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Die Gegenwart · 1867-10-11 · 41 (11.10.1867) · p. Seite 323

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
41 (11.10.1867)
Date
1867-10-11
Page
Seite 323 (sequence 3)
Language
German
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I Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. 323 Waisenanstalt ertheilen, ferner ihr Cinverständniß mit der an S«. Majestät den König zu bringenden Anzeige, sowie zu der Bitte erklären, daß dieselbe dem kvnigl. Protektorate unterstellt und der» selben der königliche Name beigrlegt, auch zu deren Errichtung die Veranstaltung einer Eollecte bei den bayerischen Israeliten Allerhöchst genehmigt werde. r Ferner wolle verehrliche Verwaltung sich damit einverstanden erllären, daß nach Vollendung der vorbereitenden Schritte eine Berathung von hierzu abgeordneteu Mitgliedern auswärtiger Gemeinden hier oder an einem andern bayerischen Orte stattfinde, um sowohl den Ort als die Organisation der zu gründenden Austalt zu bestimmen. Hierbei wird ausdrücklich hervorgehobeu, daß zur Zeit bei den diesseitigen Verwaltungsorganen keineswegS die Verlegung de- Sitzes der Anstalt nach München in Aussicht genommen, sondern die Bestimmung de» Sitze» derselben ausdrücklich der zu treffenden Vereinbarung Vorbehalten werden wird. Indem wir um baldgefällige Aeußerung über unsere Bor« : schlage ersuchen, erlauben wir. uns die Bitte um schleunige! Antwort durch die Nähe de» königlichen BermählungStageS zu bej gründen. Die Administration der CultuSgemeinde München. Advokat Rau. I. C. Cohn. f r Das Versöhnungsopser (כסרות)• Wenn der geneigte Leser die- Blatt liest, wird an ihm bereitS der BersöhnungStag mit allen ihn einleitenden und begleitenden Bräuchen und Uebungen vorbeigegangen sein. Keine praktische Tendenz daher, sondern nur eine rein theoretische wird verfolgt, wenn wir einen an Autorität besonders hervorragenden Brauch, der auf den Jom Kippur sich bezieht, nach seinem geschichtlichen Ursprung darstellen. Wir folgen dabei hauptsächlich dem früher einmal erwähnten gelehrte» Werke von M. Bruck. Der bei den europäischen Israeliten so sehr sanctionirte Gebrauch, daß vor dem Versöhnungstage — vorzüglich am Morgen des 9. Bußetages — ein Hahn für jede männliche und eine Henne für jede weibliche Person als Versöhnungsopfer zu schlachten sei, wird zwar nicht im Talmud, wohl aber in einer Schrift der Geonim angeordnet, jedoch nicht unter der jetzt üblichen Form, — wie wir später sehen werden — wovon Aschri (Tract. Juma VIII. sect 23) Folgendes unS mittheilt: ״In einigen Oertern wird am Morgen vor dem BersöhnungStage ein Hahn zur Versöhnung geschlachtet, welcher Gebrauch in den Schriften der Geonim zu finden ist. Ihr fragt nun nach der Ursache dieser Ceremonie; wenn etwa der Hahn unsere Stelle vertreten sollte, warum wählte man gerade dieses Thier? Dar« auf antwortet R. Ascher: ihr fragt zwar richtig, astein eS giebt folgende zwei Ursachen: 1) weil die Hühner die gewöhnlichsten HauSthiere sind (wodurch e- Jedermann möglich wird, ein solches Opfer zu schlachten); und wirklich schlachten manche Reiche einen Widder, weil auch Abraham einen Widder statt Isaak opferte; da» Hühneropfer ist demnach nicht absolut nothwendig. 2) behaupten manche Gelehrten, daß der Hahn darum vorzuziehen sei, wKl in der hebräischen Sprache da» Wort ג^וי sowohl einen Mann als auch einen Hahn bezeichnet; daher soll 00der der Hahn für Geber den Mann sterben." ״Diese Ceremonie (fährt der Aschri fort) wird auf folgender Art auSgeübt. Der Scheliach (d. i. der diese» Amt verrichtet; hier wird nicht angegeben, ob dieein Priester oder ein Gelehrter sein müffe. oder ob auch ein Laie e» sein könne, nur so viel erhellt, daß nicht der zu Versöhnende selhst, sondern ein Anderer dieses Priesteramt auSgeübt habe) nimmt den Hahn, auf dessen Kopf er seine Hand legt; dann wird die Hand auf den Kopf de- Opfernden gelegt, wobei er die Worte ausspricht: Dieser sei für jenen, dieser erlöse jenen. Dann wird auf den zu Versöhnenden abermals die Hand gelegt und dabei au» den Psalmen die Stellen K. 107 V. 10, 14, 17, >8, 19, 20, 21 dreimal wiederholt. Dann wird die Hand auf da» Opferlhier gelegt, wie eS ehedem beim Opfern Sitte war (3. B. M.) und man schlachtet es sogleich und schenkt es dann an einen Armen, um dadurch versöhnt zu werdend Daß wir aber die Eingeweide hiervon auf» Dach werfen, geschieht um auch die Vögel davon genießen zu laffen." Manche behaupten, letzteregeschieht daruni, weil die Hühner gewöhnlich ihre Nahrung auf den Straßen (mithin fremde» Eigenthum) aufsuchen. Ferner weil sie Würmer und Inselten (also Unreines) freffen." Diese Worte de» R. Ascher citirt deffen Sohn R. Jakob in seinem Werke Dur oraoh chaim (86c. 605), auch der Taschbaz, der Schlah u. A. nt.; uifb dadurch wurde dieser Gebrauch allgemein eingeführt. Suchen wir nun die ursprüngliche Entstehung diese- Gebrauche-, so finden wir sie in den Schriften der Geonim; jedoch ergiebt sich au» diesen, daß ursprünglich da» Opfer nicht auS dem Thier-, sondern aus dem Pflanzenreiche geuommen, und nur für Kinder dargebracht wnrde. Denn in Jarchi (Tract. Sabath Fol. 81) heißt eS: ״In dem Teschuboth der Geonim habe ich gefunden, daß man Körbe au- Palmzweigen flicht, die dann mit Erde und Dünger gefüllt wer« den, und 22 oder 15 Tage vor Neujahr wird für jeden Knaben und für jede- Mädchen ein solcher Korb bestimmt, in welchem entweder Bohnen oder Erbsen gesäet werden. Am Tage vor Neujahr nimmt jede- Kind den für ihn bestimmten Korb, drehet sich diesen sieben Mal um den Kopf, wobei er sagt: Dieser sei an meiner Stelle, dieser vertrete mich, und wirft ihn sodann in einen Fluß." Dieser Gebrauch scheint aber von nicht langer Dauer gewesen zu sein, da das Hühneropfer auch schon in den Schriften der Geonim vorkommt, und man setzte belebte Thiere an die Stelle der Begetabilien. Später erlaubte man auch Gänse, Enten (aber keine Tauben), Fische und sogar gelöcherte Gartentöpfe. Dann ordnete der Taschbaz an, daß eine schwangere Frau drei solche Opfer haben müsse, nämlich zwei HühNdr und einen Hahn, um auch die Leibesfrucht zu versöhnen. Die Kabalisten wollen, daß man einen weißen Hahn schlachte. Auch fanden diese für billig, daß man bei Ausübung dieser Ceremonie die Worte: Ohalipatdi t’murathi kaparathi (חליפתי תמורתי כפרתי) sage, weil deren Anfangsbuchstaben חתר sind, welche» der ׳Name des Engels ist, der die Lebensdauer der Menschen bestimmt (da חתף zerschneiden heißt, mithin zu vergleichen ist mit der Parze Atropos, von der der LebenSfaden abgeschnitten wird. So sehr aber auch diese» Opfer mit der Zeit sanclionirt wurde, so stritten doch drei ausgezeichnete Talmudisten: R. Mose» ben Rachman (רמ״בן), R. Salomo bei, Adereth (רש״בא) und R. Joseph Karo (ב״י) dagegen. Der erste sagt: E» sei dieser Gebrauch als heidnisch eine Sünde. Der Raschba sagt Folgendes: In Betreff der Kaparoth, die man für die Ju-- gend — eS war also be( den Erwachsenen damals noch nicht gebräuchlich — bringt, so ist dieser Gebrauch in unserer Stadt

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