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Die Gegenwart · 1867-09-20 · 38 (20.9.1867) · p. Seite 299

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
38 (20.9.1867)
Date
1867-09-20
Page
Seite 299 (sequence 3)
Language
German
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Batmrr Sochrnschnst fftr Jüdisch« »r-klegruheitt«. 299 Bedacht zu nehmen fein werde. Die alte Synagoge hatte eineu Zuschuß von 2436 Thlr. (im Vorjahr 2413 Tblr.). Al» ein Fortschritt in dkr Gemeinde-Verwaltung wird in dem Bericht noch die Oeffentlichkeit der Repräsentanten» Sitzungen hervorgehoben, welche durch einen erst in neuester Zett in Wirksamkeit getretenen Gemeinde-Beschluß eiugeführt wor- Len ist. Durch diese Anordnung ist die Bestimmung in dem tz. 78 de» Gemeinde-Statut», wonach alljährlich eine ״Zusammenstellung der Gemeinde-Beschlüste" den Mitgliedern mitgetheitt werden soll, insofern wesentlich erweitert worden, al» Letzteren nunmehr die Gelegenheit geboten ist, auch von den der Beschlußfaffung vorangehenden sachlichen Erörterungen und somtt von den leitenden GesichtSpuntten Kenntuiß zu nehmen, welche von der Vertretung resp. der Verwaltung der Gemeinde al» maßgebend erachtet werden. Im Allgemeinen wird e» anzuerkeonen sein, daß der die»- jährige Bericht, insbesondere durch die vorangeschickte Ansprache, ein weit lebendigere- und klarere» Bild von dm Verhältnissen der Gemeinde bietet, alder vorjährige. Doch läßt auch die dieSj. Uebersicht in Hinsicht der Ausführlichkeit Einige« zu wünschen übrig, so z. B. statistische Notizen über die Schulen uud die ׳Armenpflege, in Bezug auf welche wir die Bemerkung nicht unterdrücken können, daß eine größere Ausführlichkeit da» Jntereffe der Gemeindemitglieder den genannten Jnstitutm gewiß in gesteigertem Maße zuwenden und dadurch dieselben nicht wenig fördern würde. * Berlin, den 15. September. Ueber die Vereidigung jüdischer Geschwornen hat neuerdings da» Obertribunal einen maßgebenden Ausspruch gethan. E« wurde nämlich in einer Nichtigkeitsbeschwerde gerügt, daß die zugezogenen jüdischen Geschwornen nicht nach jüdischem Ritus und nach vorheriger Der- Warnung seitende« Rabbinervereidet seien. Da» Obertribu« nal verwarf jedoch diese Beschwerde, indem es sagt: ״Der Art. 73 des Gesetzevom 3. Mai 1852 schreibt eine allgemeine Eidesforme! für die Geschwornen aller ReligionSbekenntnisie vor, also auch für die Juden; er gestattet nur gewisse BetheperungSformeln für Mitglieder von Religionsgesellschaften, welchen, wie den Mennoniten, die Befugniß dazu ausdrücklich ausnahmsweise beigelegt ist, an Stelle jener Eidesformel zu gebrauchen, ein Fall, welcher bei den Juden nicht vorhanden ist. Die Vorschriften der Prozeß, ordnung über die Zuziehung der Rabbiner und über die Belehrung und Vermahnung durch dieselben bei Zeugen- und Prozeßeiden können auf die Eidesleistung der Geschwornen keine Anwendüng finden." Langensalza. Im vorigen Jahre sind im hiesigen Lazareth auch zwei jüdische hannoversche Soldaten an ihren Wunden gestorben. Da hier keine jüdische Gemeinde ist, hat man sie auf dem christlichen Friedhofe begraben, wobei von hannoverschen Kameraden treffliche Worte der Anerkennung und religiösen Duldsamkeit gesprochen sind. — Ein Antrag an den Landrabbiner Dr. Meyer in Hannover, sie auSgraben und auf einem!üdischen Fried« Hofe begraben zu lasten, ist von demselben, als dem Geiste deS JudenthumS widersprechend, abgelehnl worden. Vielmehr ist auf seine Beranlastung den beiden Soldaten, die zufällig an zwei aufeinander folgenden Tagen gestorben und neben einander begraben sind, ein Leichenstein mit hebräischer und deutscher Inschrift gesetzt. Die letztere lautet: ״Hier ruhen die hannoverschen Soldaten Jakob DrielS aus Emden und Herrmann Herzfeld aus Mühlenhausen, gestorben den Heldentod für König und Vaterland in Folge ihrer Wunden in der Schlacht bei Langensalza." Die hebräische Inschrift hat denselben Inhalt. Da- Monument ist vor einiger . + ••— - Zeit gesetzt, sehr schön gearbeitet und hat die Auerkennung der langrnsalzaer Behörvea, als eine Zierde de» Friedhofe» erhalte». Prag. 7. September. Zur ErgäUzung unserer ueuliche» Mitcheilungeu über deu böhmischen JudenverfolgungS-Prozeß diene nachfolgende Eorrespoudeuz der ״R. ft. Pr." Zu den bedauerlichen Vorfällen, welche sich in dem Rakonitzer Bezirke im Jahre 1866, in»besondere zur Zeit der preußi» scheu Invasion, ereigneten, und derm Motiv Haß gegen die I»« raelitm und Eigennutz war, gehört auch der 10. Juli vorigen Jahre», am Tage der Rekruten stellung, zu Rakoniy ringetretene , Vorfall, deffeu Verlauf folgender war: Schon mehrere Wochm vorher herrschte bei dem dortigen Proletariat und jenem der umliegenden Dörfer eine dumpfe Stille, wie sie gewvhulich einem Ausbruche gefährlicher Exceste vorauszugehen pflegt. Der Rako» nitzer Stadlrath suchte daher einen großen Theil der arbeitenden Klaste zu beschäftigen, allein vielen Arbeitsscheuen war der Lohn ein zu geringer, so daß sie lieber unbeschäftigt blieben. ES wurde nun eine Sammlung von freiwilligen Beittägen veranstaltet und dafür Brot auSgetheilt; diese Eollecte hatte einen Betrag von 100 fl. ergeben, wozu die Juden den bei weitem größeren Theil beisteuerten. Trotzdem aber wurde von der Stadtvertretung beschloffen, bei dem ersten Zeichen eine- Aufstande« durch Trommel» schlag alle gutgesinnenten Bürger zu versammeln, damit dem Uebel zeitig gesteuert werde. Bereits am 9. Juli suchten einige Leute Excesse zu provociren, indem sie in die Kaufläden de« Mose» Reiser und de» Michael Perutz drangen, daselbst Branntwein verlangten, uud al» ihnen derselbe verweigert wurde, Drohungen vorbrachten. Einer von ihnen rief: ״Heute wollt ihr'- nicht für Geld geben, morgen werdet ihr'- gerne umsonst thun!" Und al» er später den Perutz auf dem Ringplatze sah, drohte er ihn zu erschlagen. Am selben Tage noch spät des Abend« wurde Perutz ein Fenster eingeschlagen. Am Morgen des 10. Juli, am Tage der Astentirung, fanden sich in Rakonitz die Rekruten aus dem ganzen Bezirke nebst ihren Anverwandten, mit tüchtigen Stöcken bewaffnet ein, und auch viele Weiber, mit leeren Körben auf dem Rücken, bemerkte man in ihrem Gefolge. Gegen halb 8 Uhr Früh rotteten sie sich vor dem Hause de» Moses Reiser zusammen; einige von ihnen gingen in desten Laden, forderten Branntwein, und al« ihnen derselbe auf Anordnung de» Bürgermeister« verweigert wurde, begannen sie und mehrere ihrer Genosten sich des vorhandenen Speckes und Branntweines zu bemächtigen. Da schritt der Schützenhauptmann, Herr J. U. Dr. Wolf, mit einigen wenigen Schützen ein und säuberte den Laden: allein sie wurden von der Masse zurückgedrängt und hierauf dem Reiser die Fenster eingeworfen. Der Haufe wälzte sich sodann, nachdem er zuvor bei Michael Perutz hatte Gewalt ausüben wollen, hieran aber durch die Dazwischenkunft der k. k. Gendarmen und Stadtschützen gehindert worden war, vor den Laden de- Wein- und Lederhändlers Nathan Stein, drang in den Laden und verlangte Wein, wurde jedoch auch hier von den Gendarmen und einigen Stadtbewohnern herausgejagt. Zur Rache wurden Stein die Fenster eingeschlagen. Nu» zog die tobende Rotte abermalzu dem Hause de« Michael Perutz, und hier wurde gewüthet k la Schüttenhofen. Die Excedenten rissen da- Steinpflaster in der Gaste auf, warfen ^ie Steine in die Fenster, schlugen auch mit Stöcken in dieselben, zertrümmerten die Fensterrahmen und die inwendig zugemachten Fensterläden, worauf ^Einige von ihnen durch die Fensteröffnungen in die Wohnung und den anstoßenden Laden stiegen, die verriegelte Ladcnthür öffneten und durch dieselbe die :übrigen Genoffen einließen.

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