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Die Gegenwart · 1867-10-04 · 40 (4.10.1867) · p. Seite 314

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
40 (4.10.1867)
Date
1867-10-04
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 I Die Gegenwart. * Weh uns Armen — hör' ich nun manch«! fe«f;^,; auch diesen Trost nimmst Du uns, wie könnt« wir mm lebeg.^w«» die Spuren u»sreS früheren Wandelunser» Fersen immer an« haften, wenn unseren Füßen immer aufliegt der Staub, den wir einmal in schwacher Stunde aufgewirbelt? Wie chr leben kämt? Indem ihr säumt imd säumt ehe ihr den Fuß aüfjdm Tode» setzet, ehe ihr eine» bestimmten Weg wandelt. Daß ein solches Leben schwerer ist als eins wie ihr es durchträumt. ich will es glauben, aber ihr sollt eben wissen, ihr sollt erkennen, daß da» Leben eine Pflicht, eine schwer zu erfüllende Pflicht ist. kknd weiter höre ich fragen: Was soll nns nnn der BersöhmmgStag? was wild aus jencr strahlcnspendcuden Verheißung? — sie hat einem Düster, einem Dunkel Platz gemacht, der BersöhnungStag, er ist zur Nacht der Sühnelosigkcit geworden! — Umgekehrt — verstandet ihr doch unter Sühne ein Ungeschehenniache» des Geschehene», ein in Nebel und nächtliches, undurchdringlichcS Dunkel hüllen alle» dessen wa» der Sonne Licht zu scheuen hat, jetzt aber gilt Klarheit und Wahrheit; was ein. mal wirklich ist, das wirkt weiter fort — ein Vergessen, eine 'Folgelesigkcit. von Handlungen ist Ausgeburt eurer Phantasie, Ge' bilde eure» Hirns. Aber ist denn die schlimme äußere Folge einer schlimme» Handlung alles? Giebt es nichts niederdrückeudereS als schlimme äußere, das dich trifft? Sinne nach, wer hieß die schlimme Handlung, die Du vorläufig nur um ihrer äußeren Fol» gen willen bereuest, thu»? Wer? Doch Du selbst; doch dein Bewußtsein, das eben in jenem Augenblick nicht rein, nicht klar, nicht hell genug war und das durch Fortsetzung ähnlicher Handlungen jencr Nciul-eit und Klarheit immer mehr entrückt wurde und andrerseits je größer die Unreinheit, die Unklarheit wurde, um so mehr üble Handlungen beging — dies Bewußtsein suche zu reinigen, zu läutern, diesen Quell Deiner Handlungen reinige von alle» trübenden Vorstellungen, vor allem Schlamm der Lügen- Hastigkeit, der Eitelkeit, den niederer Eigennutz den Selbstsucht in ihm aufgchäust, den reinige aber Du selbst. Du mit Deiner eigeneu Kraft, soweit sic Dir noch geblieben ist, — das thue am VcrsöhnungStag, das thue auch an andere» Tagen, so schaffst Du , Dich neu, so befreist Du Dich von den Folgen dadurch, daß Du die Ursachen abthust, deren Anwesenheit nothwendig jene Folgen hat. Handelt ihr so, so ist der Versöhnungstag für Euch nicht Anfang und Ende, sondern nur Ausgangspunkt eineneuen LebenS an dem aber täglich, allstündlich gearbeitet werden muß; am VersöhnungStage fanget ihr an au-zugäten waS auch immer von Unkraut Wurzel gefaßt hat in eurem Gehirn und daraus hervorwuchs zur That; habt ihr auSgegätet, dann müßt ihr neue frische Saaten ausstreuen, d. h. reine lautere Vorstellungen fassen oder vielmehr die Vorstellungen mittelst deren ihr auSgegätet zu trieb* kräftigen Keimen machen und diese BorstellungSkeime — das seid gewiß — sie gedeihen zu Handlung», zu Thatkrästen, die euch einem ferneren BersöhnungStag ruhig entgegengehen lassen. — Reine lautere Vorstellungen faffe — d. h. suche wahr, suche aufrichtig zu werden, setze an Stelle denichtigen, dem Du nachgegangen. Dauerndes, Wirkende-, vergiß nicht über Deinen äußeren Nutzen Dein Inneres, Dein Wesen und über Deine Person und Familie da» Allgemeine, die Nebenmenschen, die Gemeinde, die Stadt, den Staat; überall aber handle nicht nach Willkür, nach augenblicklichem Gutdünken, überall al- Mensch, als Gatte, al» Vater, al» Bürger handle, ein Priester der hehren, der helligen, der göttlich-menschlichen Pflicht. Kehre zurück I-rael zu deinem Gotte, d. h. dann: Kehre zurück zu dem Göttlichen, dem Ewigen, dem Echtmenschlichen in y J / < tiff, kiche »or>allem den Livische», dich, dein eigenes Selbst auf, such?^denn gleicht wirst׳ ti ti nicht finden, hast du es aber gefunden, dann arbeite an seiner Veredelung unablässig, unaufhörlich. Ich nahm dir also Jude, ich nahm dir Jüdin.den Wahn, daß ihr von äußeren ^Folgen äußerlich, durch außer tckh׳ wirkende /fräste befreit werben könnet und gebe euch die Wahrheit,' daß Ihr eigen selbst durch eigne Kraft den Urquell enrer Handlungen reinigen. läutern könut, ich nahm Euch die Süßigkeit eines ^raume» und gebe Euch dafür wirkliches und wirkendes Leben. "Ihr verlasset dann henke dm Tempel nicht befreit von der Skkndenfast und von der Furcht vor Strafe, aber ausgerüstet mit einer Vorschrift nach der ihr Euch die Last erleichtern, allmählich ganz abnehmen könnt. So ziehet denn hin audem Tempel ins Leben, eingedenk der Lehre des Leben», des ernsten, des wirklichen, destrengen Lebens und vergessend und auf Nimmerwiederauftauchen versenkend die Wohn- und Traumgebilde, die euch bisher umgaufett und Euch alle» eher gaben als Wahrheit und Klarheit, daS Endziel ächtmenschlichen Denkens, ächtmenschlichen Streben», ächtmenschlichen Willens!" * Berlin, den 22. September. Die sämmtlichen iSraelitischen Gemeinden Mecklenburgs reichten unter dem 28. Februar bei dem constituirenden Reichstage eine ״Denkschrift über die RechtSverhältniffe der Juden in Mecklenburg" ein und knüpften daran den Antrag: ״daß der geheiligte Grundsatz der bürgerlichen Gleichstellung in Bezug auf die Mecklenburger jüdischen Glaubens, zu Ehren de» deutschen Vaterlandes, zur Geltung komme und den auf ihnen lastenden Ausnahmezuständen ein Ende mache." Der namentlich von dem Abgeordneten M. Wigger« in Verbindung mit I. Wigger» und Wachenhusen damals unter« nommene Versuch, den gerechten Ansprüchen der mecklenburgischen Israeliten durch Aufnahme einer entsprechenden Bestimmung in die Verfassung zu genügen, vermochte nicht die Majorität im Reichstage zu gewinnen. In Folge dessen haben die Vorstände der israelitischen Gemeinden ihren damaligen Antrag bei dem gegemvärtigen Reichstage erneuert und die Denkschrift von Neuem vorgelegt. Sie bemerken in ihrer vom 10. d. M. datirten Eingäbe: ״Nicht bloS im Reichstage selbst, sondern auch in den geachtetsten Organen der Presse, im Inwie im Auslande, hat diese Petition die lebhaftesten Sympathien geweckt. Wenn sie gleichwohl in Folge der Vorberathung, namentlich über Artikel 3 de» Verfassungs-Entwurf-, vom -. Reichstage für erledigt erachtet worden ist, so haben wir dies doch nur in dem Sinne aufzufassen vermocht, daß der Reichstag die baldige Durchführung und Feststellung der.Verfassung als höchstes Ziel derzeitig erstrebte und es der nahen Folgezeit vorbehielt, sein für die Machtstellung und Entwicklung unseredeutschen Vaterlandes überaus fegen-« reiches Werk von dem Flecken zu reinigen, daß noch ein Theil der zum Norddeutschen Bunde zählenden Staatsangehörigen um seines religiösen Bekenntnissewillen im Genüsse der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte auf eine unerhörte Weise gekränkt wird." Troppau, 24. September. Der hiesige RabbinatS-Verweser Singer hatte vor Kurzem ein kleines Pamphlet in Umlauf gebracht, in welchem er durch Eitate auden! Talmud und der Schrift zu beweisen versuchte, daß die rein absolute Regierung»- form die Gott allein wohlgefällige Hnd zulässige sei, daß sogar Jeder eine schwere Sünde begeht, der über eine solche Institution nachdenkt, sie bekritelt oder abzuändern versucht. Wenn wir bis

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