Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 44 (1.11.1867)
- Date
- 1867-11-01
- Page
- Seite 348 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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348 Die <fcga»art. gemacht.') Hatte er doch gleich Anfang-; bei allem Eifer, mit welchem er auch diese Wissenschaft trieb, die praktisch« Ausübung derselben nicht mit Bestimmtheit in Aussicht genommen; nur im Falle der Roth sollte sie sein bürgerliche» Fortkommen begründen, in der richtigen Würdigung de» Umstande«, daß ihm al-Jude, kein anderer ebenso ehrenvoller Beruf offengehalten sei?) Der Wohlstand seines BaterS sicherte ihm aber wie bisher, so auch für die Folgezeit eine sorgenlose, behagkche Existenz?) Gumpertz konnte daher seine Muße zwischen dem Studium ver Mathematik, seiner Liebling-Wissenschaft, und seinem ׳Sekretariat bei Maupertiu», da» er noch 1754 versah?) theilen. Wie bereit» Nicolai berichtet•) hat Gumpertz schon früh seine Verbindung mit Lessing angeknüpft. Wenn, wie wahrscheinlich, Gumpertz in den Jahren 1748—1751 seine medizinischen Studien außerhalb Berlin» zurückgelegt, so kann dessen Bekanntschast mit Lessing nicht vor dem zweiten Aufenthalt desielben in Berlin — Dezember 1752 — Oktoher 1755•) — stattgefunden haben. Lessing hatte sich damals durch verschiedene lite« rarische Leistungen bereits einen ehrenvollen Ruf erworben, welcher selbst bis in eine Region drang, welche sonst in Gleichgültigkeit verharrte gegen alles Derartige, was von Außen kam: die Iudengaffe. Die Stellung der Juden unter der Regierung Friedrich» de- Großen, besonders während der ersten Regierungsjahre deffelben, ist weit entfernt eine befriedigte genannt zu werden. Der Ausspruch eines geistlichen Lobredners des philosophischen Königs^): ich kenne keinen monarchischen Staat in Europa, der in Absicht auf die Religion der Unterthanen vollkommener »ach diesen wahrhaften Grundsätzen der echten Toleranz regiert würde, als der Preußische, seitdem der jetzige große König den Thron bestiegen hat, erleidet in Bezug auf die Juden keine Anwendung. Dieselben hatten noch immer so manche au» früheren Zeiten stammende Unbill zu ertragen. Der schinachvolle Jndenleidzoll wurde erst 1787 abgeschaff?) und manche Orte, in welchen kein Jude übernachten durfte, konnte sich noch immer auf dies mittelalterliche Vorrecht berufen?) Die Verordnung vom 38. August 1703 wegen de- Gebete» Alenu, wurde erst 1778 auf Mendelssohn» Ver- Wendung aufgehoben."') Uederhaupt ging Friedrichs Streben dahin, die Juden in seinen Staaten auf eine gewisse Anzahl zu beschränken. Ihrer mit vieler Willkür verbundenen Behandlung von Oben, entsprach der Haß und die Verfolgung, die sie vou Unten zu erdulden hatten. Schmähschriften, die öfterS^kgeL-dtL Juden erschienen, geißelten zur Ergötzung der christlichen urtheilslosen Masse die wirklichen, wie die ihnen freigebig angedichteten Fehler und Gebrechen. DaS Jahr 1749 aber ״macht Epoche in der Kulturgeschichte ״״die Juden"" von Lessing erschienen — der erste Strahl der ') S. d. Anmerkung Karl S. Lesfing« in Mendrl«so-n« Gesammelte Schrift« Bd. 8. S. 47». *) Vorwort zu Megaleh Tod S. 8ss. ') Karl G. Lesfing a. a. O. 4) Derselbe a. a. O. *) Anmerk, zu Mendelssohn« Briefwechsel mit Lesfing in Mendelssohn« Gesammelte Schrift« Bd. 6. S. 80T. *) Lesfing befand sich bereit» seit 1748 in Berlin, wie er selber an Michaeli« schreibt. (Gesammelte Schriften. Leipzig lS»7. Bd. 10. S. 87.) ') Lildke: Ueber Toleranz »ab Gewissensfreiheit S. 26S angeführt bei Preuß. Friedrich d. Gr. Bd. S. S. 218. ') Gcheppler, Ueber die Aufhebung de« Judenlribzoll» G. 69. »/Preuß a. -. O. «. 488. M) Fmalrntscheidwrg de« Staat«rath« »mk ». g»li 1774 bei Boro»«kh: Mendelssohn u. Kppke S. 10». die Finsterlinge beleuchtenden Humanität""). — Da- Lustspiel, da» mit Recht al» ein Vorspiel zu Lesfing» Nathan dem Weisen gilt, ״sofern er schon damals Gerechtigkeit gegen diese Unterdrückten und überhaupt gegen Jedermann verlangte"") konnte der Aufmerksamkeit der Juden, insbesondere aber Gumpertz nicht erst» gehen und mag vielleicht die erste Veranlaffung zur Bekanntschaft deffelben mit Lesfing gewesen sein. Sicher ist'», daß Gumpertz die» Lustspiel mit Mendelssohn ״oft mit Vergnügen gele» se n""). Die beiden denkenden Köpfe sahen in diesem Stücke den Beweis geliefert, daß nicht alle Christen die herkömmlichen Boruriheile gegen die Juden theilen und glaubten, daß nunmehr die Zeit gekommen fei, wo vor der gereisten Einsicht die alten Jrrthümer zu weichen endlich anfingen. Um so schmerzlicher aber mußte e» einen Mendelssohn berühren, daß gerade einer der gelehrtest«» Theologen Deutschland«, Johann David Michaelis, in - dem Göttingschen gelehrten Anzeiger (?0. Stück) gegen Lessing mit der Behauptung austrat, daß der Hauptcharakter de» Lustspiel» viel zu edel und zu großmüchig sei, als daß man denselben bei einem Juden wahrscheinlich finden könnte. Diese absurde An» sicht gipfelte in dem Ausspruch de» genannten Recensenten: ״e» könne unter den Juden keinen ehrlichen Mann geben"") Diese Behauptung einenamhaften Gelehrten, die einer ganzen Klaffe von Menschen dreist a6e Sittlichkeit und Tugend abzusprechen es wagte, erfüllte die Seele Moses Mendelssohn» mit düfterm Unmuth, dem et] Ausdruck verlieh in einem an Gumpertz gerichtete» Brief, auwelchem hier einige charakteristische Stellen folgen mögen. ״Diese Gedanken", sagt Mendel»- sohn?•) ״,nachten mich schamroth. Ich bin nicht im Stande Alles auszudrücken, was sie mich haben empfinden lasten. Welche Erniedrigung für unsere bedrängte Nation! Welche übertriebene Verachtung! Das gemeine Volk der Christen hat uns von jeher als den Auswurf der Natur, als Geschwüre der menschlichen Gesellschaft augesehen. Allein von gelehrten Leuten erwarte ich jeder Zeit eine billigere Beurtheiluog, von diesen vermuthete ich die uneingeschränkte Billigkeit, deren Mangel uns insgemein vor» geworfen zu werden pflegt. Wie sehr habe ich mich geirrt, alich einem jeden christlichen Schriftsteller so viel Aufrichtigkeit zutraute,׳ als er von Andern fordert." (Fortsetzung folgt.) Die Bibel und der Wein. Bekanntlich giebt es seit einer Reihe pon Jahren an vielen Orten, besonders in Amerika, Leute, welche den Gebrauch alko-, holhaltiger Getränke für verderblich und somit für sündhqft erkläre» und durch Predigten, Schriften mrd sogenannte Mäßigkeit»- vereine dem Eonsum von Spirituosen eutgegensteuern wollen. In Anbetracht des traurigen Mißbrauchs, den Viele mit geistigen Getränken machen, ist ein solches Streben nicht ganz ungerechtfertigt, obwohl un« scheint, daß jene Leute besser thäteu, ihren löblichen Eifer gegen die Quelle de- Uebels zu wenden. Das Uebel entspringt, wie Molefchott u. A. klar dargethan haben, unseren socialen Verhältnissen, durch welche eine große Zahl von Menschen zu einer höchst mangelhaften Ernährung und zu der Rothwendig- ") äm. Stznagogale Porste @. 864. ״) Lesfing« GcsawmÄte Werke Bd. 10, Leipzig 1867. C. 828. ••) Mendelssohn« Gesammelte Schriften. Leipzig 1848. Bd. 8. G. 477. '«) Preuß, a. a. O. S. 488. v<rgl. weiter «nt«. ») Lesfing, Lheat. Btbl. 1. Stück. 1764 u. Me^rlssohn« Grsammüte Schrift». Bd. 8. 6. 477ff.