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Die Gegenwart · 1867-11-08 · 45 (8.11.1867) · p. Seite 353

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
45 (8.11.1867)
Date
1867-11-08
Page
Seite 353 (sequence 1)
Language
German
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Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. $4cataata1 ftt Mt RiktctiH SXiMMMt aMciatMai l.fenl* «iatd M» Mtjt;»«klUf, «**/» «*I. Inol. «Bb O«K R«. 45. Ärger Jahrgang. 1867. Freitag, Leu 8. November. Inhalt: Dr. Eduard tley. — «,rre»»«>»ense»: Bordeaux, Dublin» Pari«, Pari«. — Dte Verhandlungen im österreichischen Abgeordnetenhause über dir RortarafAle in Galizien. — Dr. Aron Snmprrtz, gen. Aron Emmerich Dort, setzung.) — Rothgedrungene Replik. — NoÜz. — vermischte«.--usrratr. Dr. Edvard Kley. Zur Einleitung in die Gedenkworte, welche ich dem vor Kurzem Verblichenen widme, feien mitgetheilt Auszüge aus einem Briefe von ihm, welchen ich am ersten Tage m d. I. erhalten habe. "לפוסון וכוד ברית. Mein theurer Freund! Ich kann UN« möglich von dem heutigen PiSmon unberührt und ungerührt meinem Herzen es versagen. Ihnen trotz ärztlicher Verbote für den letzten Tag im Jahre die Mittheilung zu machen, daß ich mich während dieses Sommer» leidlich befunden habe und daß ich Sie nicht vergessen habe, ohne Ihnen ferner die besten Wünsche, die Segnungen für Sie und Ihr ganze« Hau» au« der Ferne zu senden. Kann bei einem 78V, jährigen Manne ja so leicht jeder Tag der letzte, geschweige denn der ע״רה der letzte zugleich de» Leben» sein.-Wie recht der Arzt hat, mir da» geistige Arbeiten zu verbieten, habe ich in der verflossenen Zeit wieder erkennen müssen. Ich wollte so gerne bei Gelegenheit de» Tempel« jobel» von 50 Jahren für den 18. Ostober 1868 noch ein Leben»- zeichen öffentlich von mir geben und dazu entweder den 3. Band der Predigtskizzen תורת כהנים oder die noch fehlenden 3 Bücher Mosis in einem Bande skizzirt herausgeben, und schon zu Pflug« sten oder gar noch früher fing ich an, habe e» aber bi» jetzt noch nicht über 6—8 Skizzen hinausgebracht, weil ich stet» dazwischen pausiren mußte, vielleicht gelingt e» mir während de» Winter» besser. --Nun, Freund, ist dem Herzen G'nüg gethan; für die Sünde, die ich heute noch thue, will ich am י״כ Buße thnn. Leben Sie wohl und gedenken mein u. s. w." Die Veröffentlichung dieser Briefskizze, geschrieben fünf Tage vor seinem Tode, soll einerseits meinen Beruf zu die« sen Gedenkworten dokumentiren, und andererseits liefert sie sogleich Anknüpfung«- und Anhaltspunkte, dem Eharakter und dem Wir« ken de» Verstorbenen gerecht zu werden, eine Gerechtigkeit, welche ihm nicht immer geworden ist. Wa« sich in diesem Briefe schon abspiegelt, gemüthliche» Wesen, treue, aufopfernde Freundschüft und Hingebung, ferner Liebe zur Arbeit und geistigen Thättgkeit bi» an sein Ende trotz der dadurch gesteigerten Krankheit — da» spiegelt sich im ganzen Leben und Wirken desselben ab und führt hier zur Würdigung seiner großen Verdienste. Ja, großen! Denn die Größe eines Menschen liegt nicht immer in der extensiven, weithin Strahlen werfenden Wirksamkeit. Eint solche Größe, beanspruchen wir nicht für ihn; er. war kein strahlende-, wissenschaftliches Licht und keine prunkende Erscheinung. Aber er war, und da» ist auch eine Größe, schöpferisch und nnermüdlich ׳in der Sphäre, welche ihm zom Wirken gegeben war oder vielmehr, welche er sich selbst geschaffen, und hat auch innerhalb dieser Sphäre Schöne», Große» vollbracht. Autodidakt und erwachsen in einer Zeit, wo e» in der jüdischen Wissenschaft, in den jüdischen Gemeinden, in den jüdischen Gotteshäusern noch gar wüste und wirre war, wo aber die rationelle Richtung und die freie Forschung der Theologie in Deutschland guten Boden ge- Wonnen, und von dieser Richtung und Forschung angezogen — so kam er 1809 nach Berlin al» Hauslehrer bei dem Banquier Jacob Hertz Beer, al» Erzieher der berühmten Michel und Meyer Beer, durchlebte daselbst die großen BrwegungSjahre und besuchte die Universität, an welcher Fürst und Schleiermacher und Andere wirkten, und wurde von dort 1817 nach Hamburg berufen, al» Direktor der in ihren Anfängen begriffenen Freischule, fing dann sogleich auch an, Religion »Vorträge, deutsche, damals noch eine gar große Seltenheit unter Juden, zu halten und so den Grund zu legen und die Anregung zu geben zu dem am 18. Oktober 1618 eröffneten Tempel, zu dessen zwestem Prediger dann auch her selige Dr. Salomon berufen wurde. Wa» dieser Tempel mit seiüer reforwatorischen Tendenz und seinem reformirten Gotte», dienste, zu dessen Ordnung Kley so viel durch seine schönen Lieder und Gebete beitrog, seiner Zeit für un» Alle zu bedeuten hatte, wie kühn und daher auch von den alten Rabbinern vielfach angefeindet diese Neugestaltung, wie hervorragend besonderdurch seine beiden Prediger, weiß Jeder, der die letzten 50 Jahre mit Aufmerksamkeit verfolgt hat. Kley war kein rednerische» Licht oder Meteor, wie Salomon e» war, nicht so effektvoll und fesselnd. Aber er war ein streng geistiger Logiker — Reinhard in Dresden mochte sein Vorbild sein — und dabei eine durch und durch stare Natur, der allen Geistessprüngen und Spielereien, wie sie so oft auf der Kanzel Vorkommen, ferne blieb, und dem ei» tief sittliche« Gemüth, eine reine, wahre Religiösität inne wohnte und vor Flach, heit und jener Reformsucht im Iudenthum bewahrte, welche für die alten Traditionen und die ehrwürdigen Institutionen desselben, keinen Sinn mehr hat. Er war kein Mann de»-Umstürze» sondern de» Aufbauen» und sympathisirte nicht mit unfern Sturm« läufern; freilich noch viel weniger mit der jüdischen Neuorthodoxie, mit der überlünchten Hohlheit und Gespreiztheit derselben. Wie oft klagte er mir in seinen Briefen über den Midraschstam und da» Haschen unserer jetzigen Prediger nach Witzworten, Mch ge« lehrt.scheinendem rabbinischem Ausschmucke, dem oft alle Logik, aller Ernst der Durchführung eine» Gedankens, einer Wahrheit zum Opfer gebracht wird. Solchen, welche daran Gefallen haben, können freilich die Kley'schen Predigten und Predigtskizzcn mit ihrer sttengen Eintheilung und Durchführung nicht gefallen. E» wird aber doch außer mir noch Manche geben, welche bekennen, daß sie von Kley viel gelernt, vielleicht noch mehr al» von Salomon, weil dieser seine Eigenthümlichkeiten hatte, welche sich nicht leicht nachahmen lassen. 46

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