Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1867-10-11 · 41 (11.10.1867) · p. Seite 325

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
41 (11.10.1867)
Date
1867-10-11
Page
Seite 325 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4889892-5434108-5434192--382-4890227
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. 325 ge»!amen meist au» dem damals benachbarten Polen nach Berlin, wo sie au» Mitleiden gastfreundliche Aufnahme in jüdischen Familien fanden, später aber als Haus, oder KlauSrabbincr, als Lehrer und Erzieher der Jugend, bald von einzelnen HanSvätern, bald auch von mehreren zusammen angestellt wurden. Arme Kinder wurden von demselben Lehrerpersonal, deren kümmerliche Besvldung dem bereit» 1723 bestandenen Talmud-Tora- Institut oblag, unterrichtet. Die Einkünfte diese- Institut», da« der Gemeiodevorstand beaufsichtigte, rührten von freiwilligen Beiträgen her, von letztwilligen Vermächtnissen, vom Ertrage eine»׳ Büchse, die wöchentlich in der Gemeinde herumging und von den bei Beerdigungen üblichen Spenden, wovon der 7. Theil der gedachten Büchse zugewendet werden mußte"). Bei einem solchen kümmerlichen AuSkommen/hatten diese Lehrer, Tagelöhnern gleich, vom frühen Morgen bi» zum späten Abend, eine rohe, widerspenstige Jugend zu unterrichten, ihre Morgen- und Abendandachten in der Synagoge zu überwachen, und überhaupt für die religiöse Erziehung der ihrer Obhut Anvertrauten zu sorgen. Die Schule, Cheider genannt, war damals blo» eine Dienerin der Religion und der Synagoge. Bibel und Talmud und zu gewissen Zeiten auch einige die häuslichen wie die synagogalen Eeremonien behandelnden Abschnitte deS Schulchanaruch, dem sich die Uebung in jüdisch-deutschen Schriftzügen anschloß, das bildete im Allgemeinen den ganzen Lehrstoff für die Jugend. Im Plane der damaligen jüdischen Schule lag e», weniger die Ausbildung der Geisteskräfte der ihr anvertrauten Kinder zu fördern, als vielmehr sie religiös zu erziehen, und sie für daö praktische Judenthum vorzubereiten. Andere Tendenzen lagen fern; man drang nicht auf die Aneignung nützlichen WisienS, wohl aber auf die Weckung und Kräftigung deö jüdisch-religiösen Bewußt« sein«. Die Wissenschaften wurden sogar als' etwa» Ketzerische», der Religion Gefahrdrohende» betrachtet, weshalb sie Eltern unv Lehrer von der Jugend fern hielten. Dies waren im Allgemeinen die UnterrichtSzustände in Gumpertz früher Jugendzeit und auch seine Erziehung litt an den genannten Mängeln. Aber als ein sehr fähiger Kopf und von Natur mit eifriger Lernbegierde und mit einem lebendigen Sinn für Wissenschaft ausgerüstet, suchte Gumpertz durch eigenen Fleiß und durch Selbstunterricht seinen Geist zu bilden und sich eine Summe nützlicher Kenntnisse anzueignen. Er war auch so glücklich in seinem Streben nach geistiger Aufklärung durch zwei Umstände gefördert zu werden: Zuerst durch den Besitz einer reichhaltigen, die gediegensten Schriften jüdischer Weisen umfassenden Bibliothek, und dann durch die ihm gewordene Belehrung eines sehr gelehrten und frommen Rabbiner» auS Galizien. Dieser war, wie sein späterer Schüler MoseS Mendelssohn, bei aller Anhänglichkeit an den bestehenden RabbiniSmuS und bei allem Elfer, mit dem er den Anforderungen und Satzungen desielben nachkam, zu gelehrt und allzu einsichtsvoll, als daß er mit der großen Masse seiner damaligen Zeitgenossen alleprofane Wissen hätte verdammen und das Forschen nach Licht und Wahrheit hätte verachten können. Dieser als Philosoph wie als Rabbiner so merkwürdige “) Nach vorliegenden authentischen Rachrichtm bestanden in der Brr. liner Gemeind« 7 Spenden, sogenannte שבע צדקות. Ursprünglich Parti, cipirteo dabei: I. Talmud-Tora, 9. Lrrz Israel. S. Malbisch Lru. mim. 4. Gemiluth Thasadim. 6. Hachnassath Kalla. 6. Bikkur Eholini und endlich 7. Ner Tanlid. Alle diese Institute hatten zwar ihre eigenen Vorsteher und Verwaltung, standen aber unter steter Beausstchttgnng de« GemeipdrvorstandeS. Reben den genannten 7 Spenden kämm ׳später noch andere unter dies« Ramm zur Geltung. Mann, war Israel Mose» Levi an» SamoSz, der am letzten Orte einer hohen Talmudschole (Jefchiba) vorgestanden,") aber wegen seiner Liebe zu den Profonwisienschafton dem Neid und der Derfolgung sich auSgrsetzt sah") und deshalb seine Heimath verlaffen mußte. Bereit« 1737 entschloß er sich eines seiner Werke: Nezach Israel zu veröffentlichen, aber erst um Ostern 1741 begab er sich nach Frankfurt a. O., woselbst am 4. Sivan der Drink jene» Werke» begann und am 20. TamuS desselben Jahre» vollendet war. Wahrscheinlich begab sich SamoSz alsdann nach Berlin, wo er auf einen ersprießlichen Absatz seine» Buches rechnen durfte. Salomon KoSmann Emmerich, der zum dereinstigen Gebrauch seine» Sohne» eine ansehnliche Bibliothek nützlicher Schriften sammelte"), mochte wohl nach damaliger Sitte dem hartgeprüsten Autor gastfreundliche Aufnahme in seinem Hause gewährt und seinem Sohne, dem jungen' Gumpertz die Gelegenheit geboten haben, mit dem intereffanten Gelehrten näher bekannt zu werden. Der damals 18 jährige Gumpertz schloß sich bald dem hartgeprüften Manne näher an, und dieser lohnte da» Bertrauen de» strebsamen Jüngling» durch inancherlei Anregungen und Belehrungen, die dessen geistige Ausbildung sehr förderten. Hören wir den Bericht, den ein jener Periode ungehöriger Gelehrter, Friedrich Nicolai, in folgender Stelle geliefert:") ״Israel SamoSz war Schulmeister in Berlin, ein arnier Mann, aber ein sehr trefflicher Kopf und großer Mathematiker, der durch eigenes Nachdenken die wichtigsten Demonstrationen erfand, auch viel poetisches Genie für hebräische Poesie hatte. Er ward, wie alle Reformatoren, von den Juden sehr verfolgt, mußte daher mehrmals von Berlin nach Polen und von Polen nach Berlin wandern. In seinem Alter ward er melancholisch, weil ihm die Verfolgungen zu sehr zu Herzen gingen.Er hat da» Verdienst, des vr. Gumpertz Geisteskräfte entwickelt zu haben." So weit unser Gewährsmann. Aber unter Leiden und Entbehrnngen, im Wandern und Umherirren von Stadt zu Stadt, blieb Israel SamoSz der Wissenschaft treu ergeben, bis es ihm endlich gelang im Hause des wegen seiner unerschöpflichen Wohlthaten berühmten damaligen Ober-LandeSältesten aller jüdischen Gemeinden Preußens, Daniel Jtzig in Berlin, ein längeres Asyl zu finden. In diesem Hause, in der Burgstraße zu Berlin, an dessen Stelle der geniale Hitzig, ein Enkel Daniel JtzigS, die prachtvolle Börse erbaute, schrieb um 1766 SamoSz seinen Eommentar zum Cusari Jehuda Ha-Levis"), der unter dem Namen 'Ozar Nechmad zuerst 1796 und abermal» 1860 in PreSburg erschienen ist. Auch in dem ehemals so berühmten Parke Daniel JtzigS — Köpnickerstraße Nr. 168 — unter dessen altehrwürdigen schattigen Bäumen MoseS Mendelssohn oft die Stimmung fand, so manchen Psalm des köyiglichen Sänger» deutsch wiederzugeben, fand man jüngst unter hundert andern Kunstwerken eine Sonnenuhr ״auf einer kupfernen Platte mit detaillirten Eintheilungen »ach der inschriftlichen Erfindung deS ״Rab Israel MoseS" vom Jahre 1762 von Ring in Berlin gearbeitet und auf zierlichem Postament aufgestellt."") Wir wissen nicht was MoseS SamoSz zuletzt bewog, Berlin u) @. Titelblatt der Stezach Israel. ,4) Hieraus beziehen sich wohl die Kraftworte in der Vorrede zum ge. nannten Werke, Bl. Lol. Iss. “) Vorrede Gumpertz zu Megaleh S«d. Bl. u '*) M. Mendelssohn, Gesammelte Schristru Bd. b. S. 204 f. ״) S. die Vorrede z. d. Buche. *•> Vossisch« Hettuug 1866 961103. 1. Beilage S. 4.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.