Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 40 (4.10.1867)
- Date
- 1867-10-04
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sofiaer Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten. 317 nanz«Matadoren der gedachten Städte angrwendeten Mühe zu Draht und Feder, e» vorzog, in Bukarest in eine« Gasthaus« ahzusteigeu, wa» jedefall» höchst weise gehandelt war. Sir M. Montefiore sollte jedoch anch, seinem vorher angekündigten Entschlüsse zufolge, nach Jassy kommen, um sich speciell von der Lage der Juden in der Moldau, wo dieselben die meisten, fast alle Verfolgungen zu erdulden hatten, zu überzeugen, und t« mußte daher umsomehr überraschen, ihn diesen Entschluß nachträglich aufgeben und direct nach England zurückkehren zu sehen. Es hieß anfangs, daß sich derselbe dadurch von der Reise nach der Moldau habe abhalten lasten, weil man ihot von der Rohheit »nd dem Judenhaffe de» Jaffyer Pöbels derartige Vorstellungen gemacht, daß er für seine Person selbst besorgt zu werden angefangen habe; doch det w'ähre Grund lag nicht darin. kurz vor der Abreise Montefiore'S nach den Fürstenthümern ertheilte Lord Stanley, wie ich aus bester Quelle weiß, an sämmtliche daselbst residirende Eonsulu, namentlich aber jenem von Jaffy, dek Auftrag, die ausführlichsten Berichte über die Lage der Juden in den Fürstenthümern einzusenden. Nu» ist es aber eine Sache der Unmöglichkeit, über die Lage der 300,000 in der Moldau zerstreut wohnenden Juden zu schreiben, .ohne auch über jene der moldauischen Christen, über die Bevölkerung im Allgemeinen zu sprechen, selbst wenn man von der Solidarität der Jnteresten absehen wollte, welche die Bekenner der einen an Jene der anderen Confession knüpft; ist man nun einmal daran, die hiesigen Zustände zu schildern, so muß selbst der schönfärberischeste aller officiellen Berichte Grau in Grau schillern. Bringt man noch dazu britische Wahrheitsliebe in Anschlag, so wird man sich leicht eine Idee von der Beschaffenheit der Berichte machen können, welche die englischen Cvnsuln in der Moldau ihrer Regierung eingesendet haben werden. Bei aller Theilnahme aber, die die englische Regierung den Leiden der Juden in den Fürstenthümern zuwenden mochte, hatte sie es doch nicht über sich bringen können, in Anbetracht der gegenwärtigen politischen Constellation und ihrer eigenen Stellung zu diesem Lande ihre politischen Interessen den Gefühlen der Menschlichkeit zu opfern. Und hätten es übrigens die anderen garantirenden Mächte gcthan? Oder hatte eö sich überhaupt andcrS machen lasten, ohne diesen Gegenstand gleich zu einer ״Frage" in xnrtidus in der orientalischen Angelegenheit zuzuspitzen? — Auf eine gründliche Verbesserung der Lage der Juden in den Fürstenthümern dringen, wäre mit einer gründlichen Untersuchung der inneren Lage des Landes gleichbedeutend gewesen, wobei man wieder nicht hätte umhin können, auch den Klagen der Moldauer über die einseitige Ausnutzung der Union seitens der Walachen ein Ohr zu leihe», und das Endresultat von allem hätte dann voraussichtlich eine bewaffnete Intervention sein müssen, weil die Rumänen nur dann Raison annehmen, wenn man ihnen dieselbe an der Spitze eines ZannpfahlS reicht. Obgleich nun der diesbezügliche Passus in den Verträgen von London weder von Christen noch von Juden, sondern nur von den Bewohnern der Meldau-Walachei spricht, so wenig Ursache die Rumänen anch haben, auf ihre historischen Rechte zu Pechen, so konnte 1»«»׳ aus all den vorhin angeführten Gründen bei der Regierung de» Fürsten Karl doch nur durch diplomatische Noten wirken, die sich indeß nie bis zum hohen 6 verstiegen, denn an dem mit so vielem Scharfsinne aufgeführten Kartenhause durfte man schon des Beispiels halber nicht allzn kräftig rütteln und die Moldo-Walachcn, diese» Umstandes bewußt, fuhren daher fort, die ihnen so vnschwenderisch eingeräuniten Freiheiten wacker zu mißbrauchen. ׳ In diesem Sinne nun mögen die Anempfehlungen und Un« terweisungen gelautet haben, die Sir M. Montefiore mit auf den Weg nach Bukarest bekam und al» guter englischer Staatsbürger^ sowohl, wie auch im Jntereffe der Jnden in den Fürstenchümern selber mußte sich der edle Greis blo» auf einen Besuch in Bukarest beschränken und die Reise nach der Moldau gänzlich unter« lasten. Man kann jedoch auch annehmen, daß ihn Fürst Karl und die ihm Zunächststehenden ebenso dringlich von einer Reise nach Jaffy abgerathen haben werden, damit nicht dadurch Eonsular- und andere Berichte über die elende Lage in der Moldau entwor« fene Bild nicht noch durch persönliche Anschauung an düsterem Ansehen gewinne. Daß da» ganze Wirken de» Sir M. Montefiore, sowie auch allfällige hiervon erreichte Resultate nicht zu sehr in die Oeffentlichkeit zu dringen vermochten, läßt sich nach all dem Gesagten leicht erklären. ES verlautet indeß, daß die Regierung bei den nächstens ein« zuberufenden gesetzgebenden Kammern einen Antrag auf die Gleichberechtigung von 2000 Juden einzubringen beabsichtige. Ich gebe diese Nachricht eben nur als Gerücht wieder, denn es klingt fast wie eine Ironie, von den 500,000 Juden, welche die Fürsten« thümer bewohnen und die chr Heimatsrecht freilich nicht dm Hel« denlhaten der modernen oder der antiken Rumänen, wohl aber mit der Einführung de» Handels und der Industrie daselbst erkauft, blo» 2000 Individuen albefähigt zu erklären, Bürgerrechte und Bürgertugenden auSübcn zu können. r ( Drr ״Aprrl" «ls Brthaus. Wien, 25. September. Ich glaube Ihnen nichtmitthei« len zu können, was die hiesigen religiösen Verhältnisse bester illustrirt, als nachfolgendes Schreiben hiesiger Gemeindemitglicder an die hiesigen Zeitungen. ״Herr Redakteur! Sollte man eS für möglich halten, daß in denselben Räumen, woselbst durch daganze Jahr, ״ob schön, ob Regen", Balletkränzchen und ähnliche höchst erbauliche Amüsements arrangirt werden — daß in einem solchen Lokale auch ein Gottesdienst abgehalten werden könne? Und doch war dem so in den letzten Jahren, und auch heute soll dasselbe monströse Faktum sich abermals wiederholen. Der Sachverhalt ist folgender: - Alljährlich, wenn die Zeit der großen jüdischen Festtage (Neu« jahr und Versöhnung-fest) herannaht, erweisen sich die beiden Tem« pel sowohl wie die übrigen Betlokalitäte» der israelitischen Cul» tnSgemeinde als ungenügend für da» in diesen Tagen gesteigerte religiöse Bedürfniß der Juden, den feierlichen Gottesdienst abzuhalten, und e» findet sich daher immer eine Anzahl von Privat« Unternehmern, welche ein passendes Lokal miethen, die nöthigen ri« tuellen Anordnungen zur Abhaltung der Festesfeier treffen und Sitzplätze in diesen improvisirten Beihäusern an Glaubensgenossen gegen angemessene Vergütung vergeben. Seit einigen Jahren hat nun auch ein Pnvat-Cpeculant den ״Sperl" als Schauplatz seiner eigenthümlich frommen Thätig« keit auSersehen, und man konnte bisher immer da» seltsame Schau« spiel genießen, wie in demselben Saale, wo vielleicht in der von« gen Nacht ein'kühner Cancan getanzt, ein frivole« Gelage gehal« ten ward, wie an dersrlbei» Stelle, wo Strauß Quadrille» au» der ״schönen Helena" ausspielt, die BundrSlade und andere hei« lige Gegenstände stehen und eine andächttge Menge — fallsie ehen durch diesen profanen Kontrast nicht daran gehindert wird — ihre Gebete zum Himmel sendet. Welcher katholische r *