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Die Gegenwart · 1867-10-25 · 43 (25.10.1867) · p. Seite 339

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
43 (25.10.1867)
Date
1867-10-25
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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/ vatmrr Wochmschnft für Jüdisch« Angelegenheiten. AS lMistifchm Regime pen die Eine eiugegangruen Verpflichtungen Rauscher'- in Widerspruch stehen. Die Adresse war rin offener Sturm auf Brust'- Stellung, der vor dem Lbschluffe deverfaffuug-werke» gestürzt werden sollte; die Aron« nimmt offen Partei für den Reichskanzler und tadelt hart die Bischöfe, daß fie die ernsten Bestrebungen der Regierung zur dringenden Lösung der obschwebenden Fragen nicht unterstützt haben. Darin liegt im Grunde die Kassirung de« UriaSbrieseS, auf den gestützt Rauscher der Regierung jede« Betreten der conftssionellen Legislation ohne vorherige Anfrage in Rom untersagen zu können meinte. Denn vom bischöflichen Standpunkte auist die Bemühung de- Ministeriums, welche da» Handschreiben so lobt — nämlich der versuch de» Justizminister-, den ReichSrath vorläufig mit einem Schul- und Ehegesetz abzuspeisen — eine Sünde an der hieligi on und ein verbrechen gegen die Oberherrlichkeit deheiligen Stuhles über Oesterreich, die Rauscher kontraktmäßig für alle Ewigkeit festgestellt zu haben meint. Besonders scharf ist endlich noch die Art, wie den Prälaten ihre eigenen Worte zn verschlucken gegeben werden. Sie, welche die Angriffe auf da- Loncordat als Friedensstörungen gebrandmarkt, müffeo sich sagen lasten, daß umgekehrt sie selber Zwiespalt und tiefe Aufregung hervorgerufen haben in einer Zeit, wo Eintracht Roch thut! Mit dieser Wendüng der Dinge steht es denn wohl auch im Zusammenhänge, daß die Erzherzogin Sophie ihren Aufenthalt in Salzburg verlängert. Neben dem Jesuiten Hübner, den Beust von seinem Botschafterposten in Rom entfernen will, weil derselbe in Ischl gegen ihn gebohrt hat, werden wir jetzt vielleicht auch den Jesuiten Bernhard v. Meher, den blutigen Anstifter deschweizer Sonderbundkrieges, den schon Schmerling zur Disposition gestellt, au» dem Staatsdienste loS. Belcredi hatte enatürlich seine erste Sorge sein lasten, seinem Geistesbruder wieder als Protokollführer de- Ministerraches einen Posten zu verschaffen. Beust aber denkt nicht daran, bei den Berathungen über die Beantwortung der BischofSadreffe da- Protokoll durch Jemanden führen zu lasten, der alles brühwarm in die fürsterzbischöfliche Kanzlei tragen würde — und hat demgemäß seine Anordnnngen getroffen. Beweisen doch auch die Interpellationen im Abgeordnetenhause, daß hier energisches Eingreifen Noch thut, wenn die Pfaffen nicht offene Rebellion machen sollen. In Mähren predigen sie von den Kanzeln, der ReichSrath welle die Vielweiberei, so wie die Robolte und Zehnten einführen; in Lemberg flüchtet eine wegen Diebstahl« verfolgte Jüdin in ein Kloster und der bestohlene Vater fordert daS Strafgericht vergebens auf, die Auslieferung seiner Tochter zu verlangen, da die Nonnen da» Mädchen erst zum Christen, thum bekehren wollen; kurz vorher hat in Tarnopol ein ganz ähn> licher Uebergriff eines Klosters gegen einen Juden stattgefunde» — in Lemberg aber wagt Nicht einmal das Landesgericht sich zu rühren. Mit dieser Mortarawirthschaft kann es denn doch unmöglich weiter gehen! B. Z. «,*«, Wien, 20. Oktober. Sie werden auden Blättern bereits erfahren haben, daß de« kaiserliche Handschreiben an Cardinal Rauscher nicht nur in Pest mit lauten EljcnS begrüßt worden ist, sondern auch den Beifall de« czechischen Organein Prag gefunden hat. Ein ärgeres DeSaveu konnte der Sturm, der die böhmischen HochtorieS und Hochkirchler gegen Baron Beust in der zwölften Stunde vor Lösung der BerfaffungSfrage organisirt, wohl nicht zu Theil werden, als daß selbst ״Narodni Lisch" den Brief, der ״eine vollständige Wendung in der Geschichte des Hauses Habsburg" inaugutirt, mit Sympathie aufnimmt und derjenigen spottet, die sich von der Einsetzung eines Ministeriums Elam-Thun den geringsten Vortheil für die österreichischen Slaven versprechen. Als SuccurS au- Ungarn hatte der Reichskanzler sich sogar den Grafen Andraffh kommen lasten, der während der Entscheidung zwei Tage hier verweilte. Inmitten deallgemeinen -Jubelfind nun dafeudale ״Vaterland" und da- Organ de- Cardinal Rauscher wie vor den Kopf geschlagen. Erster»» schweigt die ganze Frage tvdt und leitartikelt über die^Rothlage der böhmischen Hufeisenschmiede. Der ״volk-freund" verweist den Monarchen mit pachetischen Worten auf seine Verantwortlichkeit vor Gott r und der Geschichte(!). So wie die Sachen sich zur Stunde anlaffen, scheint e» auch keinem Zweifel zu unterliege», daß Baron Beust von der ihm verliehenen Vollmacht, rin ciSleithanische« Ministerium zu bilden, in kürzester Frist wird Gebrauch machen können und keiner abschlägigen Antwort auSgesetzt sein wird, wenn er den Herren Herbst und Gi-kra abermal» Portefeuille» unter dem Präsidium de« Fürsten Carlo- Auersperg anbirtet. E« ist auch die höchste Zeit, daß Zuständen ein Ende gemacht wird, wie diejenigen, die in Galizien herrschen und die um so gefährlicher sind, als sie — wie die Verhandlungen im Abgeordnetenhanse zur Evidenz herau-gestellt haben — von den polnischen Patrioten beschützt werden, obschon sie Ungeheuerlichkeiten in sich schließen, vor denen selbst die srvmme Schwester Patrorinia in Madrid zurück, beben würde. Was für eine entsetzliche Ausnahme gilt, der Mortara-Fall mit ver Lemberger Jüdin, ist also in diesem gesegneten Lande eine Regel, die seit Jahren dort zur gemüthlichsten Anwendung kommt! Die Klöster gehen systematisch auf die Seelenfängerei aus — und wenn die israelitischen Eltern die geraubten Kinder zurückverimigen, stehen Behörden und Gerichte vor der Nonnen-Allmacht wehrlos da! Staat-minister Schmerling ordnet wohl die Freilastung an, aber der Referent für geistliche Angelegenheiten, Bischof Kutschker, paralysirl diese Ordre, weil die Nonnen das erst dreizehnjährige Mädchen in Gewahrsam behalten wollen, bis es 14 Jahre ist, wo e» dann ohne Einwilligung der Eltern getauft werden kann. Der Abgeordnete Kuranda muß die Sache, die er bei Schmerling betrieb, fallen lassen, weil er sich von dessen vollständiger Machtlosigkeit überzeugt! Statt- Halter GoluchowSki scheint sich da unten schon als Bicekönig zu gerire», weil er mit der Ansiedlung seiner Freunde, der Jesuiten, in Tarnopol so viel zn thun hat, daß der Justizminister v. Hhe nach vier Anfragen über den Vorfall in Biala*) noch heute, drei Wochen nach dem Ereignisse, keine Anwort von seinem Untergebenen hat! Die größte Dosis Reaktion aber entwickeln bei alledem die polnischen Abgeordneten, die mit der Klerisei und ihren feudalen Magnaten eine» ״nationalen" Brei zusammenbrauen und deshalb den edlen Grafen GoluchowSki in Schutz nehmen. Und daS sind dieselben Heuchler, die verlangen, daß das gesammte liberale Europa außer sich geräth, wenn der Czar einen polnische» Katholiken zum Uebertritt in die griechische Kirche zwingt. Es ist Zeit, diesen Tartuffe« die freisinnige Maske abzureißen, deshalb möge die Welt Acht geben, wie sie sich hier bei uns selber an den Pranger stellen! B. Z. Petersburg, 19. Oktober. Den Regierungen ist durch den Minister de« Innern da« Reglement zugegangen, welche« die russische StaatSregierüng hinsichtlich der Erlheilung von Paffen an Ausländer, welche über die europäische Grenze nach Rußland *) Auch hier war rin jüdisches Mädchen seinen Elter», die e« wegen eine- Diebstahl» bestraseii wollten, entflohen und hatte in einen! Al oster Aus. nähme gesunden. Trotz der Bitten und Forderungen de» Vaters gaben es die Nonnen nicht wieder heran»; e« soll partout getauft werden. Im österrcichi. scheu Abgeordnetenhause kam vorgestern die Sache zur Sprache; der Justizminister telegraphirte sosort dem Statthalter Ärasen Goluchowiki; dieser war aber nicht auszustndcn. D. Sied. «3*

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