Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1867-10-18 · 42 (18.10.1867) · p. Seite 335

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
42 (18.10.1867)
Date
1867-10-18
Page
Seite 335 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4889892-5434108-5434194--393-4890237
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Safinct Wochenschrift für Jüdische Angetegacheitru. 33V seitenlangen Litanei über den ״nicht verstandenen" ungeschntten coufesfionellen Eharakter an, daß es zum Theil auf bloß» Wort« klauberei abgesehen, zum; Theil aber auch, daß Herr Kaftan e« nicht verstanden hat. da« Hauptsächliche von dem Nebensächlichen zu trennen. \ Der Verfasser de« besagten Artikel« halte endlich noch ge« fordert, daß man ablassen solle von der Lauheit, mit der man bi«- her eine der wichtigsten aller menschlichen Pflichten; nämlich dem kraiiten Fremdling beizuftehen, erfüllt habe; ^azu aber seien die 12 Fremden-Betten im jüdischen Krankenhause nicht ausreichend. Wae hat Herr Kaftan darauf zu erwidern? ״Welche Commune der Welt, ruft er mit Emphase au«, baut wohl ei» Krankenhaus in Rücksicht auf etwaige arme Kranke au« andern Städten?" Hat Herr Kaftan noch niemals davon gehört, daß man in vielen Ländern, wie in England, Frankreich, besonder« aber in Amerika Institute und Kassen errichtet, um dem armen Fremdling, der dort dem Elend und Untergang so oft preisgegeben ist, Asvl und Unterstützung zu gewähren? Ist ihm niemals von solchen echt menschlichen Institutionen, die zumal von Deutschen in London, Paris und New-Iork rc. inS Leben gerufen, lediglich für arme Fremde, etwas zu Ohren gekommen? Und Berlin, al« Eentrum der Intelligenz und Civilisation sollte allein zurückstehen, sollte wenigsten« nicht die Zahl der Betten für Fremde im jüdischen Krankenhause, die natürlich Her-r Kaftan für vollständig a»«reichend hält, wenn nid?t verdoppelt, so doch wenigsten« vergrößert werden? Freilich gehören dazu große Geldmittel, die leider nicht vorhanden sind. Baut man aber doch mit großem Kostenaufwände einen prächtigen Tempel zu Ehren Gottes, um ihm zu dienen; giebt e« nun wohl einen schöneren und erhabeneren Gottesdienst, al« einem unglücklichen, verlaffenen Kranken Pflege und Heilung zu verschaffen, damit er wieder für sich und die Seinen ardetten kann? Ja, die Theilnahme der GlaubenSbrüder, die Privatwohlthätigkeit, die alte bewährte jüdische Barmherzigkeit, die sich nicht scheut, nach alter patriarchalischer Sitte den arme» hungrigen Fremden am eigenen Tische zu sättigen, damit er den Speisegesetzen auch genügen könne — sie muß die Sache in die Hand nehmen und dafür sorgen, daß dem kranken fremde»! Glaubensgeooffen, wenn er sich Hunderte von Meilen hierher gebettelt hat, Aufnahme gewährt wird. Mit Recht ruft der Berfaffer jene« Aufsatzes au«: ״Und wer von un« könnte sagen, daß er und die Seinigen heut oder morgen einer solchen Stätte entbehren könnlen?" Die Schicksale de« Menschen spielen oft wunderbar und das Unglück schreitet schnell; wie würde uns zu Muthe sein, wenn — was der Himmel bewahren möge! — wir krank und verlassen im fremden Lande an die Thür de« Krankenhauses anklopfen würden, und man uns mit dem Bescheide abwicse, die Zahl der Belten sei nicht ausreichend? Ja e« steht notorisch fest, vaß selbst unter den dringlichste» Verhältnissen hierein» jüdischen Krankenhause arme uuglückliche fremde Kranken ab gewiesen werden mußten, ehe» weil die Statuten es verboten. Hiervon weiß natürlich Herr Kaftan Nichts, troydein darüber selbst die politischen Blätter berichtet haben! Denn er ruft ja au«: ״Wann hat sich wohl etwa« AchnlicheS ereignet?" Ebensowenig kennt er da« dringende Bedürfniß, die Zahl der Bette» für arme fremde Kranken zu vergrößern; denn ״sollte es wirklich einmal Vorkommen, sagt er unter Andern, daß der arme Jude Hunderte von Meilen sich hierher bettelt, um für sein Leiden Heilung hier z» suchen"; also wirklich einmal? nein üOinal und׳ mehr kommt es im Jahre vor. daß solche Unglücklichen, die in ihrer Heimath wegen Mangel an tüchtigen ärztlichen Kräften keine Abhülse ihre» Leiden« erhalten können, sich buchstäblich Hunderte von Meilen durchbettelu, um i« Berliner jüdischen Srankeuhause Aufnahme zu finden. Freilich an. Herrn Kaftan wenden sie sich nicht, wohl aber in nicht geringer Zahl an Jemanden — noiuin• sunt odioaa — der sich ungeachtet der vielen Unannehmlichkeiten, die ihm ,um Theil darau« erwachsen, alle Mühe giebt, ihnen die Reception zu bewerkstelligen. Daist die lautere Wahrheit — und doch wagt es Herr Kastan bei seiner Unkenntniß sowohl der inneren, wie, um mich so auSzudrückrn, auch der äußeren Verhält« niffe de« jüdischen Krankenhause«, eine solche Recension der Oeffent« lichkeit zu übergeben! Wenn nun Herr Kastan den alleinigen Grund der geringen Frequenz de« jüdischen Krankenhause« in dem alten tiefeingewurzelten Borurtveil gegen da« ״Hekdesch" von Seiten' der jüdischen Bevölkerung sucht, wa« heißt da« ander«, al« der letzteren ihre geringe Theilnahme vorznwerfen, wie e« Herr Geb. Rath Berend deutlich auSzesprochen? Möge man iu da« Hau« Auguststr. 14 pilgern, wie e« Berfaffer verlangt, und .sich dort nur ein wenig umsehen, welch' großer Unterschied zwischen dem alten Hekdesch und dem neuen jüdischen Krankenhause bestehe, dann würde diese«/ alte Borurtheil, wie so manche«, schwinden; also Theilnahme von Seiten der GlaubenSbrüder wird verlangt, wozu natürlich auch die jüdischen Aerzte Berlins gehören, denen Herr Kastan es zur ״dringendsten" Pflicht macht, diese« Borurtheil grnndlichst zu be« kämpfen. Selbst sehen und hören würde mehr fruchten; über- Haupt glaube ich dein Voruriheil gegen da« Hekdesch nur eiue ganz geringe Schuld beimeffen zu dürfen, welche« höchsten« noch in den Gemüthern der ganz alten Juden wurzelt, während ich fest überzeugt.bin, daß die größere Mehrheit der jüngeren jüdischen Generation kaum noch weiß, was der Name Hekdesch zu bedeuten hat. Wenn also Herr Kastan keine weiteren Gründe anzugeben vermag, so dokumentirt er hinlänglich seine geringe Vertrautheit mit den Berhältniffen de« jüdischen Krankenhause«, die der Ver« faffer de« besagten Aufsatzes in angrmeffener ungeschminkter Weise darzulege» sich bemüht hat. Deshalb halte ich es auch für überflüssig, an dieser Stelle noch einmal die Gründe auSeinanderzusctzen, welche bisher da» Aufblühen eine« Haufe« verhindert haben, da« mit Recht eine Zierde Berlins genannt werden, auf welche« die jüdische Gemeinde mit Stolz blicken kann. Wir gönnen Herrn Kaftan von Herzen gern seine religiösen Principie»; sie sind unschädlich; den» wer das Herz auf dem rechten Flecke hat, wer wahre» Sinn für Humanität iin Busen trägt, »ver die menschliche Natnr kennt und sie bi« in ihre feinsten Nliancirungen zu beobachten versteht, endlich, »ver. ohne einer orthodoxen Richtung zu huldigen, auch die religiöse Seite im inenschlichen Leben zu berücksichtigen »1nd zu würdigen weiß, der wird sich nicht durch Herrn KastanS Erkläriiiitzen irritiren lassen! Und damit ein für alle Male — »apionti sat! Bitte. Unsere geehrte» Leser werden dringend gebeten, authentische Nachrichten über diejenigen unserer Glaubensgenoffen, welche, während de« vorjährigen Kriege« zu den Fahnen berufen, wegen hervorragender Tapferkeit den Rang von Offizieren erhalten haben, un« gefälligst uingehend mitzutheilen. Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.