Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 44 (1.11.1867)
- Date
- 1867-11-01
- Page
- Seite 350 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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60ג Dir Oegeuw«rt. / Und verwunden Sie ein Bafilißk. Dann Midi dein Lnge Rach Bnhletümm, f Und e« redet dein Herz Verkehrte Dinge. Schon der fromme Urvater Noah, der die ersten Weinberge anlegte und den ersten Wein trank, — ähnlich wie bei den Aeghp« lern Osiris und bei dm Griechen Dionhso» als Erfinder des Weinbaues gelten, — mußte die gefährliche Seite diese» GetränkeS an sich erfahrm und bekam einen heillosen Rausch davon. I. Mos. 9, 20ff. Hatten nun die Hebräer auch kein so humori. stischeS Lied über den ״Vater Noah" wie wir Deutschen, und dürfen wir selbst den gereimten Spruch über Noah*) 1. Mos. 5, 28 wohl nicht mit älteren Auslegern geradezu auf den Anbau de» Weines beziehen, so mögen sie doch seine Berdimste um da» edle Gewächs wohl ebenfalls im fröhlichen Kreise bei vollen Be« chern besungen haben. — Jndeß die eigentliche Poesie, die im Weine liegt, verschwindet bei dem Unglück der Nation immer mehr, obwohl die herzerheiternde Wirkung desselben noch immer hervorgehoben wird. So ist e» gut und human gemeint, wenn die Regenten vom Genuß des Weine« abgerathen werden, allein der Gedanke ist auch prosaisch und nüchtern. Sprw. 31, 4—7 Nicht Zköliige, 0 Lemoel, Nicht »Snige dürfen Sein trinken, Noch auch Fürst« Berauschend Getränk: Damit er nicht trinkend Da» Gesetz vergeffe, Und verkehre da» Recht Aller Leiden ».Söhne. SÄt starke« Getränk Dem zu Grunde Gehenden, Und den Sein Dem Herzbetrübten! Lus daß er trinkend Seiner Armuth vergeffe, Und seiner Mühsal Nicht ferner gedenke. Charakteristisch ist der Gedanke, den der nachexilische Prophet Haggai 1, 6 ausspricht, daß nämlich zur Strafe der Wein seine Wirkung versagt und den Menschen da» trockme, nüchterne Be« wußtsein de- Alltagleben» läßt: Nr esset, doch nicht zur Sättigung, Ihr trinket und werdet nicht trunkselig. Der ernste Prediger aber, der um 300 vor Ehr. schrieb, und in Allem ein Haar findet, ermahnt doch 9, 7: Wohlans denn, genieße mit Freud« dem vrod, Und trinke dein« Wein mit ftShlichem Herz«! Ebenso sagt hundert Jahre später noch Sirach 31, 33 f.: Sa» für ein Leb« Senn der Sein gebricht! Sr ist ja dm Menschen Zur Freude geschaffen. *) Der Ausspruch wird dem Lamech, dem Vater Noah« in dm Mund gelegt, indem er dm Namm de» Sohne» mit niodam, trösten, etymologisch kombinirt: ״Der wird uu» tröftm Ueber unser Dhun, Ueber die Müh unsrer Hand Und über da» Land, Sel chem der Herr Dm Fluch gesandt. Freude de» Herz»» Und Sonne der Seele Ist der Sein zu rechter Zeit Zur Smüge getrunken. Wer möchte leugnen, daß wir hier nicht noch Ankkänge echter alter Weinlieder vor ün» hätten, zumal Sirach e» nicht genug hervorheben kann, wie lleblich Musik und Saitenspiel beim Wein« gelage sei. K. 32, 7 ff. 40, 20. Daneben aber fistdet sich die dringende Mahnung zur Mäßigkeit. — Endlich, um dies Kapitel abzuschließen, stehe hier noch au» dem Neuen Testamente die rein medizinische Anmahnung zum Weintrinken, im 1. Brief an Ti« motheuS 5, 4: ״Trinke nicht (bloßes) Wasser, sondern genieße ein wenig Wein», um deine» Magen» und deiner häu« figen Mattigkeit willen." Jndeß ist der Stoff und Gegen« stand׳ so unverwüstlich poetisch, daß man selbst aus diesem pro« saischen Recepte noch ein gute» und heitere« Weinlied hat machen können. Neben der innigen Freude am Wein, die sich durch da» ganze hebräische Volksleben hindurchzieht, zeigt sich allerdings auch schon früh eine religiöse Opposition dagegen, die einer kurzen Er« klärung bedarf. Die Nasiräer nämlich, die älteste Sekte in der Richterperiode, enthielten sich de» Weins und alle» dessen, was vom Weinstock kommt. Äegt auch im Allgemeinen darin wohl ein gewisser Kampf, eine geistige Erhebung über da» Natürliche, wie sie da« ethische Prinzip der hebräischen Religion verlangte, so erllärt sich doch diese Enthaltsamkeit zunächst wohl nur daran«, daß sie einen Gegensatz zum kananitischen Kultus de» Baal und der Astarte bildete, wobei Wein und Trauben, besonder» Trauben« kuchen genossen wurden.*) Au» jenem Kultus, dem ein großer Theil de» hebräischen Volke» dis zum Exil hin ergeben war, stammt auch unstreitig der alte Ausspruch, daß der Wein Götter und Menschen erfreue. Die Lieder aber, welche mau bei diesen Gvtterfesten sang, fanden ganz natürlich kein Unterkommen in den spätern ethischen Schriften de» Volke», obwohl sie für un» das« selbe Interesse, wo nicht ein noch größere« haben dürften, als z. B. die Naturhymnen der Inder. — Jene Enthaltung vom Ge« nutz de» Wein» zeugt übrigens von einer sehr abstrakten, einseiti« gen Auffassung de» hebräischen ReligionSprincipS, da« die Natur durchaus nicht vernichten will, weshalb auch da» Volk öfter» die Nasiräer zwang, ihr Gelübde zu brechen und Wein zu trinken.**) Eine Anfrage. Geehrter Herr Redakteur! Ich lese Ihre Zeitschrift, seit diesrsbe besteht, mit vielem Vergnügen, kann aber nicht umhin, Ihrer ganzen Redaktion von Anfang bi» jetzt einen schweren Vorwurf zu machen. Ein au». Oesterreich kommender Freund bringt mir neulich eine dortige Zeitung, genannt ״Ben Ehauanja". Da lese ich u. A. Folgen« de» al» Berliner Eorrespondenz: , ״Der Rabbiner Dr. Na schär hat eine Eonfirmanden-Schule errichtet. Die in derselben vorbereiteten Knaben werden an dem betreffenden Bar׳Mizwah«Tage und die Mädchen zum Schluffe eine» jeden Semester» (vor Rosch-Haschana uud Peßach) öffentlich »ingesegnet. Die Knaben werden schon seit einem Jahre in der angegebenen Weise confirmirt, die erste feierllche Einsegnung der weiblichen Jugend aber fand am 15. v. M. in der Synagoge .*) Richter 9, U, «ofea t, 1. ") «gl. Am», », IS.