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Die Gegenwart · 1867-10-04 · 40 (4.10.1867) · p. Seite 315

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
40 (4.10.1867)
Date
1867-10-04
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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315 Berliner Wochenschrift (&t jetzt über diese Broschüre geschwiegen haben, so geschah e», weil sie eben nicht mehr verdiente, weil ein solche« Verkennen unserer Zeitvrrhältniffe ein so großer Anachronismus ist, daß er von Seite der Vernünftigen eben nicht mehr als Achselzucken und gänzliches Sgnoriren werth ist. Wir würden unauch heute nicht die Mühe nehmen, diese» erbärmlichen Opfer» auf dem Altar de» Despotismus zu erwähnen, wenn uns nicht die hiesige Judenge« meinde in ihrem Auftreten gegen den Verfasser Anlaß gäbe, ihr unsere besondere Hochachtung über ihr Verhalten auszudrücken. Nicht genug, daß einige Gemeindemitglieder in der Troppauer Zeitung in wahrhaft niederschmetternder Weise gegen die von ihrem Seelsorger veröffentlichten Ideen auf das energischste pro« testirten, eS versammelte sich gestern sogar die ganze Gemeinde, um über den Ketzer des Zeitgeistes Gericht zu halten. Sie beschloß, den Berfaffer nach AuSgang des Provisoriums allsogleich vom RabbinatSdienste zu entfernen, ihm augenbsicklich die Direk« tion der Schule abznnehmeu und, da er von der Regierung als ReligionSlehrer bestellt ist, unverweilt die »öthigen Schritte zu thun, um möglicherweise auch die Enthebung von diesem Amte zu erwirken, da er das ganze Vertrauen der Gemeinde der« scherzt habe. Das Urtheil ist hart, aber gerecht, und die dem Eoncordat unterworfenen katholischen Troppauer beneiden die jüdische Ge« meinde, die ihr autonomes Recht über die geistliche Macht aus« üben darf, wenn sie von ihr befürchten muß, daß sie ihre Jugend im Sinne der Knechtschaft und der Finsterniß erziehe. Bukarest, 12. September. Die hiesigen oppositionellen Blätter veröffentlichen, nach englischen Quellen, die von der hiesigen Regierung bisher geheim gehaltene amtliche Correspondenz mit dem Londoner Foreign Office in Angelegenheiten der Juden- Verfolgung in der Moldau, und sind diese amtlichen Schriftstücke nur zu geeignet, namentlich auch auf da« barbarische, gehässige und einer jeden auf Eivilisation Anspruch machenden Regierung unwürdige Benehmen der rumänischen administrativen Organe ge« gen Nicht-Rumänen, ohne Unterschied der Religion, ein grelles Streiflicht zu werfen. Die ganze Correspondenz umfaßt vierzehn Aktenstücke, von denen Nummer 1 und 2 zwei Depeschen der Iassher Judengemeinde an die Herren Montefiore, Goldschmidt und Rothschild, sowie an ihren Großrabbiner sind; stummer 3 ist ein Telegramm deS englische» Ministers der auswärtigen Angelegenheiten an den englischen General-Eonsul in Bukarest. Mr. Green, womit derselbe aufgefordert wird, ״sich sogleich zu Sr. Hoheit dem Fürsten zu begeben und demselben auf das energischeste vorzustellen, die Regierung Ihrer Majestät hege die bestimmteste Hoffnung, »daß die Judenverfolgung in den Donaufürstenthü« mern aufhören werde, sonst würde sich das Jntereffe der englischeu Regierung für das Gedeihen der Fürstenthümer bedeutend verringern." In Nummer 5 berichtet nun zwar Mr. Green, daß Fürst Karl auf seine der ebenangeführten Depesche zufolge gemachten Vorstellungen geradezu geleugnet hätte, daß irgend eine Judenverfolgung in den Donaufürstenthümern stattgefunden habe, erzählt aber in seinem sich an obige Depesche anschließenden ergänzenden Berichte vom 27. Mai 1867, daß die Jndknhetzen denn doch fort« dauern. In demselben Rapporte findet sich nun auch folgende" bemerkenSwerthe Stelle, welche das Herz eine» jeden humanen Menschen mit Abscheu gegen die letzte rumänische Regierung zu erfüllen geeignet ist und welche ich nicht umhin kann, Ihren Le« fern wörtlich anzuführen: ״Ich drückte dem Fürsten die Hoffnung aus-, daß die Aus« Weisung der sogenannten Vagabunden aus Jaffy wohl mit gerin« Jüdisch« Angelkgmhrftrn. gerer Barbarei ausgeführt worden sein dürfte, als jene der christ« lichen Vagabunden aus Bukarest, bei welch letzterer Gelegenheit viele Grausamkeiten begangen worden seien. E« wurde mir vrr« sichert, sagte ich dem Fürsten, daß mehrere dieser armen Siebenkürzer unterwegs umgekommen sind, indem sie, haufenweise in Ketten geschlagen, zu Fuße gehend, die Karpathen passiren mußten, ja eS geschah sogar, daß der Leichnam eineso Umgekommenen von den in dieselben Ketten geschlagenen lebendigen Arrestanten bis an die Grenze mit fortgeschleppt worden ist, woselbst die öfterreichischen- Beamten die Annahme des CadaverS verweigerten. Hierauf erwiderte der Fürst, diese Angelegenheit sei damals unter« sucht, aber an derselben nichts wahr befunden worden. Ich er« widerte — setzt der englische General-Consul hinzu — daß Baron Eder, mein College, mich deffen versichert hätte." Erlauben Sie mir, hier meinen Auszug au» dieser amtlichen Correspondenz zu unterbrechen und Sie zu versichern, daß ich mir persönlich die Mühe gegeben, jener wirklich schauderhafte» Bege« benhcit nachzuforschen — und nun in der Lage bin, zu coiistatiren, daß der englische General-Consul allerdings vollkommen gut instruirt war. Mitte Februar d. I. kamen nämlich an dein Passe von Tömös sieben in eine lange Kette geschlagene österreichische (paßlose) Utiterthaneu unter Bedeckung von sechs berittenen und mit Gewehren und Säbeln bewaffneten rumänischen Dorebantzen an, welche ihren achte», bereits verschiedenen, aber noch immer an dieselbe Kette geschlagenen LeidenSgenoffen auf den Arnjsi, trugen. Al» Einbegleitung führte der Dorobantzeii-Sergeant ein Schreiben des Präfecten von Plojeschti mit, in welchem die österreichische Grcnzbehörde um Nebernahme von acht anöweisbar österreichische» Unterthanen angegangen wurde. Der Feldwebel von dem damaligen österreichischen Starosten aus Rimnik, Herrn Dragalina, welcher sich persönlich, wenngleich znfällig daselbst befand, befragt, wie er eine derartige Barbarei habe dulden können, antwortete, er habe den Auftrag, die Kette unter keiner Bedingung diesseits der Grenze zu öffnen — und sei bereits einmal, da er dieses einem unwohl gewordenen Arrestanten gestattet hatte, von dem Herrn Präfecten persönlich und thäthlich mißhandelt worden! Nun, Sie werden mir gestehen, daß unsere Nachbarn nnS nicht gerade zuvorkommend begegnen. TaS wird aber nicht besser werden, als bis der ganzen Bojarenwirthschaft ein Ende gemacht wird. Unsere ganze Hoffnung beruht deshalb darauf, daß wir eines Tage» österreichische Unterthanen sein werden! AuS Galizien, 18. September. (Verspätet). Die ״Ga« zeta Noradowa" brachte vor Kurzem einen Artikel, betreffend die jüdischen Volksschulen, in welchem sie für jetzt die Nothwendigkeit specifisch jüdischer Schulen anerkennt, aber im Sinne des Gesetze-, welche» den einzelnen Gemeinden in Galizien nur die Wahl zwi« scheu der polnischen und ruthenischen Sprache als Unterrichts« spräche läßt, fordert, daß auch an de» israelitischen Volksschulen die polnische Sprache sofort als Unterrichtssprache eingeführt werde. Da« Blatt meint, die Schwierigkeit der Durchführung dieser Reform liege nicht i» der zu uulerrichtenden Jugend, eben« sowenig In dem Mangel an hierzu befähigten Lehrkräften, und läßt den Leser unzweideutig die Abaeneiatheit der galizischen "^s-raeliten^gegen die polnische Sprache als Unterrichtssprache er« rathen. ES soll hier nicht untersucht werden, an wem eigentlich die Schuld liegt, daß die deutsche Sprache oder ei» corrumpirter Dia« lekt derselben noch heute die Muttersprache der galizischen Juden ist. Hat wirklich erst die österreichische Regierung die israelitische Bevölkerung Galizien» germanisirt? Oder ist da» galizisch-jüdische «0*

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