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Die Gegenwart · 1867-10-18 · 42 (18.10.1867) · p. Seite 334

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
42 (18.10.1867)
Date
1867-10-18
Page
Seite 334 (sequence 6)
Language
German
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334 Die •cgtniMxt haben, so hätte er gefunden, daß dem Verfasser mit Recht die smgfältige Beachtung der Epeisegesetze und eine Synagoge mit attjüdischrm Ritu» als Ausdruck eines ungescheuten konfessionellen Eharakter« nicht genüge, sondern daß ferner dazu gehöre, daß die Geistlichen der Berliner jüdischen Gemeinde da« -rankenhau« oft besuchen, um den -ranken Trost zuzu sprechen und ihnen ihre letz, ten Lebenslage zu erleichtern, wie e« in allen -rankenhäusern ge. schieht, auch wenn sie vollständig confrsfionSloS find, wie es Herr Kastan wünscht. Ich will hier nur daran kurz erinnern, mit wel. chem Edelmuthe während der vorjährigen Eholera-Epidemie die christlichen Prediger tagtäglich die Eholera-Lazareth« ohne Furcht vor Ansteckung besucht und sich an das Schmerzenslager der ein-;einen -ranken gesetzt haben, um fie zu trösten und Hoffnung auf Genesung ihnen einzuflößen. Wahrlich! oftmals war e« mir sel« ber ein Trost, den kräftigen Worten dieser Ehrenmänner zu lauscheu, welche so manchem Herzen hier Balsam spendeten, wo bier -unst vollständig ohnmächtig war, dam Kranken die rettende Hand zu reichen! Und doch waren die Lazarethe vollständig confesfions« lo«! — Ferner verlangte Herr Geh. Rath Berend, daß in der dortigen Synagoge Predigten gehalten würden, um auch den Kranken nach dieser Richtung hin geistigen Balsam zu spenden; daß man tröstende Bibelsprüche in hebräischer und deutscher Sprache in den Krankensälen anbringe, vor Allem aber, daß die einzelnen jüdischen Gemeindemitglieder ihre Theilnähme, ihr Wohlwollen einem Institute zuwenden möchten, welches lediglich und allein durch jüdische Mittel gegründet worden ist. Wenn diese Postulate erfüllt werden, was leider bisher nicht geschehen, denn erst hat das jüdische Krankenhaus einen ungescheuten confessionellen Ausdruck seiner Bestimmnng, in Folge deffen eS auch gedeihen kann und wird. Daß nun Herr -astan diese so wichtigen Postulate vollständig übersehen, und einzig nnd allein als ״Ausdrucksmittel" in dem ganzen Aufsatze nur eine ״Auffchrist" an dem Hause, welche Herr Geh. Rath Berend allerdings ebenfalls verlangt, gefunden hat, erklärt hinlänglich da» ״Richtverstehen" und zugleich giebt es Zrugniß von der Oberflächlichkeit, mit welcher Herr Kastan den Aufsatz ״bei aller Mühe" gelesen. Wa« soll ich nun auf die jetzt folgende Auseinandersetzung des Herrn Kastan betreffs der Wirksamkeit der ״tröstenden Bibelsprüche", die Herr Geh. Rath Berend in den Kranlensälen angebracht wiffen will, erwidern? Es sind hier Ansichten entwickelt, die selbst da« Herz des freidenkendsten Menschen, wenn anders ihm Gefühl für einen leidenden Kranken innewohnt, der. wenn er vergeblich Linderung und Heilung durch menschliche Hülfe sucht, sich im Gebet zu seinem Gotte wendet und sich dadurch neu gestärkt, neu ermuthigt findet, empören müssen! Giebt e« wohl, ftage ich, irgend einen Arzt, der sich in seiner Praxi» »och nicht davon überzeugt hätte, welche wunderbare Kraft und Wirkung auf das gebeugte Gemüth eines Kranken dem religiösen Glauben anhaftet? Wie oft hat er Gelegenheit, zu beobachten, mit welcher Stand- Hastigkeit sich der Kranke den lebensgefährlichsten Operationen unterwirft im Vertrauen und fester Zuversicht ans den Beistand seine« Gotte«! Möge sich Herr Kastan doch einmal ins jüdische Krankenhaus begeben und besonders die .chirurgischen Kranken beobachten, so würde er vielleicht eine andere Meinung von der Wirksamkeit der tröstenden Bibelsprüche bekommen; er könnte sehen, wie sich die Kranken zum größten Theil durch Gebete gewiffermaßen zur bevorstehenden Operation vorbereiten, wie sie ihre Gebetbücher mit sich auf den Operationstisch nehmen, wie sie fortwährend ihr שסע ישראל״" und andere Gebete hersagen, bis da» Ehloroform ihren Mund verstummen und ihre Schmerzen aufhören macht, wie fie dann nach vollendeter Operation an erster Stelle inbrünstig chrem Schöpfer für seinen Beistand danken — kurz, daß die Religion für die armen^Unglücklichen kein leerer Schall ist! Hier würde er hundertfach auf seine spitze Frage: ״wa« in aller Welt sollen diese tröstenden Bibelsprüche?" eine genügende Antwort erhalten und zugleich erkennen, daß sich dieselben nicht durch ^subcutane Morphiuminjectionen" ersetzen lasten. Doch nicht allein für überflüssig hält Herr -astan diese tröstenden Bibelsprüche, nein auch sein ästhetffche« Gefühl wird durch sie verletzt. Man höre, in welcher Weise. Der Berfaffer jene- AuffatzeS/verlangte einfach, daß man tröstende Bibelsprüche in hebräischer und deutscher Sprache in den Arankensälen anbringe. ״Bei der großen Mühe," welche sich Herr Kastan beim Durchlesen jenes Aufsatzes gegeben hat, liest er aus diesen, jedem Kinde verständlichen Worten heraus, man solle die Wände mit eine^ Reibe von großen Buchstaben zu diesem Zwecke bemalen. Ist die» nicht mehr als bloße Wortklauberei? Hat Herr -astan noch niemals gesehen, daß nian Bibelsprüche in einen Rahmen eingefaßt an die Wanv hängen kann, wie es mit den sogenannten Heiligenbildern in der Eharitä geschehen? Wird dadurch etwa da» ästhetische Gefühl verletzt? Auch ich kenne ganz genau die Einrichtungen der Eharitä; hier hat man in allen -rankensälen zum Tröste und Erbauung der -ranken sogenannte Heiligenbilder aufgehängt, jedoch auch tröstende Bibelsprüche finden sich hier, wie Herr Kastan auf der Kinderklinik sich hätte überzeugen können; und fie haben noch bei -einem Anstoß erregt, wenigstens so viel mir bekannt ist, der ich doch mehrere Jahre die Eharitä besucht habe. Da wir nun im Iudenthum derarttge Heiligenbilder nicht besitzen, könnten letztere sehr gut nach dem gemachten Vorschläge durch aufgehängte — aber nicht an die Wand gemalte — Bibelsprüche ersetzt werden, ohne die Aesthetik zu verletzen. Gerade da« ftomme jüdische Gemüth hält viel auf solche Sprüche, die es bei jeder Gelegenheit anzubringen pflegt, die bekanntlich der fromme Jude sich und den Seinigen in Unglücksfällen vorhält, und in ihnen Trost und neue Hoffnung findet; um so mehr der -ranke, deffen Herz für solche Regungen durch die vielen Leiden noch empfänglicher geworden, wovon sich Herr Kastan hätte überzeugen sollen, bevor er seine Behauptungen prvktamirt. Gottlob ist noch nicht Jeder so aufgeklärt, wie Herr Kastan, um sein gebeugte» Herz an solchen Kernsprüchen aufzurichten! — ״Aber einem Thphuskranken. Jemandem, der an einer schweren Gehirnkrankheit darniederliegt, fehlt 'ja da« Bewußtsein, was sollen dem die Bibelsprüche?" Freilich, da hat Herr Kastan Recht!! Wenn er sich jedoch im jüdischen Krankenhause, oder überhaupt in einem andern Kranken- Hause Berlins genauer umgesehen hätte, so dürfte er diese zum Mindesten überflüssige Frage nicht aufgeworfen haben; denn wie 'verschwindend klein ist, namentlich im jüdische» Krankenhause, die Zahl der TyvhuS- und Gehirnkranken im Berhältniß zu denjenigen, welche bei vollem Bewußtsein sinv? Und dieser geringen Anzahl wegen sollten tröstenden Bibelsprüche wegbleiben? Ja noch eine andere gute Seite liegt jenen aufgehängten Bibelsprüchen zu Grunde, daß nämlich auch die Gesunden, welche ihre leidenden Anverwandten oder Freunde besuchen, aus ihnen Trost und eine gewiffe Beruhigung schöpfen, daß durch sie ihr Herz berührt und gleichsam angeregt wird, da» heilige und erhabene Geschäft der Krankenpflege nach Kräften zu unterstützen. Da» wird Herr Kastan natürlich höchsten» belächeln und mich für einen Frömmler halten. Da» muß ich mir freilich schon gefallen laffen. — י . Doch genug hiervon; man sieht auf den ersten Blick jener

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