Mannheim
Compact Memory

Die Gegenwart · 1867-10-04 · 40 (4.10.1867) · p. Seite 316

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
40 (4.10.1867)
Date
1867-10-04
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4889892-5434108-5434190--372-4890218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

316 Dir Srgrmvan. Germanenthum älteren Datum«? Warum wallte e« den Polen im selbstständigen Polenreiche nicht gelingen, «00 eingewanderte Häuflein Juden trotz eine« vielhunderljährigen Aufenthalte» in diesem Lande ju polonisiren? Oder versuchten sie e« gar nicht? Warum nicht? Diese Fragen sollen hier nicht erörtert werden; aber unleugbare Thatsache ist e« für Jeden, der seine Augen nicht absichtlich verschließen will, daß alle Israeliten in Galizien ohne Ausnahme noch jetzt ihrer Sprache nach unzweifelhaft Stockdeutsche sind. Mancher ältere, dem Handelsstande angehörende JSraelite, der mit der polnischen Bevölkerung zu verkchre» gezwnngen ist, wird sich vielleicht äußerst nothdürftig der pol« uischen Sprache bedienen können; für die Jugend, für die zarte israelitische Jugend namentlich, ist ein polnischer Laut unverstündlich. Man braucht gerade kein Schulmann zu sein, um einzusehen, daß die sofortige Einführung der polnischen Sprache als Unterrichtssprache in den galizisch-jüdischen Schulen, wenn man ihr sonst so erfreuliche- Gedeihen nicht gewaltsam zerstören will, eine absolute Unmöglichkeit ist, ebenso unmöglich, als die Ein» führung irgend einer hinterasiatischen Sprache als Unterrichtsspräche. Aber soll denn dem Gesetze nicht Genüge geleistet werden? Oder soll gar die polnische Sprache an den israelitischen Schulen in Galizien nie Unterrichtssprache werden können? dürfte die ״Gazeta" fragen. ' Hier muß nun vor Allem konstatirt werden, daß das polnische Blatt in völligem Jrrthuin begriffen ist, wenn eS bei der israelitischen Bevölkerung Mangel an gutem Willen zur Durchführung dieser Maßregel vermulhet. Im Gegentheil fühlen die Israeliten Galizien» jetzt mehr denn je daS dringende Bedürfniß, sich mit dein polnischen Idiom vertrauten machen, und sie würde» viel dar uni geben, wäre ihnen die Einführung der polnischen Unterrichtssprache schon jetzt möglich. Was aber unmöglich ist, bleibt unmöglich trotz aller Gesetze. Das Gesetz bestimmt übrigen» meines Wissens gar nicht den Zeitpunkt der Einführung der neueir Unterrichtssprache. Wenn daher daö Gesetz an den drei oder vier i» Galizien vorhandenen israelitischen Schulen nicht sogleich in die Uebung treten kann und vorläufig noch die deutsche Unterrichtssprache bcibehalten wird, so heißt dies noch lange nicht, wie die ״Gazeta" behauptet, hindern, daö Gesetz in Kraft treten zu lasten. Da» Gesetz besteht ja thatsächlich bereit» in Kraft und tritt eben, bis auf die u,ehrerwähnten vier israelitischen Schulen iiu ganzen Lande auch in Praxis. Wie ich überdies aus zuverlässiger Quelle weiß, wollen die betreffenden JSraelitcn-Gemeindeu, wenn auch nicht dem Wortlaute, so doch dem Geiste des Gesetzes durch besondere Cultivirung der polnischen Sprache schon jetzt Genüge leisten und nur den Zeitpunkt der gänzlichen Durchführung de» fraglichen Gesetze» hinausgeschoben wiffeu. Wann dieser Zeitpunkt cintreten werde, läßt sich freilich nicht mit Bestimmtheit angeben; aber in der Macht der Regierung liegt eS, denselben so nahe als möglich zu legen. Lemberg. 25. September. Gestern fand hier eine General-Bersaminlnng der Vertreter der israelitischen EnltuSgemeinde statt. Dieselbe hat sich — wie voraüSzusehen war — für die Einführung der polnischen als Unterrichtssprache in den i-vaelitischen Volksschulen einstimmig erklärt. Diesem Beispiele folgte» auch die israelitische» CultuSgemeinden von PrzruchSl, Zolkiew und Jaroslau, welche über Aufforderung der Statthatterei sich für die Einführung der polnischen Unterrichtssprache in ihren Schulen geäußert haben. Um den Sinn für da» Studium der polnischen Sprache unter oer israelitischen Jugend zu erwecken, hat sich hier in letzter Zeit ein Verein gebildet, <fn dessen Spitze die Herren HönigSmann, Löwenstein, Zucker und Fränkel stehen. Dieser Berein soll gesteru eine «Ätzung abgehalten und in derselben die Herausgabe eines politischen Blatte» für Israeliten be« schloffen haben. Bi» jetzt wurden hiye vier Blätter für Israeliten in deutscher Sprache herauSgegehen. f — Die bekannten Beschlüsse unsere» Lemberger Gemeinde« rathe» in der jüdischen Frage bei Botirung des Gemeindestatuts blieben nicht ohne Nachahmung. Der Lemberger Gemeinderath hat, wie bekannt, mit großer Majorität im Entwürfe de» GemeindestatutS (welcher später vom Landtage verworfen wurde) den Grundsatz ausgesprochen, daß da» Vermögen der Stadt Lemberg nur Eigenthum der christlichen Einwohner dieser Stadt sei. Einen ähnlichen Beschluß faßte jetzt der Kolemaer Gemeinderath und entschied per vanzor», daß das dortige städtische Krankenhaus nur für Ehristen bestimmt sei und daß die kranken Israeliten dieser Stadt gar kein Recht haben, dort untergebracht zu werden. Be» merken muß ich, daß Aolomea auf 15.909 Einwohner 8230 Zudem zählt. Der Landesausschuß hat selbstverständlich diesen Mittelalterlichen Beschluß aufgehoben und für nichtig erklärt. Pest, 25. September. Die beschimpfende Praxis de» sögenannten gesonderten Juden-Eide» scheint nach der neuen Prozeßordnung des Justizministers Horvath beibehalten zu bleiben. Der Jude wird wieder bedeckten Hauptes mit dem Passus: ״So wahr mir Gott bei meinen Geschäften helfe", und wenn die Gegenpartei eS verlangt, unter Zuziehung eines Rabbiner« schwören müssen. Darauf deuten zum mindesten die Worte de» EntwurfeS: ״Nach ihrem religiösen Ceremoniel" und ״mit aller Feierlichkeit". Zwar haben liberale Gerichte, so z. B. d.1S Pester Stadtgericht, ex officio auf gar manche der vom Juden verlangten EideS-Alfanzereie» verzichtet; allein ein böswilliger oder von Vorurtheil befangener Gegner konnte immerhin zu den entwürdigenden Formalitäten zwingen. In Komorn ist eS dem Prediger Schnitzer gelungen, die Abschaffung de» JudeneideS durchzusetzen: allein waö nützt solch ein partieller Fortschritt, wenn vaS neue Gesetz noch an dem alten Mißbrauche festhält? Oder will der Justizminister seine Worte ander» interpretirt wissen, als ich die» hier thue? Dann muß er seinen Willen klar und unzweideutig formuliren, doppelt klar, da eS gilt, einen bestehenden Mißbrauch abzuschaffen. Seine Hände waren bei Abfassung de» neuen Gesetzes durch mancherlei Rücksichten gebunden. daß dasselbe — eigentlich ohne absoluten gesetzgeberischen Werth — nur dadurch verdienstvoll erscheint, daß eS nach besten Kräften und wo dies irgend-möglich abhelfen will. Nun, in der Frage de» Juden-Eide» ist Abhilfe ganz gut möglich; sie kostet den Minister blo» einen Federstrich. Sir Moses Monlrfiore in NumLnien. Iaffy, 12. Scpteber. Die von Sir Mose» Montefiorc zur Verbesserung des Loses seiner GlanbenSgenoffen nach den Fürsten« thümern unternommene Reise war mit so vieler Reserve umgeben, daß bisher nicht- Bestimmtes über das Resultat derselben in di« Oeffentlichkeit zu dringen vermochte. Thatsache ist, daß Sir Montefiore die zahlreich au chn ergangenen Einladungen, die Häuser seiner reicheren GlaubenSgenosen in Bukarest und Jassyals Absteigequartier zu benutzen, beharrlich ausschlug, und ungeachtet aller von den ehrgeizigen Fi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.