Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 39 (27.9.1867)
- Date
- 1867-09-27
- Page
- Seite 308 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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308 D« Gegmwan. bauern e» tief, daß un» Herr Zlotnicky verläßt und wünschen lebhaft, daß sein Talent und seine Leistungen in einer größeren Gemeinde zur vollen Anerkennung und Würdigung gelangen mögen! kWrefcheu, 10. September. Bei Anwesenheit de» Erzbi« schoss Gr. LedochowSki in hiesiger Stadt aivf 8. d. M. hatten auch der RabbinatSverweser WitkowSki, die Synagogen- und Re« präsmtanten-Borsteher A. Santorowicz, A. W. Türk und Salo* mon Suttner, so wie ver Lehrer Suttner als Deputation der hie* sigin jüdische» Gemeinde eine Audienz.( Lehrer Suttner hielt folgende Ansprache: Al» Deputation der hiesigen jüdischen Gemeinde wollen erzbischöfliche Gnaden mit gewohnter Leutseligkeit un» erlauben. Sie zu begrüßen mit dem üblichen Gruß: ״Gesegnet sei, der da gekommen im Namen de» Herrn." Biele, namentlich in den traueigen Zeilen de» Mittelalters, gaben an, in de» Hern! Namen zu kommen; allein wie sehr wurde dieser heilige Name Gotte» von ihnen gemißbraucht! Den Namen deffen, der die Liebe und Duldüng und den Frieden und die Eintracht so warin empfiehlt, zum Deckmantel ihre» Hasse», ihrer BerfolgungSsucht, ihrer Lieblosigkeil mißbrauchend, verwüsteten sie ganze Stävte und Länder, niißhandelten und mordeten sie unschuldige Menschen, rotteken"sie au» ganze Generationen, brachten sie Jammer und Weh über die Welt. Heil un», daß diese traurigen Zeiten de» Fanatismus und der Intoleranz nun vorüber sind. Jerusalem», Rom», Augsburg» Söhne leben in schöner Eintracht, in trauter Harmonie zusammen, einsehend, daß wir Alle einen Bater haben, daß ein Gott un» Alle geschaffen, daß wir daher liebevoll sein müssen, Bruder gegen Bruder. Diesen Geist der Liebe, der Duldung, de» Friedens und der Eintracht, der zum Segen, zum Glücke der Menschen so wesentlich beiträgt, — Sie, hochwürdigster Herr Erzbischof, mit Ihrem edlen Herzen, mit Ihrer frommen Seele, verbreiten ihn unter den ihrer Obhut Anvertrauten. Im Namen deffen, der da ist die Güte »ind die Liebe, predigen Sie, wohin Sie auf Ihrer Rundreise kommen. Liebe gegen alle Menschen, Friede unter allen Confessioncu, Duldung und Schonung allen Natioualitäten. Damm jauchzen Ihnen, auch die Herzen Aller freudig entgegen in dem Rufe: Gesegnet sei, der da gekommen im Namen de» Herm! Darum haben heute bei Jhrcin Kommen alle Confessionen Festgewänder angelegt und ihre Häuser geschmückt und geziert; dämm sind auch wir deputirt, die Gefühle der Liebe und der Dankbarkeit Ihnen auszudrücken, die auch Israel» Söhne für Sie, den Guten und Edlen, hegen. O, seien Sie gesegnet, der Sie gekommen im Namm de- Herrn, der da ist der Herr de» Frieden! Möge Gott Tage hinzufügen Ihren Tagen und verdoppeln die Zahl Ihrer Lebensjahre! Möge Ihr edle» Streben gekrönt werden mit dem schönstm, glücklichste» Erfolge! — Der Erzbischof antwortete etwa Folgende«: ״Ich danke Ihnen für diese so schönen Gesinnungen, die Sie hier im Namen Ihrer Gemeinde kundgethan haben; wahrlich, ich freue mich über diese Gesinnungen.. Nur wenn wir so leben, können wir hier aus Erden glücklich und zufrieden sein und dereinst im Himmel Gotte» Barmherzigkeit erwarten. Leben Sie wohl!" (Pos. Z.) Agram. Der in unserer israelitischen Gemeinde wegen der im neuen Tempel aufgestellten Orgel ausgebrochene Zwist dauert noch immer fort. Die Einen wollen in dem Tempel keine Orgel, weil sie die Aufstellung diese» Musik-Jnstmmente» in ihrem Got« te«hause mit ihren religiösen Grundsätzen nicht verträglich finden. Die Anderen, nämlich die Mehrzahl der Gemeinde-Mitglieder, fleht hingegen in der Aufstellung der Orgel keine Verletzung de» religiösen Gefühl» irgend eine» Gemeinde-Mitgliedes und beharrt bei der thatsächlich bereit» geschehenen Aufftellung der Orgel in dem Tempel. Auf die von der Minorität der Gimeinde-Mitglie« der beim hiesigen königlichen Statthaltereirathe dieSfall« einge« reichte Klage hatte der letztere vor kurzer Zeit enffchieden, daß bi» zur endgültigen Entscheidung der Frage die Orgel im Temf pel nicht aufzustellen ist. Da aber durch ein Bersäumniß irgend eine» Magistrats-Beamten diese vorläufige Statthalterei-Entscheidung dem gellagten Theile zu spät intimirt und somit die Orgel, wie schon erwähnt, thatsächlich im Tempel aufgestellt wurde, so ist man auf den schließlichen AuSgang diese« sonderbaren Prozesie» nicht nur in den betheiligten, sondern auch in den übrigen streifen der Landeshauptstadt mit Recht sehr ge« spannt. Au» Bayern. Au» unserem engeren Baterlande läßt sich selten in den Tagesblättern eine Stimme über jüdische Angelegenheiten und Strebungen vernehmen. Ander» war e» vor 2 und 3 Decennien; d.a hörte und la» man häufig Jubel- und Klagetöne über Reformen in Synagoge und Schule; da wurde Jahr für Jahr geseufzet über die traurige Stellung der Juden in dem Staate, und still petitionirt um Erlösung au» diesen Snechte»- banden. Daß die Senfzer und Bitten verstummten, verdanken wir dem Fortschritt in der neuesten Geschichte, wozu der Impuls im Frühlinge de» Jahre» 1848 von Frankreich gegeben wurde. Wenn auch damals in Bayern die gänzliche Emancipation der Juden noch nicht ausgesprochen wurde; so fielen dennoch viele Ringe au» der drückenden Kette und lockerten den harten Druck. ES dauerte kein Jahrzehnt, und e» war die ganze Kette gebrochcn; e» schwand da» letzte AuSnahmSgcsetz, und vollendet war die Gleichstellung der Juden, so daß die Jude» gleich den christlichen Bürgern an jedem Orte sich niederlaffen, jede» Gewerbe ergreifen, in die Kammer der Abgeordnete» und selbst in den Staatsdienst treten können. Freilich ist die Synagoge noch nicht gleichgestellt der Kirche, wie in Würtemberg; freilich ist der Eintritt in den Staatsdienst noch nicht so erleichtert, wie in Baden; aber e» wird doch der jüdische Religionsunterricht an Gymnasien und Realschulen von dem Staate gefordert und die Lehrer au» seiner Kasse remunerirt; aber wir zählen doch schon einen Rektor mosaischen Glaubens an der Realschule in Fürth, desgleichen einen Juden als Direktor an der Irrenanstalt in Bayreuth, und da» Notariat, wie die Advokatur steht allen jüdischen RechtS-Kandidaten offen. Wohl zählen die drei LandeS-Universitäten bis heute nur Einen Inden al» außerordentlichen Profeffor, allein außer in Würtemberg und Baden stellte bis heute kein deutscher Staat einen Juden al« ordentlichen Professor an. In Preußen ist nur ein einziger jüdischer ordentlicher Universitätslehrer, der aber nur annektirt wurde mit dem Königreiche Hannover, der Profeffor Stern in Göttingen. ^urz, die Stellung der Juden in Bayern ist, wenn auch nicht nach dem theoretischen Recht, doch nach der fakttschen Praxis eine bessere, als selbst in Preußen und dem Großherzogthum Hessen, während dieselbe noch vor wenigen Jahren so bellagen»« werth war, als die der Juden in Mecklenburg, dem Eldorado der mittelalterlichen Junker. E» ist auch kein Zweifel, daß die bayerische Regierung, welche nie an der gegebenen Verfassung gerüttelt, zwar langsam vorwärts, doch nie rückwärts auf der Bahn der gesetzlichen Freiheit ging, in kurzer Zeit die Rechte der Judm zur vollen Wahrheit machen werde. Denn die Sophistik in] der Interpretation verfassungsmäßiger Rechte hat dort keinen Boden und keine« Anklang. Schon die Kammer der Abgeordneten, deren