Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 37 (13.9.1867)
- Date
- 1867-09-13
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Dir •qjaaMrt « « am jüdisch-theologischen Seminar zu Bre-lau die größteDenkfreiheit. Da» Urtheil über da» Sittliche einer solche» Lehr« und Handlungsweise de» Lehrer» überlassen wir dem Leser. Wir ha« den ihm da» Material gegeben; da» Urtheil^ fälle er. Sprechen wir jetzt über die Einwirkung jmer Lehrweise auf die Schüler. Diese, die Schüler, haben wohl fast alle mehr oder minder klare und unklare BorstellungSmasseu über die Göttlichkeit de« Pentateuch au» ihrer Heimath nach Breslau mitgebracht. ׳ Hier besuchen sie die Universität, verkehren sie mit anderen Männer» al» sie daheim gefunden und im Seminar finden, athmen sie auch andere al» der Heimath und de» Seminar» Lust. Da mag mancher Einwurf und Zweifel der Schüler Geist beschleichen, mag manche» Widerspruche- Lösung, die sie von ihrem Lehrer gehört, mancher Nachweis der Thatsächlichkeit de» Berich« teten sie nicht befriedigen. Doch dem Gefühles de» Unbefriedigt« sein» stehen gegenüber die alten, anerzogenen und liebgewordenen Vorstellungen mit ihrer manchen GeisteSblick bannenden Gewalt, steht gegenüber der Hinblick auf den Lehrer, der alle Einwürfe und Zweifel kennt und dennoch gläubig ist. Man HLtt sich für unfähig jenen Einwürfen ganz zu begegnen, diese Zweifel völlig zu lösen. Man vertröstet sich auf die spätere reifere Zeit. Man richtet sich wohnlich ein in seinem Häuschen, desien Fundament die alten Vorstellungen, dessen Krone die — wenn auch etwa» schwachen — Lösungen und Beweise de» Lehrer» sind. So lebt man eine Zeit lang fort, zustieden mit den alten Vorstellungen, zufrieden mit sich, zufrieden mit dem Lehrer. Da, im Fottgang der Studien, stößt man auf irgend eine jener verheimlichten Ketzerschristen, ich will sagen, auf Ewald, Knobel u. a. — und dahin ist die Vertröstung, und dahin ist di« Zufriedenheit mit den, Vorstellungen, mit sich, mit dem Lehrer. Den schwachen Einwürfen, die man leicht abgethan, die man viel« leicht gar al» Geschöpfe eigner Unfähigkeit angesehen hatte, ge« sellen sich da gewichtige, vvllgiltige Argumente gelehrter, bedeutender Männer, Fragen, Behauptungen, Beweise, Schlüsie, denen man nichts entgegenzusetzen weiß, die alle ganz natur« und ge« schicht-gemäß scheinen, denen gegenüber die alten Vorstellungen nicht bestehen können. Schmerzbewegt sieht man da» Häuschen, da« man sich errichtet, zusammenstürzen; ein neue», ein ganz und gar anderes muß hergestellt werden. Welcher Art die» ist? Ehe wir hierauf antworten, wollen wir da» Berhältniß, da» nun zwi« schen Schüler und Lehrer sich gestaltet, betrachten. Den schmerzlichen Empfindungen über den Zusammensturz de» GlaubenS-FundamentS ist ein Gefühl, ein drückende- Gefühl der Enttäuschung beigemischt, die man in seiner Meinung von, in seiner Hochachtung vor dem Lehrer erfährt. Der Lehrer war verehrt worden als ein Meister im Wissen und al» ein Muster im Handeln, al« rin bedeutender Gelehrter und al» ein rechter echter Mann, dem wie in der Wissenschaft so im Leben die Wahrheit al» unverrückbare» \ Ziel dastehe, nach dem er seine und seiner Schüler Schritte lenke. Und jetzt? ״Wie? All die» hat doch mein Lehrer gekannt, wie sollte er, der Meister im Wissen, diese Forschungen nicht kennen, die ein so bedeutende», ja da» bedeutsamste Gebiet de» jüdischen Wissen» und de- Judenthum» überhaupt berühren. Er hat sie gekannt und hat dennoch geschwiegen. Weshalb? Wie konnte er schwei« gen? Ich dachte, er wolle uu» Wahrheit lehren, Wahrheit so weit sie dem Menschen zugänglich ist, wolle un» die Wege zeigen, die apf unserem, dem theologischen, Gebiete die Menschen der verschiedruen Zeiten gewandelt, um die Wahrheit zu finden — und nun, da' find neue Bahnen, gebrochen und geebn et von nam« haftelt Männern der Wissenschaft — warum hat er un» von die« fen nicht» gesagt? Er hält sie für Irrwege? Nun, warum hat er nicht da» Jyteleitende an ihnen gezeigt? Mußte er sich nicht sagen, daß wir auf unserem Leben», und Studien-Wege dennoch auf sie stoßen, daß wir daun, unerfahren wie wir find, die Irr« Wege für Rechtwege halten und sie betreten? War da nicht Re« den dringende» Gebot der Pflicht, war da nicht Schweigen ge« bietrrischer Pflicht arge Verletzung? Er ist ja sonst so bedacht, daß wir rechtgläubig leben, waruck hat er da nicht einen Stein, an dem da» rechtgläubige Denken (von welchem doch de» Man« ne» Leben geleitet wird) harten Anstoß nehmen kann, au» dem Wege geräumt?" (Schluß folgt.) Berichtigung: Ja Nr. SS, S. «81, Sp. I, Z. I» v. uute» lie«: ״wissen and anerkennen" statt ,anerkennen und wissen". — Sp. S, Z. 4 v. ob. vor ״Studium" ״wissenschaftlichen" zu streichen. * Berlin, den 10. September. Heute erhielten wir, die ״Uebersicht de» Haushalte» der jüdischen Gemeinde' zu Berlin in dem Jahre 1866". Wir werden dieselbe in nächster Nummer ausführlich besprechen. — Da« Gesetz vom 23. Juli 1847 ״über die Berhältniffe der Juden" ist thatsächlich bereit» lange veraltet, und erst in ver vorigen Session de» preußischen Hause» der Abgeordneten hat da» CultuS-Ministerium da» Veraltetsein de» Gesetze» bestätigt. Wie die ״Köln. Ztg." hört, soll e» im Plane liegen, da» Staat»« Ministerium zu bitten, unter Aufhebung der in den neuen Landen bestehenden, die Juden betreffenden Ausnahmegesetze diese auch, wo sie noch vorhanden, für da» ganze Staatsgebiet zu beseitigen, namentlich die Einmischung der Regierung in die inneren Angelx« genheiten der Juden", zumal schon die VerfaffungS-Urkunde jeder ReligionSgesellschaft da» Recht beilegt, ihre Angelegenheiten selbstständig zu ordnen und zu verwalten. Auch der mittelalterliche Eid woro jud&ico besteht noch in den alten Landen, während man ihn im Regierungsbezirke Kassel u. s. w. nicht mehr kennt, doch wird man hier vielleicht auf die neue Civilprozeßordnung ver« weisen. WünschenSwerth wäre e» steilich, daß die Vorlage, welche der Justiz-Minister v. Bernuth über diese Materie einbrachte und die lediglich an der Ablehnung durch da» Herrenhaus scheitette, wieder ausgenommen würde, zumal die von Judm zu leistenden Fahnen- und Diensteide noch immer mit den mittelalterlichen Bei« gaben bekleidet sind und damals die Abschaffung dieser letzteren von der Annahme der Gesetzvorlage abhängig gemacht wor« den war. Bonn. Herr vr.L. Philippson hat in seinem Organe nachstehende Erklärung veröffentlicht. ״In einigen jüdischen Blättern hat sich jüngst ein lebhafter Streit (!) über die Wirksamkeit meiner beiden Nachfolger im Amte, der Herren Doctoren Güdemann und Rahmer erhoben. Man hat in diesen Zwist auch meinen Namen und nicht in freundlich« ster Weise hineingemischt. Da» verehrliche Publikum weiß seit langer Zeit, daß ich e» für eben so überflüssig, wie für meiner unwürdig halte, auf Verdächtigungen und Schmähungen, die Per« sönliche» betreffen, irgend zu antworten. In solchen Dingen spre« chen die T hat fachen. Unter meiner Mitwirkung und Amtirung schuf die Magdeburger Gemeinde alle Werke und Anstalten, die sie besitzt: da» regelmäßige Predigtamt, die geordnete Religion»« schule, die Eonfirmation, die ihr zugehörige große Synagoge, da» Getneindestatut, den wohl geordneten Begräbnißplah, eine Leichen« begräbniß-Ordnung, den durch Chorgesang deutscher Lieder, Sttei-