Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 45 (8.11.1867)
- Date
- 1867-11-08
- Page
- Seite 357 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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©atotr Wochenschrift ftr ZRdtsche »nßckqenhettr». ( 867 T dieser Persönlichkeit, insoweit al» heute zu ihrem Schutz gesprochen wurde, ins, sehr mißlicher Weise gedient wurde, denn ich kann in dem, was ich hörte, irgend eine Entschuldigung für den Saum, sal, der Thatsache ist, nicht erkennen. ES mag Se. Excellenz der Herr Statthalter ans AmtSreisen sich befinden, aber da» wird man mir doch nicht weiß machen, daß darum, weil der Statthalter im Lande herumreist, ihm nichtmehr mitgetheilt werden kann, da» wird man mir nicht weiß machen, daß da» Präsidium nicht im Stande ist, den Statthalter zu finden. (Große Heiterkeit.) Wenn heute politische Unruhe in einem Winkel Galizien« auSgebrochen wäre, dann würde man Se. Excellenz gewiß ^gefuaden haben (große Heiterkeit), darauf können Sie sich verlassen; wamm findet man ihn da nicht? (Lebhafte Zustimmung.) In diesem Falle, meine Herren, bekümmern Sie fich nicht um jene Allerhöchste Entschließung, sie hat keine Anwendung; bekümmern Sie sich nicht um da» Concordat, e» hat auch keine An- Wendung; bekümmern Sie sich um die bürgerliche Gesetzgebang und die Hilfe, welche danach von Seite der Behörden einem Bater zu gewähren ist. Ich fordere Sie, meine Herren, auf, stimmen Sie ja gewiß dem Antrag de» Petitions-Ausschusses zu und nicht jenem Sr. Excellenz des Freiherr» v. Pratobevera. Kraft und Muth liegt in jenem Antrag de» Petitions-Ausschusses. (Leb׳ Hafter Beifall und Händellatschen links, stürmisches Bravo von der Galerie.) Präsident: Ich bitte, auf der Galerie sich solcher BeifallSzeichen zu enthalten. (Schluß folgt.) Vr. Aron Gumprrtz grn. Aron Smmrrich. Bon L. Laadshllth. (Fortsetzung zu S. 341.) 3״n Wahrheit, mit welcher Stirne kann ein Mensch, der doch ein Gefühl der Redlichkeit in sich hat, einer ganzen Nation die Wahrscheinlichkeit absprechen, einen einzigen ehrlichen Mann aufweisen zu können? Einer Nation, aus welcherwie sich der - Verfasser der Juden ausdrückt, alle Propheten und die größesten Könige aufstanden? Ist sein grausamer Richterspruch gegründet? Welche Schande für daS menschliche Geschlecht! Ungegründet? Welche Schande für ihn!" ״Ist es nicht genug, daß wir den bittersten Haß der Christen auf so manche grausame Art empfinden müssen; sollen auch diese Ungerrchtigkeiten wider uns durch DerlSumdungen gerechtfertigt werden? Man fahre fort uns zu unterdrücken, man laste uns beständig unter freien und glückselige» Bürgern eingeschränkt leben; ja man setze uns ferner dem Spotte Und der Verachtung aller Welt an-; nur die Tugend, den ei»zigen Trost bedrängter Seelen, die einzige Zuflucht der Verlassenen, suche man u»S nicht gänzlich abzusprechen re. 1c." ״Was können uns nnsre strengen Beurtheiler, die nicht sekten ihre Urtheile mit Blute versiegeln. Erhebliches vorrücken? Laufen nicht alle ihre Vorwürfe auf den unersättlichen Geiz hinau«, den sie vielleicht durch ihre eigne Schuld, bei dem gemeinen jüdischen Haufen zu finden frohlocken? Man gebe ihnen diesen zu; wird es denn deswegen aufhöre», wahrscheinlich zu sein, daß ein Jude einem Christen, der in »äuberische Hände gefallen ist^ da- Leben gerettet haben sollte? Oder wenn er es gethan, muß er sich nothwendig da» edle Vergnügen seine Pflicht in einer so wichtigen Sache beobachtet zu. haben mit niederträchtigen Belohanngen versalzen laste«? Gewiß nicht. Zpdorau« wenn er te solchen Umständen ist, in welche der Jude im Schauspiele gesetzt worden."^ r ״Wie aber soll diese» unglaublich sein, daß unter einem Volke von solchen Grundsätzen upd Erziehung, ein so edle» und erhabene» Gemüth fich gleichsam selbst bilden sollte? Welche Brleidigung! so ist alle unsre Sittlichkeit dahin! so regt sich in uv» kein Trieb mehr für die Tugend! so ist die Natur stiefmütterlich gegen un» gewesen, als sie die edelste Habe unter den Menschen auSgetheilt, die natürliche Liebe zum Guten! Wieweit bist Du, gütiger Vater, über solche Grausamkeiten erhaben!" ״Wer Sie näher kennt, theuerster Freund! und Jhv Talente zu schätzen weiß, dem kann es gewiß an keinrm Erempel fehlen, wie leicht sich glückliche Geister, ohne Vorblld und Erziehung emporschwingen, ihre unschätzbaren Gaben ausarbeiten, Geist und Herz bestern und sich zum Range der größten Männer erheben können. Ich gebe einem Jeden zu bedenken, ob Sie, großmüthiger Freund! nicht die Rolle de» Juden im Schauspiele übernommen hätten, wenn Sie auf Ihrer gelehrten Reise in seine Umstände gesetzt worden wären. Ja, ich würde unsre Nation erniedrigen, wenn ich fortfahren wollte, einzelne Exempel von edlen Gemüthern anzuführen. Nur da» Ihrige konnte ich nicht übergehen weil eso schon in die Augen leuchtet und weil ich e» allzu oft bewundere." In diesen wenigen aber bedeutungsvollen Zeilen, hat MendelSsohn seinen ehemaligen Lehrer und Gönner Gumpertz, der ihm' in der Periode seine» früheren, von Nahrungssorgen nicht frei gewesene» Aufenthalts in Berlin vielleicht auch mit seinen reichen materiellen Kräften zu Hülfe gekommen sein mag, ein würdigeS Denkmal gesetzt. Man nimmt mit Vergnügen wahr, mit welcher innigen Hochachtung der tiefe philosophische Lenker Mendel»- sohn seinem ״großmüthigen Freunde" Gumpertz, die ihm alvorzüglichen Menschen gebührende Huldigung und Verehrung zollt und wa»'er in Anerkennung seine» vortrefflichen Charakters, sich von demselben überzeugt hält. Der Erinnerung Mendelssohn» gegen die Verirrungen jenes Kritiker», wie sie in der gedachte» Rezension zu Tage getreten, stimmt Lessing bei; ebenso auch in der Hochachtung Gumpertz, dem er das Zeugniß giebt, daß er ihrem gemeinschaftlichen Freunde Mendelssohn ״an guten Eigenschäften völlig gleich ist". —') ES ist zu bedauern, daß der ohne Zweifel zwischen Mendelssohn, Lessing und Gumpertz stattgefundene Briefwechsel sich nicht erhalten hat. DaS Antwortschreiben Gumpertz auf den oben mitgetheilten von Mendelssohn an ihn gerichteten Brief in Bezug auf Michaelis hat Lessing selber, weil es zu verletzen geeignet war, durch den Druck zu veröstentlichen Anstand genommen. Dafür entschädigt uns Lessing mit folgender Bemerkung, womit er in der theatralischen Bibliothek seine Abhandlung über Las Lustspiel: die Juden schließt*). ״Ich habe, sogt er, auch die Antwort auf diesen Brief Von mir. Allein ich mache mir ein Bedenken, sie hier drucken zu lasten. Sie ist mit zu viel Hitze geschrieben, und die Retorsionen sind gegen die Christen ein wenig zu lebhaft gebraucht. Man kann es mir gewiß glauben, daß beide Correspondenten auch ohne Reichthum, Tugend und Gelehrsamkeit zu erlangen gewußt haben, und ich bin überzeugt, daß sie unter ihrem Volke mehr ') Mendelssohn, Sesammelle Schriften G. 47«. ') Lessing« SLmmUiche Schriften Bd. ll. Berlin, Boß, 1846. S SS.