Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 45 (8.11.1867)
- Date
- 1867-11-08
- Page
- Seite 354 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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354 Dir •fgadMit Seine Hauptwirksamkeit aber ccneentrirte sich k> der Freischule, welcher er bi» 1856 Vorstand, wLhrend er vom Predigeramte schon 1840 abging. Ich maß« mir nicht an, diese Wirksamkeit de» Näheren zu benrtheilen. Aber da» weiß ich, daß er ihr mit vollster Seele und Liebe sich hingab, daß er ein Herz für die Sinder hatte und auch die Gaben und da» Bestrebe», sie zu sittlich-religiSsen und brauchbaren, tüchtigen Menschen heranzobilden, so wie daß er der Schule den Charakter einer jüdischen, aus der jütischen Gemeinde Hamburgs herauSgewachseneu Anstalt zu erhalten getrachtet hat. Seit seinem Abgänge ist bekanntlich von seinem Nachfolger an dieser Grundlage der Anstalt gewaltig gerüttelt worden. Ob da» aber ein Fortschritt und ein Gewinn skr die Gemeinde in Hamburg ist, will ich hier nicht weiter erörtern, da e» zu weit hinaus führen würde, in die sehr eigenartige» Neugestaltungen dieser großen Gemeinde und ebenso sei e» nur flüchtig angedeutet, daß ihm die Art und Weise, wie sei» Abgang herbeigesührt wurde und beschlossen wurde, sehr wehe gethan, ihn gar sehr, niedergedrückt und verstimmt hat, eine geistig wie leiblich wirkende Verstimmung, von der er sich erst wieder durch die herzliche, allgemeine Feier seine» 70jährigen Geburtstage», durch die Liebe und Verehrung und Anerkennung, welche sich da kund gegeben, losmachte, und wieder LebenSmuth bekam. Auch seiner bekannten Schriften, Religionsbuch, Gesangbuch für die Schule und die häusliche und öffentliche Gottesverehrung, Predigten und Predigtentwürfe, sowie seine» Antheils an dem Gesangbuch für den Tempel und an dem Gebetbuche, sei nur kurz erwähnt. Die Erwähnung genügt, um in Erinnerung zu bringe», was er innerhalb seiner Sphäre geleistet hat. Aber ei» Charakterzug sei noch hervorgehoben: er war mit seinen Leistungen, er war mit dem Erfolge seiner Mission nicht zufrieden, und es ist diese« die edle Unzufriedenheit solcher Männer, welche hohe, ideale Ziele sich setzen und darin finden, daß die kahle Wirllichkeit dahmted weit zurückblcibt. Ein Ausdruck dieser edlen Unzufriedenheit war e», daß er mir einmal schrieb, ich möchte, wenn er gestorben, an seinem Grabe oder sonst sein Leben kennzeichnen und dabei zum Texte nehmen das Schriftwort: 1) בגדול החל ובקטון כלה. B. M. 44, 12). Großes hat er im Sinne gehabt, große, schöne Ziele hat er verfolgt, aber der Erfolg sei weit hinter seinen Er- Wartungen zurückgeblieben. Und daß er diesen Text und Spruch gewählt, sogar gewünscht, daß sein Leichenstein ihn trage — das war hei einem Manne wie Kley keine Selbstüberhebung, sondern ein demüthige« Bekenutniß, freilich zugleich ein scharfes Urtheil, eine Verurtheilung der Indifferenz, des kleinlichen Auölaufeö, welchen der großartige, so viel verheißende Anfang des Tempels und seiner mit Begeisterung verfolgten Richtung zu nehmen in Gefahr ist. So lichten sich die Reihen der alten, bewährten, um da» Judenthum verdienten Männer immer mehr. Wo bleibt der kraft׳ volle Nachwuchs? — Wechsler. Oldenburg im Oktober 1867. Bordeaux. Die ״Arch. ISr." bringen unter Vorbehalt der Bestätigung folgende, Sensation erregende Nachricht: In einem christlichen Hospital in Bordeaux suchte eine barmherzige Schwester einen israelitischen Sranken zu überreden, znm Christenthum überzutreten. Sie drang in denselben so sehr, daß dieser, in einem Augenblick der Ungeduld oder des Zorne» da» hölzerne Crucifix, da» man ihm vorhielt, zerbrach, wobei durch ein Theil desselben die Schwester verwundet wurde. Die Schwester machte dem Kranken durchaus deinen Vorwurf.- Der Kranke nahm des Abendei» beruhigende« Mittel, starb aber noch in derselben Rächt. DeL Morgens fand man auf den Lippen de» Verstorbenen ein Crucifix ... Auf die Intervention de» OberrabbinerS S. Levh bei dem dortigen Erzbischof wurde nicht nur der Israelit auf dem jüdischen Begräbnißplatz begraben, soudern auch die barmherzige Schwester wegen ihre« allzugroßen Eifers Entlassen. Dublin. Die Loge ״Israels", die vor 18 Monaten von der Großloge von Irland gegründet wurde, hat in dieser kurzen Zeit eine große Anzahl von Mitgliedern und einen bedeutenden Einfluß erlangt. Einen glänzenden Beweis, wie sehr man sich für diese Lege interefsirt, liefert die Thatsache, daß der Großmeister von Irland, der Herzog von Leinster, neulich Mitglied derselben geworden ist. Vergangenen Montag Abend fand eine interessante Ceremonie statt, bie' Jnstallirnng des Rev. Philipp Bender in der jüdischen Gemeinde zu Dublin. Dieses wird gewiß zum Gedeihen der Loge beitragen, da Herr Philipp Bender sehr bekannt und bei Jedem sehr geachtet ist. (Iew. Chron.) Pari». Man liest im ״Mouiteur Universel" vom 5. Oktoder: Wir vernehmen, daß die israelitische Gemeinde zu Tripoli eine vollstände Genugthung für die Zerstörung und Verbrennung der Synagoge zu Zeliten erhalten hat. 70.000 Piaster wurden zum Wiederaufban des Gotteshauses gewährt. Energische Maßregeln sind getroffen worden, um die Schuldigen zu bestrafen und die Sicherheit der Israeliten wieder herzustellen. Diese» Resultat ist hauptsächlich der Intervention de« General-Consuls von Frankreich, bei dem die Israeliten die.Unterstützung gefunden haben, welche deren Glaubensgenossen stets bei den Repräsentanten der französischen Regierung finden — zu verdanken. Pari». Der Vorstand der Kleinkind crbewahranstalten hat sich durch Vermittlung de« Central-ConsiftoriumS an sämmtliche israelitische Consistorien in Frankreich gewendet, um in Erfahrung zu bringen, wieviel derartige israelitische Anstalten existiren und was deren Resultate sind. In der Sitzung am 27. Oktober, welcher die Kaiserin präsidiren wird, sollen für die verdienstvollen Institute Belohnungen bestimmt werden. Arch. I»r. Die Vcrhsn-lungen des österreichischen Abgeordnetenhauses über die Mortarafälte in Galizien. *** Wien, 16. Oktober. In der heutigen Sitzung de» Abgeordnetenhauses kam folgende Episode vor. Präsident: An da» Präsidium dieses Hauses ist heute Morgens ein Telegramm eingelangt, das im gleichen Wortlaute auch dem Dr. v. Mühlfeld zugekommen ist. Dr. v. Mühlfeld hat dies Telegrainm als Petition dem Hause überreicht. Es ist die Bitte eine« Vater« aus Lemberg, dessen Tochter ״Sarah" im Nonnenkloster zurückgehalten und ohne Zustimmung de» Vater» zur christlichen Kirche bekehrt wird. Ich bitte den Herrn Schriftsichrer das Telegramm zu verlesen. Schriftführer liest: ״Meine siebzehnjährige Tochter Sarah, reoto Chaje, hat sich nach Verübung eines Diebstahls an allen meinen Habseligleiten in das hiesige Benedictinerkloster geflüchtet, wo sie sich seit dem 9. Oktober befindet. Mir wird der Zutritt verweigert-amd auch da» Strafgericht, obwohl der Thatbestand vollkommen erhoben ist und die gesetzliche Strafe folgen muß, weigert sich, sie au» dem Kloster zu holen, den Nonnen Zeit lassend, ihre Bekehrung