Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 42 (18.10.1867)
- Date
- 1867-10-18
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Dir Otgcmeart mitunter auch ziemlich ungerechte Beurtheilung gesunden. Was Biele M Hinneigung zur DesttuktionSpartei oder für Mangel an Moral erNärten, war bei dem Manne, dessen Hirn rastlos arbeilete, nur Folge eines nie ruhenden, aber immer unglücklichen Spekulationsgeistes. r Leopold Engländer war im Jahre 1814 im Schooße einer orthodox jüdischen Familie geboren. Ursprünglich war er BrauhauSgeschästsführer in dem Lirchtenthaler. dem Fürsten Liechtenstein gehörigen Brauhause. Um die Mitte der Bierziger-Jahre pachtete er das Mollojsche Hau» in der Währingergaffe sammt dem dahinter liegenden Garten, baute einen hübschen Salon, den er elegant tapezieren und mit Gas beleuchten ließ und gab daselbst Gartenfeste, wo allwöchentlich der Bater Johann Strauß sein Orchester dirigirte. Anfang« ging Alles gut, ohwohl Engländer ohne allen Fond das Wagniß begonnen hatte. Da kam das Jahr 1848 und machte allen gemüthlichen Gartenfesten ein rasches Ente. Engländer, schätzte sich glücklich, als ihm von außen her, namentlich vom Frankfurter Eentralklub unterstützte demokratische Verein den Antrag machte, seine Versammlungen in dessen Lokalitäten äbzuhalten. Was in diesen Räumen Alle« von Mitgliedern de« Verein» ausgesprochen wurde, entzieht sich selbstredent im Jahre 1867 jeder weitere» Besprechung und mußte auch minder heiße Köpfe als den Engländer» aufs Aeußerste er« Hitzen. Dazu kam, daß er unendlich viel gelesen und wenig verdaut hatte. Er hatte sich nach und nach eine Bibliothek angeschasst, wo Bücher aus allen Wissenschaften bunt durcheinanderstanden und ohne System abwechselnd gelesen wurden: Pentateuch und Talmud, später Humboldt» KoSmoö, Schlosser und Rotteck u. s. w. Mehrere seiner Brüder betheiligten sich an dem allgemeinen Taumel; einer derselben, der sehr talentvolle Sigmund Engländer, wurde später politischer Flüchtling und ging nach Sngland, von wo aus er vielgelesene Feuilletons für die kontinentale Presse, auch für Wiener Blätter, schrieb. Rach Riederwerfung de» Oktober-Aufstande« verschwand natürlick der Wiener demokratische Berein vom Schauplatz. Von einigen guten Freunden und Nachbarn denunzirl, wanderte Engländer in'« Stabsstockhau« und sollte sich rechtfertigen, wie er sich habe unterstehen können, einem Vereine mit so destruktiven Tendenzen, wie der demokratische offenbar war, ein Obdach zu gewähren. Seine Ausrede war pfiffig genug: Er habe den demokratischen Berein für einen legal bestehenden gehalten, indem derselbe mit dem hohen k. k. Ministenum de» Innern im amtlichen Verkehr gestanden habe. Er selbst habe in Abwesenheit deS Dereinsdieners öfters Zuschriften an den Berein von Seiten de« Frechen» v. PillerSdorf in Empfang genommen und dem ministeriellen Amtsdiener diese Empfangnahme im amtlichen Expeditionsbuche bestätigt. Diese Angabe konnte aber sein Schicksal kaum verbessern. Wie lange er gesessen, wissen wir nicht anzugeben. Von der zweiten Anklage, der Geheimhaltung von Waffen, wurde Engländer freigesprochen. E» wäre die« auch ein kolossaler Unsinn gewesen, denn voin Tage der Einnahme der Stadt wim« melten die Salon» Engländers von Militair-Einquartierung Die sttengste Untersuchung, bi» zur Aufreihung der Fußbodendielen reichend, ergab kein Resultat. Eine ungleich interessante Episode au» Englänver» Leben im Jahre 1848 bildete die von ihm im Verein mit einem gewissen Swoboda beabsichtigte Gründung einer ״allgemeinen SchuldenzahlungSanstalt." Die Basis dieser drollig zu nennenden Idee war folgende: E» sollten sich eine Anzahl von 30,000 Männern zusammenthun und sich verpflichten, durch ihr ganze» Leben alle SamStag einen Silbersechser in eine gemeinschaftliche Kaffe abzu« liefern. Pie» machte 3000 fl. per Woche oder bereit» über 150,000 fl. Konv.-Münze gleich im ersten Jahre, ohne Jnterkalar« zinsen. Nach einer Reihe von Jahren wäre ein unberechenbare» Kapital beisammen, unh ein doppelt so großer Kredit bei allen Waarenhändlern. da da» Kapital immer im Wachsen bliebe. Nicht« wäre erforderlich, als daß jede« Mitglied redsich jede« SamStag feinen Sechser zahle; dafür habe e» ein Anrecht auf verzinsliche Darlehen, auf Lieferung von Naturprodukten für sein Geschäft zum allerbilligsten Preis, da der Berein nur in größten Partien kaufe u. s. w. Man sieht, da» Ganze war nach der Theorie von der Vertheilung der Weizenkörner auf den 64 Schachbrettvierecken ausgesonnen. In der Praxi» gestalteten -sich die Dinge freilich ganz ander». Anfang« in den ersten drei Wochen kamen Biele und brachten ihre Sechserlei«; e» waren solche, welche in der vierten Woche mtt einem'Gesuche um ein große- Aalehen hervorzutreten beastchtigten. Die Regie, da» Kassa- und Kontrolpersonal war sehr kostspielig, und als nach und nach die Sechser ausblieben, ergab e» sich daß die Kosten der einzelnen Einkassirung da» Resultat um ein Namhaftes überstiegen. Da rottete sich am 13. September vor dem Ministerium des Innern am Judenplatz unter fürchterlicher Drohung eine Schaar solcher Sechsermänner als Natioualgardisten bewaffnet zusammen und begehrte den Minister Doblhoff zu sprechen. Al» dieser sich verleugnen ließ, wurde in,seine Dienstwohnung eingekrochen und der Minister nur durch die Bemühungen der Herren Gabriely, Gustav Schneider und Dunder gerettet (welche Herren seitdem eine Pension für diese That beziehen). Die Sache kam Tag» darauf im Reichstag zur Besprechung und dieser beschloß unter Verdammung diese» Akte« von Selbst- Hilfe, die Sache näher zu untersuchen. Die Untersuchung zog sich in die Länge; dazwischen kam der Belagerungszustand, und Alexander Bach' war längst Minister de« Innern, als die Angelegenheit wieder zur Sprache kam. Minister Bach ließ Engländer zu sich' berufen und sich von ihm die Grundzüge seine« Plane» auf's Weitläufigste auseinandersetzen, hörte auch ganz andächtig und aufmerssam zu, wie Engländer nachmals oft gerne erzählte; dann aber bemühte sich Se. Excellenz, dem Projektanten den Unterschied zwischen Theorie und Praxi« begreiflich zu machen. Er schloß mit der Bemerkung: solche mit Massen berechnete Experimente seien immer bedenklicher Natur. Die Sache wurde endlich in leidlicher Weise zwischen der Regierung und den Betheiligten beigelegt. Mittlerweile war die Lebenslust bei den geschreckten Wienern wieder neu erwacht. Die Soldaten hatten die Engländerscheu Lokalitäten endlich verlassen und dafür zog ein lustiges leichtledige» VölNein ein, welche« sich dort bei Tanz und Champagner recht gut geschehen ließ. Besonder« glänzten einige schmucke Husaren-Unteroffiziere, Söhne aus gräflichen und freiherrlichen Häufern; welche in den Jahren 1848 und 1849 Honved-Offiziere ge« wesen und später als gemeine Husaren in die betreffenden Regi« menter eingereiht worden waren. Sie lebten und ließen leben! Da« Geschäft ging also gut, aber trug dennoch nicht«. Theil« war die kostbare Regie daran Schuld, theil« der Ehrgeiz Engländer«, seiner zahlreichen Familie die sorgfältigste Erziehung angedeihen zu lassen. Die Töchter hatten eine französische Gouvernante, eine derselben sollte Gesangskünstlerin werden, und wurden ihr zu diesem Behufs die ersten Meister der Residenz gehalten. Immer mehr gestalteten sich die Engländer'schen Lokalitäten zu einem Wiener Orowor-xardso oder Jardin Mabille. Der