anträge haben dieselbe Tendenz und sind nur sormell verschieden. Weder mit dem einen, noch mit dem anderen wird übrigens in die Executive der Regierung eingegriffen. ES wird zur Abstimmung geschritten und hierbei der Antrag/ des Abgeordneten Pratobevera mit 84 gegen 56 Stimmen angenommen. (Dafür die Polen, Tiroler, Slovenen, — mit Aus« nähme Klun'S — und ein großer Theil des Centrumö.) *Berlin. Den Verordnungen uud Gesetzen für die höheren Schulen in. Preußen, herausgegeben von vr. Wiese, erste Abtheilung: die Schule, Berlin 1867 entnehmen wir nachstehende Ministerialverfügung vom 6. Mai 1859, die jü« bischen Schüler betreffend: ״Die Annahme, welche daS königliche Provinzial-Schulkolle« gium mit Berufung auf Artikel 12 der VerfaffungSurkunde ver« Kitt, daß es für jüdische Eltern, die ihre Söhne in christliche Schulen schicken, zu den bürgerlichen Pflichten gehöre, dieselben auch Sonnabends am Unterricht theilnehmen zu lassen und deS« halb eine Dispensation der Juden für diesen Tag nicht zu gestat« ten sei, kann als zutreffend nicht angesehen werden. Die Schul- ' Verwaltung kann den Ansprüchen solcher Eltern, welche auö reli« giöseu Motiven ihre Söhne am Sonnabend ganz oder für die Stunden des Gottesdienstes entbunden zu sehen wünschen, die ge׳ bührende Berücksichtigung nicht vertagen. Demgemäß bestimme ich, daß in den Fällen, wo die Elter» selbst bei dem königl. Pro« vinzial'Schulkollegium darum nachsuchen, jüdischen Schülern die gedachte Dispensation ertheilt werde, wobei erstere darauf hinzu« weisen sind, daß die Schule keinerlei Verantwortung für die au» derartigen Schulversäumniffen bei den betreffenden Schülern entstehenden Folgen übernimmt." In Folge deffen erhielt der Vater eine« Gymnasiasten fol« genden Bescheid: ,Herr« N. N. habe ich nach einem Schreiben der Königl. Regierung vom 22. d. Mt», zu erkennen zu geben, daß die Re« gierung Ihrem Ansuchen gemäß Ihren Sohn Leo von dem Besuch der Unterrichtsstunden an den jüdischen Sabbathen diSpensirt habe, daß aber die Schule keinerlei Berantwortung für die au« derartigen Versäumnisien entstehenden Folgen übernehme. Di« rectoriat des königl. Gymnasiums in R., den 24. Ott. 1867. Lemberg, 24. Oktober. Heute Vormittag« bereit« hat bei dem hiesigen Bezirksgerichte in Strafsachen Pie Schlußverhandlung wider die der Uebertretung de« Diebftabls angeklagte Sara Ra« damSka stattgefunden. Dem Publikum war der Tag der anbe« räumten Verhandlung nicht bekannt, daher daffelbe trotz der Bed/utung des Straffalles in: Gerichtssaale gar nicht vertreten war unp so die Verhandlung de facto den Charakter einer geheimen hatte. Bon den Parteien erschienen die Angeklagte und deren als Lnlläger fungirender Vater persönlich, und zwar beide ohne Bei« hülfe eine« Recht-freundes. Die Angeklagte gab die ihr zur Last gelegten strafbaren Handlungen zu, entschuldigte jedoch solche theils damit, daß sie die entwendeten Sachen als ein Eigenthum ihrer verstorbenen Autler, angesehen habe, theils aber damit, daß sie hierdurch auf den Vater bloeine Pression auSüben wellte, um denselben zur Crtheilung der Einwilligung in die Taufe zu bewegen. Der Richter ging indeß auf diese Entschuldigung nicht ein, erkannte die Jnculpatin der Ueberketung des Diebstahls schuldig und verurtheilte dieselbe zu zehntägigem Arreste. Beide Theile haben wider dieses Erkenntniß die Berufung augemeldet. Nach der Verhandlung begab sich die Jnculpatin in Begleitung einevon der Polizeidirection delegirten CommisiärS zurück in daS Klo« stxr der Benebictinerinnen. Die Verhandlung hatte manche er« greifende Scene. Auch die gleichzeittg wider den Vater bei dem Eivilgerichte als der Obervormundschaftsbehörde wegen Mißbrauchs der väter« lichen Gewalt eingeleitete Untersuchung ist bereit» zum Abschluffe gediehen. Herr Ratamski wurde der väterlichen Gewalt verlustig erklärt und für deffen Tochter ein Curator ausgestellt. Auch gegen diese Entscheidung ist von dem Vater die Berufung an da» Ober« landesgericht ergriffen worden. Ordenburg. Montag, den 14. v. M., Nacht», nach dem israelitische» ersten Laubhüttenfeste rotteten sich in Deutsch« Kreuz, im Oedenburger Komitat, mehrere Bauernbursche zusam« men und machten in der dortigen Judengaffe argen Lärm und Spektakel, der soweit auSartete, daß sie Fenster einwarsen. Ja« lousien Herausriffen und mehrere Israeliten, die dem Unfuge steuern wollten, thätlich und schwer mißhandelten, und sogar höchst gefährliche Drohungen gegen mehrere bemittelte Familien und na« mentlich gegen den in der Gemeinde allgemein geschätzten, geachte« ten und geehrten alten Rabbiner laut werden ließen. De^ erste Exceß begann schon um 7'/, Uhr, worauf die Excedenten sich zer« streuten, aber wieder gegen 2 Uhr Nachts auf's Neue ihren van« dalischen Umzug hielten und dabei alle Fenster des alten Rabbi« ner» einschlugen. Erst nach dem zweiten Ansuchen mehrerer IS« raelite», ihren Vorstand an der Spitze, beliebte e« dem Richter, mit mehreren Männern die Excedenten, welche mit starken Prügeln bewaffnet waren, zu verfolgen, worauf sie sich entfernten, keiner derselben aber eingefangen oder verrathen wurde. Ueber die am folgenden Tage an die kompetente Stelle gemachte Anzeige ist bis zun! 18. o. M. nicht- Gerichtliches veranlaßt worden, und der alte, ehrwürdige Rabbiner, der sogar an seinem Lebe» bedroht wurde, fand sich genöthigt, mit mehreren Beglaubigten und Ge« 4s»