Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 43 (25.10.1867)
- Date
- 1867-10-25
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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338 Dir Gkgntttart. der Erlösung und Erfüllung jugendlicher Ideale. In Prag ward Rapoport Rabbiner, wo nicht Amtsgeschäfte mit lohnender Erhebung den schaffenden Wissenstrieb verdrängten, nicht eine energische Opposition die Kräfte herausforderte — vr. Michael Sachs hatte ihm selbst den Weg gebahnt und blieb ihm bizur Berufung hierher (1845) ein warmer Anhänger und Fürsprecher, eines solchen bedurfte es für den zuerst unbesoldeten, au« hervor« ragender Familie stammenden, in den feineren Formen de- Bet׳ telnS ungeübten, für sich anspruchslosen, aber überaus zärtlichen Familienvater. Allein Rapoport. liebenswürdig und zuvorkommend gegen Jedermann, bis zur Schwäche, wußte sich nicht eine Schaar unwissender Müßiggänger (״Baale Battim") vom Leibe zu halten, welche seinen Tisch von Früh bis Abend unllagerten, und einen Rabbiner mit ״Sprechstunden" weit mehr in. Verruf gebracht hätten, als einen — Reformer! Wie oft sehnte sich Rapoport nach seiner Lemberger Eomtoirsmbe zurück, über welche die Zeit- Parasiten nicht zu gebieten hatten. Wie oft beneidete er junge Männer, welche ihm die Erstlinge ihrer Muße zusendeten! Aber auch literarischen Eindringlingen gegenüber leistete er nicht den Widerstand der Selbsterhaltung; seine Werke blieben in der Wiege der Notizen und Randbemerkungen, während er die Unwisienheit von Dilettanten in Vorreden u. dergl. zu verbessern sich bemühte. Nicht ohne Einfluß waren freilich auch die religiösen Zustände. In Galizien standen ihm die Feinde aller und jeder Kultur ent» gegen, und er hoffte, durch seinen Eifer für Bildung und Gesittung auch die Religion wieder zu beleben. Die kühnen Bewe« gnngeii der praktischen Reform, zum Tbeil von Männern auSge« hend, die er nichts weniger als ebenbürtig fand, drohten einen' vollen Untergang dem Stoffe, auf welchen seine Intelligenz ihre ganze Thätigkeit gerichtet. DaS Leben nach den Observanzen kannte er — wie Biele seines Gleichen — nur von der gemüthlichen Seite; die ernsten Eonflicte unserer Zeit erschiene» unbedeutend im Lcrhällniß zu den Opfern, welche der gläubige Jude früher gebracht. Rapoport war in der Geschichte ein feiner Kritiker, das Leben kannte er nicht, und sein philosophisch sublimirter Glaube sah in der Fessel des Gesetzeein heilsames Erziehung-- mittel. Doch mögen die später» Eonflicte Rapoport«. welche auch auf seine Isolirung einwirkten, heute nicht berührt werden, wo der GrabeShngel kaum über den Verblichenen aufgeworfen ist, und sicherlich unter seinen Gegnern das Wort der Anerkennung nicht fehlen wird. ״Das Prager Rabbinat hat 27 Jahre gcbrau cht, um ein seltenes Genie zu verzehren," diese Inschrift wird die jüdische Litcratrirgeschichte dem Denksteine RapcportS eingraben. Die ihn kannten, und von ihm lernten, werden mit Liebe und Dank da- Andenken an ihn bewahren. * Berlin, 23. Oktober. Rücksichtlich der Petitionen der israelitischen Gemeinden Mecklenburgist in der Petition«- kommission beschlossen, beim Reichstage zu beantragen: Tie Petitionen dem BuiideSkanzler zu überreichen mit der Aufforderung, in nächster Session des Reichstage« einen Gesetzentwurf cinzubringen, durch welchen alle noch bestehenden Beschränkungen der bür« gerlichen und staatsbürgerlichen Rechte der Juden im ganzen Gebiete denorddeutschen Bundes aufgehoben werden. In derselben Sitzung ist in Betreff der zahlreichen Petitionen aus Mecklenbürg, welche eine constitutionelle Verfassung fordern, der Beschluß gefaßt, beim Reichstage zu beantragen: Die Petitionen dem Bundeskanzler mit der Aufforderung zu überweiset», die geeigneten Schritte zu einer Reform der mecklenburgischen LandeSverfaffuag im Sinne der Petenten baldmöglichst einleiten zu wollen.׳ — Heute wurde im Reichstage da« Freizügigkeit«.Gesetz angenommen. 1?« enthält auch die Bestimmung, daß ״keinem Bunde«- angehörigen um de« Glaubensbekenntnisse« willen der Aufenthalt, die Niederlaffung, der Geschästsbetrieb oder der Erwerb von Grundeigenthum verweigert werden darf. — Hinsichtlich einer Notiz der ״Bossischen" und anderer hiesigen Zeitungen betreffs einer in . der Charlottenstraße zu erbauenden Synagoge wird uns au« sicherer Quelle die Mittheilung gemacht, daß allerdings eine Anzahl von Männern zusammen getreten ist, die sich mit dem Plane beschäftigen, in der Friedrichsstadt ein jüdische« Gotteshaus zu errichten, damit zunächst an den hohen Festtagen einigermaßen dem Unwesen der PrivatgotteSdienste in Tanzsälen und Theatern gesteuert werde, u»d ferner, um für die jüdischen Bewohner jener Stadtgegend, insbesondere für solche, deren hohe« Alter oder Körperschwäche den Weg zu den bestehenden Synagogen erschweren, die Annehmlichkeit eine« Gotteshauses in der Nähe zu schaffen; doch sei die N Ausführung dieses Plane« noch keineSweg« als gesichert zu betrachten." Ain allerwenigsten wünschen die Urheber desselben ihre gute und wohlgemeinte Absicht dahin auSgelegt zu sehen, als ob sie mit diesem Unternehmen eine finanzielle Spekulation zu verbinden gedächten. Bis zu diesem Augenblicke ist nicht« weiter ge« schchen, als daß aus der Mitte des GründungScomitäS zwei Herren da« Grundstück Kochstraße 23 und Charlottenstraße 11 auf ihre Namen angekauft haben und sollen die ferneren Schritte dahin gerichtet sein, die Synagoge, falls sich ihre Begründung realisirt, nur so lauge zu verwalten, bis die darauf haftenden Schulden abgelöst sind, alsdann soll sie der hiesigen jüdischen Gemeinde als ewiges Eigenthum überwiesen werden. — (Nach dieser Lage der Sache verdient da« Unternehmen Sympathie und eine wohlwollende Aufmerksamkeit von Seiten unserer Gemeinde.) — An der Beitel Heine Ephraim'schen Lehranstatt werden im kommenden am 4. November beginnenden Winter- Semester gratis lesen: Herr vr. Le brecht: 1) Den talmudischen Tractat Abot. Dienstag 3—5. 2) Midrasch Rabba zur Genesis (Fortsetzung.) Donnerstag 3—5. Herr vr. Haarbrücker: 1) Arabische Grammatik verbunden mit der Erklärung von Arnold'« Virrestowatüis nrabic». Dienstag 5—7 und Mittwoch 5—6. 2) Syrische Grammatik. Mittwoch 6—7. Herr vr. Steinschneider: I) Stücke au« den religionSphilosophischen Schriften in hebräischer Sprache. Montag 6—7. 2) Allgemeine Einleitung in die jüdische Literatur de« Mittelalters. Montag und Donnerstag 7—8. Diejenigen, welche sämmtliche oder einzelne Vorlesungen bören wollen, haben sich beim Hauptlehrer der Anstast, Herrn vr. Lebrecht, RoSmarinstr. 4, Vormittags 8—10 (mit An«׳ nähme des Sonnabends) zu melden. ( *^Wien, 17. Oktober. Unsere ConcordatSkrisiS scheint eine erfreuliche Wendung zu nehmen. Wen» auch die Antwort, welche der Reichskanzler den übermüthigen Prälatkn ertheiltn wird, noch au-steht: so ist doch dakaiserliche Handschreiben an den Cardinal Rauscher ein unzweideutiger Fingerzeig, wie dieselbe auSfallen wird. Dasselbe fordert die Bischöfe auf, der Pflichten eingedenk zu sein, welche der Kaiser als constitutioneller Regent habe, und trifft damit den Kernpunkt de» Streites, da ja die Eminenzen eben rundweg leugnen, daß der Monarch in dieser Eigenschaft Pflichten haben könne, die mit den, unter dem abso-