Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 38 (20.9.1867)
- Date
- 1867-09-20
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Dir Gegmwit. Run wurde zuerst die Zimmereinrichtung, Thüren, Fenster, Möbel, Spiegel, Uhreu, Ala«׳ und Porcelangeschirr nebst anderea Effekten zertrümmert, der Branntwein au« den Gefäßen au»« gelaffen und die Rosoglioflascheu zerschlagen, so daß die Spirl« tuest» über die Schwelle de« Laden« auf die Taffe hinauSfloffen und die Leute bi» über div'Knöchel in Branntwein und Rosoglio wateten; dazu rief ein Weib; ״Hoi, wenn wir den Branntwein so jetzt anzünden möchten, da« wäre fein r Ein großer Rosogliovorrath, Kleidungsstücke. Geld und Werthsachen wurden geplündert, korz die Gewölbe auSgeleert. Die Familie Perutz hatte sich beim Herannahen de« Haufen« zum Notar Or. Trojan, der im oberen Stocke de« Hause« wohnt.^grfiüchtet. Der angestreng« ten Thätigkeit de- Or. Wolf und mehrerer Schützen im Vereine mit einigen Soldaten und Gendarmen gelang e« endlich, die Menge zu zerstreuen, mehrere Excedenten einzufangen und einen Theil des geraubten Gute« zurückzubringen. Hierdurch beläuft sich der Herrn Perutz verursachte Schaden auf ^bloS 1572 fl. 2 kr. Der größte Theil der wegen dieser Excesse — welche die Verbrechen der öffentlichen Gewaltthätigkeit und de» Diebstahls begründen — in Anklagestand versetzten Personen stand nun im Laufe der vorigen Woche vor dem hiesigen Lande«- al« Strafgericht. Durch da« heute publicirte gerichtliche Erkenntniß wmden als Meistgravirte Anton Horn, Peter Hwiezda und Franz Swoboda zu je sechs. Alois Schimmer, Johann Nowa7, Koseph Nachtigal und Johann John zu je fünf Jahren schweren Kerker« verurtheilt. (Der Staatsanwalt hatte für Horn und Hwiezda je zwölf, für die fünf anderen je zehn Jahre schweren Kerker« beantragt./ Bon den übrigen Angeklagten er« hielten elf Arrest׳ und Kerkerstrafen von 14 Tagen bi« zwei Mo« naten, größtentheil« verschärft mit Fasten. Bezüglich zweier An« geklagter blieb da« Urtheil in suspenso nnd wird gegen sie eine neue Untersuchung eingeleitet werden. Wien. (Nach dem Lehrertage.) ״An den Früchten werdet ihr sie erkennen." Man kennt nun den Lehrertag an den Früchte», die er vom Baume der Erkenntniß gepflückt. Die Re« solutionen, die er gefaßt, geben den legislativen Factoren ein ge« wichtige« Eollectiv-Botnm von Fachmännern au« allen Theilen de« Reichs an die Hand und die Regierung hat durch den Mund des Statthalters Grafen EhoxinSkh es dem Lehrertage ausdrücklich zu׳ gesichert, ״daß sie seinen Berathungen mit voller Aufmerksamkeit folgend, dieselben zur baldigen Erreichung des gemeinsamen ange« strebten Zieles berücksichtigen werde." ES ist allseitig anerkannt, daß die österreichischen Mittel׳ und Hochschulen die vcn ihnen erwarteten Fdüchte nicht tragen, aber auch nicht tragen können, deshalb, weil diese höheren Schulen die Unterlage einer wohl organisirtcn, einer selbstständigen, eigentlichen, vollen Volksschule nicht haben und, so lange diese Gebrechen fort« ' bestehen, die BolkSbildung in Oesterreich einen oberflächlichen, un« fruchtbaren Eharakter haben müßte, so viel auch quantitativ gelehrt und gelernt werden würde. Wa« daher immer in Ansehung der österreichischen Volksschule berathen und resolvirt wurde, e« war immer ״zur österreichischen Schulftage." Daß der Lehrertag sich nicht lange bei dem ersten Pro-! grammpunkte aufhielt, sondern die Diskussion hierüber schon nach | wenigen Rede» schloß, erklärt sich daraus, daß e«, abgesehen von j der differirenden Lehrmeinung der bekannten ״kleinen, aber mäch-! tigen Partei", in der fortschrittsfteundlichen Lehrerwelt Oester-'! reichlängst als ein keines Beweise« bedürftige« Axiom gilt: ׳ ״Die Volksschule i» Oesterreich ist nicht da«, was sie sein soll." '! Wie sie aber entsprechend gestaltet werden solle, da« wurde i in präcisester fachmännischer Wette eingehend diskutirt und durch Annahme der BinSdorfer'schen und Herrmann'schen Anträge beantwortet. Hiernach soll die Aufsicht über die Schulen Volks« schulmäonern übertragen, der Lehrer soll al« Person rechtlich geschützt; r« soll festgestellt werden, unter welchen Bedingun« gen er angestellt und entlassen werden dürfe; die Lehrer sollen an der Schulgesetzgebung durch gesetzlich geregelte Vertretung theilurhmen rc. er. Hätte der Lehrertag auch nich« andere« berachen und resolvirt, al« diese wenigen, aber inhaltSschwe« ren Sätze; wahrlich, er verdiente schon deshalb Dank und Aner« kennung. Run der Lehrertag geschloffen ist. mäg e« offen eingestan« den werden, daß er die allgemeinen Erwartungen weitaus über« troffen hat. Sagten un« doch vor dem Lehrertage die mtt den Berhältniflen de« Lehrerstande« Bestvertrauten: ״Würde der Lehrertag vorzugsweise nur von den Lehrern Wiens und 4er nachsten Umgebung besucht werden, dann könnte man wohl auf harte Kämpfe mit der llerikalen Partei, aber doch auch auf den Sieg der liberalen Ideen mit hoher Wahrscheinlichkeit rechnen; da der Lehrertag aber voraussichtlich au« allen Theilen deweiten Rei« che« und namentlich auch von den Lehrern deflachen Landebe« sucht werden wird, so sind zwar jene Kämpfe, nicht aber dieser Sieg irgendwie sicher, denn die klerikale Partei hat in den älte« ren Lehrern sowohl in Wien al« in der Provinz, hauptsächlich aber in den durch ihr Ansehen und ihre Macht eingeschüchterten, von ihr abhängigen jüngeren Lehrern, den sogenannten Unterleh« rern auf dem flachen Lande, einen starken Stützpunkt; es wird Einigen der Wille, Vielen der Muth, den Meisten die Kraft zu liberalen MeinungS-Aeußerungen fehlen: der Siez der fortschritt׳ lichen, shllabuSwidrigen Meinungen ist nicht» weniger als gesichert." Heute weiß e« alle Welt, daß e« nicht so kam, sie weiß aber nicht, daß Alles vorbereitet war, um c« ander« werden zu lassen. Die Klerikalen machten zwar noch in der allgemeinen Vordersammlung am Vortage der ersten Hauptversammlung verzweifelt energische Anstrengungen, durch Anrufung von Nationalitäts-Eifersüchteleien Verwirrung in da» Lager ihrer Gegner zu bringen, aber die wiederholten Angriffe wurden schon dort energisch zurück, gewiesen, und als man am ersten PlenarversammlnngS-Tage den Versuch wagte, den ersten liberalen Redner durch Murren, Zischeu, ironische Bravorufe, P. Greuter'sche Interpretationen und ähnliche Einschüchterungsmittel zu verwirren, erfuhren die Freunde der abhängigen Schule eine solche eklatante und imponirende Zu« rechtweisung, daß derartige claqueurmäßig arrangirte Störungen am ersten und zweiten Tage nicht wieder vorkamen. Die Der« sammlung fand erst wieder am letzten Plenar-BerhandluugStage bei der mit den demokratischsten Phrasen de« Altchristenthum« reichdotirten Rede eine» konservativen Schuldirektors Veranlassung, dessen höhnische Herausforderung, ״e» möchten doch die jetzt ur« plötzlich so intelligent gewordenen, dem Klerus nicht angehörigen Lehrer ihre weniger gebildeten Brüder de« llerikalen Stande« zu sich emporziehen" durch eine stürmische Mißbilligungssalve zu bestrafen, und so jede weitere Störung beb Friedens der Bersammlung unmöglich zu machen. Und so sprach denn die denkwürdige erste österreichische allgemeine Lehrerversammlung, beseelt vom besten Geiste der Einig« feit und Toleranz, ihr entschiedenste« Anathema au« gegen die un« berechtigten Eingriffe der ShllabuSpartei in die BolkSerziehung, gegen die Benutzung der Schule zur Hebung herrschsüchtiger Sonderintereffen und gegen die Erniedrigung de« Lehrerstandes durch Unterwerfung deffelben unter die fortschrittsfeindlichen Grundsätze de« Shllabu« und der Enchclica. . ״Presse." L