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Die Gegenwart · 1867-09-06 · 36 (6.9.1867) · p. Seite 285

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
36 (6.9.1867)
Date
1867-09-06
Page
Seite 285 (sequence 5)
Language
German
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285 valiner Woch«»schnft flk «bische Ein Borfall, der sich gestern hier zngetragen, verrieth die Ungeduld russischer Agenten, im Trüben fischen zu können. Ein jüdischer Schlosiergeselle war nach dem Genüsse eines in der Schänke eines Christen genossenen Glases Branntwein todt zusammengestürzt, und man glaubte manchen Anzeichen nach wahrnehmen zu dürfen, daß hier da- Verbrechen einer Vergift tung vorliege. Biele Juden versammelten sich in der betreffen׳ den Straße, die Polizei und der Procuror wurden verständigt, und Letzterer ordnete die Versiegelung der Flasche, auS der man dem Schloffergesellen eingeschänkt, und die TranSportirung des Todten behufs der Autopsie in da» israelitische Spital an. Kaum war jedoch der Wagen, auf dem der Leichnam lag, bis in die Nähe des russischen Consulat« gelangt, als eine beträchtliche Anzahl Christen sich dem Zuge in den Weg warf und unter Lärmen und Schreien die Ueberführung deS Leichnams in ein christliches Spital verlangten. Die ebenso zahlreich a»wesenden Juden, von diesem Ansinnen stutzig gemacht, verlangten die strikte Ausführung deS staatsaiiwältlichen Befehls, und bald wurde man handgemein. Wie durch einen Zauber sah nian aus dem Hofe des russischen ConsulatS-GebäudeS eine Unzahl von Stöcken und Stangen herausgelangen, und es erschollen die im russischen Accente gerufenen Worte: ״Nieder mit den Juden, haut sie alle zusammen!" ES regnete auf die Juden Hiebe und Verwundungen, und! der in zwei Straßen angesammelte Haufen der Kämpfenden drohte die Schlägerei in der ganzen Stadt zu verbreiten. Glücklicher» weise erschien noch im rechten Moment zahlreiche Polizeimann« schaft und der Exceß wurde beigelegt. Nur fand man es für nöthig, aus dem Haufen der Excedirenden zehn Inden herauSzngreifen und inS Criminal.Gefängniß zu sperren, und das Eigenthümlichste der Sache ist, daß selbst zahlreiche Christen schriftlich er« Härten, daß nicht einer der Eingesperrtcn sich am Kampfe betheiligt, daß vielmehr Christen es waren, die denselben provocirt hatten. Der hiesige Polizeipräfekt wollte sich eben wieder vor dem Minister Bratiano auSzeichnen und — Inden mußten abermals den Sündenbock abgeben. Doch den russischen Agenten ward diesmal noch die Suppe zu Waffer. Die an dem Todten vorgenommene Autopsie ergab angeb׳ sich Entzündung der Lunge und de« Hirns. Die Eingeweide wurden zur chemischen Analyse an de» Medizinalrath nach Bukarest eingesendet. London, 28. August. Derjenige Theil der liberalen Partei, welcher nach geschehener Lösung der Rcformfrage die Hände nicht in den Schooß legen will, sondern sich gedrungen fühlt, seinen reformatorischen Bestrebungen ein anderes Feld zn öffnen — und es giebt dieser Felder noch genug — wird in der Berbefferung der Zustände, in Beseitigung der Klagen Irlands eine würdige Aufgabe finden. Die irische Staaiskirche, trotz ihrer verhältniß« mäßigen Jugend ei» obsoletes Institut und der bei Weitem über« wiegenden Majorität der Insel von Herzen verhaßt, wird nun bald der rüstigei, Feinde genug auch im englischen Parlamente gegen sich erstehen sehen; haben doch selbst die LordS, welche in kirchlichen Angelegenheiten gewiß nicht der Neuerungssucht bezichtigt werde» können, eö nicht zu verhindern vermocht, daß ein Au«׳ schuß mit der Berichterstattung über die irische StaatSkirche, zwar zuerst nur vom finanziellen Standpunkte au«, beauftragt wurde. Sie haben damit schon zugegeben, daß etwa« faul sein inuß in der StaatSkirche Irlands. — Die wirklich greifbaren Fortschritte religiöser Emancipation, welche die vergangene Session aufzuwei׳ fen hat, sind leider schnell gezählt: der einen Theil der Mitbür« . ' \ ger beleidigende und in unserer Zeit geradezu verächlliche Zwang, der einer Anzahl von Staatsbeamten die Pflicht auferlegte, allerlei ״katholische Irrlehren", vornehmlich die Lehre von der TranSsubstantiation, abzju schwöre st, ist endlich fast ganz aufgehoben worden, wiswohl Liigstlich.prötestantischen Gemüthern noch die Beruhigung bleibt, daß wenigsten« der Lord-Statthalter von Irland den Eid noch leisten muß. Ein zeitgemäßer Antrag Hardcastle'S auf Abschaffung der Kirchensteuern wurde zwar vom Hause der Gemeinen mit erheblicher Mehrheit angenommen, doch blie« das Oberhau» ihm das Lebenslicht aus — nun schon zum dritten Male — und noch immer steht also ein großer Theil angeblich gleichberechtigter Staatsbürger unter dem Drucke, Abgaben an eine fremde GlaubenSgenoffenschaft entrichten zu müffen (was ja in Preußen bekanntlich auch noch der Fall ist). Es giebt Leute, die diese gezwungene pekuniäre Untcrstütznng einer ihren Grundsätzen nicht entsprechenden kirchlichen Gemeinschaft nicht mit ihrem Gewiffen vereinigen können, daher Zahlung verweigern, Prozeffe führen und schließlich ins Gefängniß wandern müssen, wovon noch kürzlich mehrere Fälle vorgekommen sind. Ob nun die Vertheidiger der obligatorischen Kirchenabgabe das Verhalten dieser Steuerverweigerer für thörichte Hartnäckigkeit er« klären, oder ob die Gegner der ungerechten Steuer die Gesänge« nc§l als Märtyrer hochherziger Charakterfestigkeit preisen — je« denfalls steht das fest, daß unleidliche Zustände vorhanden sind, die baldige Abhülfe erheischen. Profeffor Fawcett erkämpfte für die Dissidenten die Möglichkeit, an der Verwaltung der Uni« versitäten Oxford und Cambridge Theil zu nehmend Eine Frage von praktisch größerer Bedeutung regte Henry A. Bruce an, indem er in überzeugender Rede die Nothstände im Erzie« hungSwesen aufdeckte und die Erhebung einer allgemeinen Un« tichtSsteuer befürwortete. Eine Entscheidung de« Hauses erzielte er nicht, und cS mag auch für die Sache selbst von Nutzen sein, wenn sie einem reformirten Parlamente anheiinfällt, in wel« chem die entweder kurzsichtigen oder sophistischen Bedenken gegen die Einführung des. Zwangsunterrichts vielleicht weniger üppig wuchern. Warschau. Vom 1. k. M. ab erscheint hier eine jüdische Zeitung in polnischer Sprache unter dem Titel ״Jsralita." Wie man hört, wird das neue Blatt eine regierungsfreund» liche Tendenz haben. Zur Geschichte des Unterrichts der israelitischen Jugend in Wien. ' Von Dr. G. Wolf. (Schluß zu E. 278 ) Im Laufe der Zeit und der Verhältnisse wurde auch eine orthodoxe Fraktion an« der Erde heranSgestampft, und ein angebsicher Stimmführer derselben errichtete ohne Bewilligung der Be- Hörden eine Lehrschule. Der Wiener Magistrat sah sich daher veranlaßt, diese Schule, da sie nicht die gesetzliche Genehmigung hatte, als Winkelschule zu schließen, ES erging hierauf der Rekurs an da» damalige Unterrichts« Ministerium, welches sich bekanntlich mit außerordentlicher Vorliebe dey orthodoxen Bestrebungen unter den Juden zuwendete. Die Statthaltcrei, aufgefordert ihre Ansicht zu äußern, bemerkte, 13. Juli 1857: ״ .... der Umstand, daß sich die Wiener israelitische Kultusgemeinde dagegen aussprach und die Erwägung, vaß ein

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