Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 40 (4.10.1867)
- Date
- 1867-10-04
- Page
- Seite 313 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir werden die» später einmal de» Weiteren erörtern. In diesen^Tagen aber, der Rüstzeit de» BersöhnungStageS, wollen wir eine von befreundeter Hand uns zugegaugene Skizze einer (ungehaltenen) Prxdigt unseren Lesern vorführen, die, wie wir glauben, das Rechte und das Aechte sagt. Der Leser lese und urtheile: ״Sündengebeugt und grambelastet betrat der Jude gestern Abend, betrat er heute Morgen des Tempels Schwelle, um sie heute Abend aufgerichtet, gradeS Haupte» und der Last entledigt zu betreten. Süudengebeugt und niedergedrückt von der Furcht vor Strafe, die ihm würde ob der Sünde, richtet er aus de« Herzens Tiefe sein inbrünstiges Gebet zu des Allvaters Höhen und wenn er ausgeschüttet des Herzens Inhalt zieht er heim, rein von der Sünde, voll von Hoffnung daß keine Strafe ihn treffe; ausgelöscht ist was Beschuldigendes war ausgeschrieben, fortgeräuml von seines Lebens Straße sind des Anstoßes, der Sünde und der Strafe Steine, die er sich, hingelegt. Und wer hat ihm dies gethan? Der BersöhnungStag und Gott. Einen Tag haben sie sich auserkoren mit reinigender, mit läuternder, mit straftilgender Kraft. — Der Tag kommt — sie sind voll von Sünden — der Tag geht und sie sind der Sünden bar. Wieso wirkt dieser Tag? Woher diese Zaubergewalt von Stunden, von Stunden, wie sie doch täglich erlebt und durchgelebt werdend woher diese sündentilgende Kraft derselben Stunden, die doch sündenzeugende Kraft haben? Der Tag — so lautet die Antwort —^ ist eingesetzt von dem Höchsten, von ihm dem gesündigt wird, von ihm der ob der Sünden, die ihm begangen werden, besttast. Thue Buße an diesem Tage, so wird Dir verziehen — denn an diesem Tage wird der Herr euch verdecken um Euch zu reinigen, vor dem Herrn sollt ihr rein werden, — so heißt es in der Schrift. Wie nun? Genügt das Buße thun zw allem? Werden durch Buße thun noch so üble Thaten ungeschehen gemacht? Bleiben Folgen von Handlungen, naturgemäße, naturnvthwendigr Folgen übler Handlungen aus? Geschehen auch hier Wunder, daß der Natur Gesetze aufgehoben werden für jeden einzelnen Frevler, weil er Buße thut? Allerdings so ist der Wahn gar vieler heute reurzerknirschter, sündenbrlasteter Juden. Da» Flehen au» de- Herzen» Tiefe, die augenblickliche Erregtheit, die Jedermann, der nicht jeglichen Gefühls bar, befällt, wenn er an die harten Strafen, die üblen Folgen seinebösen Thun« denkt, die», so meinen fie, reicht hin um frei auszugehen vor dem Stuhle des ger-echten Richters. Gegen diesen Wahn anznkämpfen ist Pflicht Jedermann» in Israel, Pflicht aufzutreten gegen erniedrigende gott« lästernde Anschauung; Pflicht aufzutreten und nicderzureißen jene schönen Häuser, die man sich so wohnlich eingerichtet, in denen man so schön sein Leben dahin bringe» kann, hier heißt es zerreißen da» Gespinnst, da» ein grambelastetrS Hirn sich gewebt und hinzustellen waS wirklich ist, zerreißen da« Gespinnst und mag auch manches Herz dabei bluten. So wiflet den», ihr Juden, von dem Getto den ihr so sehr gnädig glaubt, heißt eS in der Schrift, er sei ein Gott, der der Sünden gedenket, und der Donner, der niederschmetternde Donner die- [er Worte er ist ebenso wirklich, so in» Leben tretend und in» Men eingreifend, wie der belebende und erquickende Sonnenstrahl, der euch entgegenschnninert an« jenen süßen so gern gehörten Worten: Gott, der die Sünden verzeiht! Wisset — die Folgen der Thaten sie bleiben hie und nimmer aus, ihr möget.heute noch so zerknirscht, noch so zerrissenen Herzens sein; es rächt sich eben alles im Leben, d. h. was geschehen ist wirkt nach; e» ist die eine Handlung ein Ring, die andere Handlungen und Geschehnisse nach sich zieht, eine Reihe von Ringen, die eine Kette bilden, eine fesselnde, bindende, nicht zu lösende Kette. ״Der Gott der die Sünden der Väter rächt an den Kindern", d. i. nicht« anderes als der Gott, der die Sünden der Vergangenheit des Einzelnen rächt an ver Zukunft diese« selben Einzelnen. — Das grabet Euch ein mit unauslöschlichen Zügen, daß ihr der Worte gedenket bei jeglicher Handlung, die ihr auöübt, daß ihr wiflet: was geschehen ist, daS lebt und weckt, schafft neue« Leben und wird nicht durch Thränen noch so reichlich vergossen, weggcschwemmt und wird nicht durch Seufzer noch so tief ansgehohlt, weggcweht und wird nicht durch in die Brust schlagen eS sei noch so heftig, vernichtet. WaS geschehen ist, da« lebt, ein Zeuge eurer Gesinnung und Handlungsweise, neue Handlung, ähnliche Gesinnung erzeugend. Hattest Du den Muth oder die Schwäche etwas Schlimmes zu begehen, so mußt Du auch die Kraft haben die Folgen zu tragen. Eine sehr traurige, eine sehr bittere, eine sehr unlröstliche — aber eine Wahrheit, wie ihr sie mit nur einigermaßen geübtem Auge jeden Tag erfahren könnt und müsset, ihr Inden. Eine bittere Wahrheit, sie ist tausend nnd tausend mal besser al« eine süße Täuschung, als ein schöner Selbstbetrug, als ein rosiger, Wahn, wie der ist gegen den ich spreche. Diese Wahrheit lehrt leben, lehrt menschenwürdig und menschenpflichtig leben; jene Tänschung erniedrigt den Menschen unter sich, er lebt gar nicht, er träumt. — 4»