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Die Gegenwart · 1867-11-01 · 44 (1.11.1867) · p. Seite 349

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
44 (1.11.1867)
Date
1867-11-01
Page
Seite 349 (sequence 5)
Language
German
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Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. 849 feit, dieselbe durch den Alkohol zu befördern, verdammt sind. Je« denfallö aber gehen die Mäßigkeit-Vereine viel zu weit, wenn sie durch Zwang und Staatögefehe ihren Zweck erreichen wollen, wie die sogenannten Tempereuzmeu in Amerika, welche Verbote von Spirituosen durchsetzen wollen. Besonders thun sich dort in dieser Sache die Mucker hervor und berufen sich natürlich auf die Bibel. So will ein Pastor Hatfield au- Hab. 2, 15. beweisen, daß schon der Prophet Habakuk gegen den Genuß scharfer Ge« tränke geeifert habe. Die Sache ist aber Gegenstand eine- Zeitungsstreitege« worden, an welchem sich auch die jüdischen Theologen Amerika'- betheiligt haben. Auf eine Anfrage der Redaktion der ״Jll. Staats-Zeitung^« antwortet z. B. Herr vr. Chronik sehr richtig: ״Sie fragen mich, ob die Temperenz-Mucker wirklich, wie sie vorgeben, in den Schrijten des sog. alten Testamentirgend einen Anhalt haben. Nicht im Geringsten. ES athmet aus jenen Schriften ein zu gesunder und kräftiger Geist, als daß sie mit den krankhaften und unschönen Affektationen, welche sich mit der Menschennatur Überwerfen, eine Wahlverwandtschaft sollten haben, können. Bei einem auch nur oberflächlichen Derständniß der hebraischeu Sprache und des VolkSrednerS Habakuk kann man ver« nünftiger Weise nicht, wie der von Ihnen beregte Pastor Hatfield daexegetische Unglück gehabt hat, auf den Gedanken verfallen, daß der sittlich entrüstete Wehruf deö Propheten, Kap. 2, V. 1b, ein Ausstoß sei über den Genuß von scharfen Getränken in tem« perenzlich muckerischer, Gestalt oder Uogestalt." Schlagender jedoch als wie mit der von ihm , selbst geform« ten Uebersetzung, die,vr. Chronik dem jüdischen CommeMatoren Aben Csra und Kimchi, welche er auch citirt, entnimmt, hatte er den protestantischen heuchlerischen Bibelhelden mit der Lutherische» Uebersetzung antworten sollen: ״Wehe dix, der du deinem Räch, sten einschentest und mischest deinen Grimm darunter und trunken machst, daß du seine Scham sehest" die so recht daverwerfliche teuflische Truokenmachen und die zu elenden Selbstzwecken berech« nete Völlerei klar darstellt, nicht aber den Labetrank verdammt. Auch de Wette übersetzt, nur etwa« eleganter: ״Wehe ihm der seinem Freunde zutrinkt, der du deinen Gluthtrank eiuscheukest; uud auch ihn berauschest, um zu schauen seine Blöße". Wir be« merken nur noch, daß andere jüdische CommeMatoren, wie Raschi und Salomen ben Melech, im Michlvl, entgegen den obigen Com« mentatoren, diesen Sinn theilen und nichts davon wiffen wollen, daß ״ חמתן־deinen Schlaucht bedeute, was eher einen Anhalts- Punkt für den edlen Temperenzler abgeben möchte. Auch der Paraphrast im Targum giebt ויפח חמחך durch חלף כיחמא wieder; die Septuaginta ist uns nicht zur Hand, sie übersetzt gewiß auch nur in diesem Sinne. Auch der Midrasch sogar weicht nicht von diesem geraden Sinne ab und erkennt in חםו!ך die tückische Hitze eine- Nebucadnezar gegen Zidkia (siehe Rabba Esther 121. t>.) Würden übrigenden Alten berauschende Getränke verpönt gewesen sein, so hätte damosaische Gesetz enicht nur den Nasiräern und de« dieustthuenden Priestern verboten, sondern ewürde da- Verbot wohl weiter au-gedehm haben. Die Nasiräer hatten sich übrigendie Euthallsamkeit von berauschenden Getränken selbst auserlegt und nach einer Ansicht in der Tradition wur« den sie als Kehlende gegen da- Naturgesetz, da« Irdische mit Maß und Ziel zu genießen, betrachtet, welche Ansicht nach der damaligen Hermeneutik in den Worten der Schrift selbst begründet gefunden wurde. נדר נקרא חומא. Die späteren Juden und mit ihnen auch die christlichen Apostel mögen manchevon deu Persern gelernt haben, doch nicht den magischen Grundsatz: ,chaß der Wein ein Geschenk de« bösen Geiste« sei"; wa« ein Beweis mehr ist, daß da« Judenthom nicht Alle«, oder wenigsten« gar Biele-, wie neuerdings wieder behauptet wird, abgesehen habe. Biel kürzer hätte die Antwort auf Herrn Hatfield'« falsche Insinuationen sein können: ״daß man nach diesen da« Blut Christi gewiß nicht mit dem berauschenden Rebenblut hätte der» gleichen sollen." Diese vom ״Hebr. Leader" gemachte Bemerkung ist geeig« net, uns weiter zu führen und zu zeigen, wie gerade der Wein bei ben Hebräern eine ganz hervorragende Rolle als Sulturele« ment spielt. ' Der Wein bildet ein Hauptprodukt Palästina'- und muß mit der Poesie, die in seiuem Genüsse liegt, den alten Hebräem früh lieb und werth geworden sein und hat selbst nicht wenig zu ihrer geselligen Kultivirung beigetragen. War doch gleich da« erste Erzeuguiß, welchedie Kundschafter Mose'S au« der Ge« gend von Hebron mitbrachten, jene Riesentraube, die zwei Leute an einer Stange trageil mußten, 4. Mos. 13, so daß später I«« rael selbst gern unter dem Gilde eines Weinstocks vorgestellt wurde. (Jes. 3, 14. 5, 1—7. Psalm 80.) Auch auf den makkabäischen Münzen erscheint eine Traube als Symbol Palästina'«. CS ist ein durchaus poetische- Gewächs. Zur Bezeichnung behag« lichen Glücks und eine« seligen ungestörten Friedens wußte der. Hebräer kein schöneres Bild, als die«: unter seinem Wein« stock und Feigenbaum sitzen; Micha 4, 4. 1. Kön. 4, 25. Von der erheiternden Wirkung aber, die der Wein auf das menschliche Herz ausübt, spricht schon die alte Fabel Jotams und rühmt eS ihm nach, daß er Götter und Menschen erfreue. Nicht. 9,. 13. vergl. Ps. 104, 15. Sprw. 31, 6. In der messianischen Zeit sollen die Berge von Most überfließen, wie Joel 4, 18 ver« heißt; und ein noch älterer Dichter hebt an dem Stamme Juda die tiefdunkelen Augen, die vom reichlichen Genuß de- Weines Herkommen, hervor, und zwar nicht als Tadel, sondern als Lob. 1. B. Mos. 49, 12. Später wird die Ansicht pro« saischer, indem dem Uebermaß gesteuert werden muß. So schist Jesaja die Männer: —. Die W Helden find im Weintttnken Und AraflmLniier, um Süßwein )u mischen! Die da früh ansstehn am Morgen, Dem Süßwein nachjagend, Die da spät hinfitzen in die Dämmerung, Bom Wein dnrchglüht, Und bei llither und Harfe, Bei Flöte und Pauke Ihr Trinkgelage halten. Vergl. Jes. 5, 11, 12, 22. Die späteren Spruchdichter sind noch bedenklicher und wissen dem Wein allerlei Schlimmenachzusagen Im Exile beklagt sich Ps. 69, 12f. ein frommer Israelit über die Spottlieder, die van beim Wein auf ihn singt; und Sprw. 20, 1 heißt es: Der Wein ist ein Spötter, Ein Aufbranser der Mech; Und wer darin schwärmt. Der ist nicht weise. Ebenso Sprw. 23, 31—33: Schau den Wein nicht an, . Wie so röthlich er scheint 1 Die er perlt im Becher Und grad Himmler schleicht! Am Snd' wird er stechen / Wie eine Schlange,

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