Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 36 (6.9.1867)
- Date
- 1867-09-06
- Page
- Seite 283 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Berliner Wochenschrift für der 156 Rabbiner energisch eintralen? Warum hat nian sich damal» nicht verletzt gefundm, als wir die Aogendrehcrei geißelten? Warum ist man jetzt so empfindlich und wittert in allem nur Demonstrationen gegen eine unS ganz gleichgültige ^Persönfichkeit? Warum? Weil man verwundete Gemüther hat, weil man sichs nicht lenguen kann, daß man sich eine Achillesferse selber angesetzt hat, die man gegen die fliegenden Pfeile schützen will. r Hiermit ist auch geantwortet auf die Verdächtigung, als ob wir Herrn Di־. Güdemann, den wir mit Recht als den Urheber der famosen Berichtigungen betrachteten, nur aus persönlichen Rücksichten angegriffen hätten. Näher liegt wohl die Vermuthung, daß der Herr Einsender, der sich als einen Nicht-Orthodoxen bezeichnet, die Dertheidigung des Seminars unv seiner Zöglinge nur auS persönlichen Rücksichten übernommen habe. Brünn. An der am 25. v. M. stattgehabten Einweihung-- feierlichkeit der dortige» protestantischen Kirche hatte auch die iSraelitische CultuSgemeinde durch Anwesenheit ihrer Vorstände sich betbeiligt. ES verdient wohl diese Handlungsweise um so mehr Anerkennung, als von Seiten der ei «geladenen katholischen Geistlichkeit keine Betheiligung an der Feierlichkeit stattgefunden hatte. — Prag, 26. August. Nach den bekannten Excesscn gegen die Juden in Hostomitz, Horzöwitz, Schüttenhofen, Tmain u. s. w. wurde bekanntlich über die czechischen Kreise Böhmens der AuSnahmSzustand verhängt; derselbe war zur Zeit, als die preußischen Truppen in Böhmen einrückten, noch nicht üufgehoben, und in dessen Agenda hätte auch die am 10. Juli 1866 vorgekommcne ־ Plünderung eines JsraelitenhauseS in der czechischen Kreisstadt Rakonitz fallen sollen. Nach längeren Berathungen aber entschied man sich, in diesem Falle das gewöhnliche Gerichtsverfahren in Anwendung zu bringen. Die Schlußverhandlung hat heute begönnen und dürfte die ganze Woche andauern, da als angeklagt 26 Personen erscheine» und 36 Zeugen vorgeladen sind. Der Sächverhalt, auf dem die Anklage fußt, ist in Kurzem folgender: Der Einmarsch der Preußen wurde in Rakonitz mit jedem Tage erwartet. Da fiel mitten in die bange ängstliche Stimmung der Einwohner eine große Rekruten-AuShebung. Aus allen Gegenden des vom Feinde noch nicht besetzten Bezirkes strömten die jungen Leute in die Stadt, um affentirt zu werden. Da sie unter sich nur wenig jüdische Rekruten sahen, glaubten sie, daß den Juden hinsichtlich ver Affentpflicht Vergünstigungen gewährt worden seien; ein redegewandter Schneider versäumte nicht, den erhitzten Köpfen diesen Umstand so überzeugend als möglich darzustellen, und ein Bergmann, der früher bei der Gendarmerie gedient hatte, trat als Gesetzkundiger auf, um der Menge darzulegen, daß sie berechtigt sei, ein wenig die Häuser der Rakonitzer Juden zu plündern, und daß ihnen hierfür nichts geschehen dürfe. Diese Auslegung des Gesetzes wurde mit großem Beifall aufgenommen, und in Ausführung derselben wurde sofort vor dem Hause des MoseS Reiser Halt gemacht und aus demselben Speck und Branntwein herausgeschleppt. Ein einziger Stadtschütze aber, welcher mittlerweile herbeigekommen war, genügte, um die Rotte auseinander zu treiben, nachdem sie zuvor noch alle Fensterscheiben im Hause zertrümmert hatte. Am Ringplatze sammelte sich wieder die Menge und der Ruf: ״Ihr unglücklichen Ehristcn, ihr müßt mit Blut, die Juden aber mit Silber zahlen", erbitterte aufs Neue dieselbe und unter Wuthgeschrei zog sie vor das HauS deS Michael Perutz, von dort durch mehrere Gendarmen und Stadtschützen weggetrieben, drängte sie in den Laden des WeinhändlerS Stein, Jüdisch^ Angelegenheiten. 283 woselbst ihr ebenfalls durch Gendarmen und einige Einwohner der Stadt kräftiger Widerstand entgegengesetzt wurde. Der Haufe zog grollend ab und begab sich zum zweitenmale vor die Wohnung de»^ Michael Perutz. riß auf der Gaffe daS Pflaster auf, schlug mit den Steinen die Fenster sammt Rahmen und die von Innen versperrten Fensterläden ein. Perutz hatte sich schleunigst mit Weib und Kindern über den Hof in daS HauS des Dr. Trojan geflüchtet und stieg dann in die Wohnung und den ansto« ßenden Laden, öffnete die von! Innen verriegelte Ladenthür und ließ das übrige Gesindel, welches schreiend und johlend auf der -Gaffe stand, in den Laden ein. •' Nu» wurde Alles im Hause in Stücke geschlagen, der Branntwein aus den Gefäßen auSgelassen, der Rosoglio-Dorrath nebst Kleidungsstücken, Barschaft und Werthsachen gestohlen. Der angerichsete Schaden beziffert sich auf 1572x fl. Die Anklage lautet auf daS Verbrechen der öffentlichen Gewaltthätigkeit und da» Verbrechen de» Diebstahls. Beider Verbrechen sind fünf Angeklagte beschuldigt, sechs Andere sind bloS der öffentlichen Gewaltthätigkeit, acht bloS de» Diebstahls und die Uebrigen der DiebstahlStheilnehmung angeklagt. DaS Verhör beginnt mit dem Hauptangellagten Anton Horn. Derselbe, ein junger, stämmiger Mensch, erklärt, er sei deshalb auf die Juden gegangen, weil er geglaubt habe, sie seien an der Niederlage bei Königgrätz Schuld, ״lind jetzt," ruft er, ״hätte ich auch noch affentirt werden sollen. Ich gebe keinen Tropfen meines Blutes für die ganze Iudcnschaft OesterreichS her." Peter Hwezda, einem alten Manne, fällt unter Anderm zur Last, den Leuten zugeschrieen zu haben: ״Kommt nur, kommt auf die Juden, wir haben keinen Kaiser mehr, wir dürfen thun, was wir wollen." ״Nein, daö habe ich nicht gesagt," spricht der Angeklagte, ״ich habe doch selbst meinem Kaiser 18 Jahre gedient. Man gebe mir nur gleich den Galgen, ich will ihn haben, aber man sage mir nicht, ich hätte gegen meinen Kaiser etwas gesprechen." Der Beschuldigte Anton Horn erzählt, er sei gegen die Juden zur äußersten Wuth aufgestachelt worden, als man gerufen habe: ״Ihr unglücklichen Christen, Ihr müßtS mit Eurem Blute, die Juden aber branchcnS nur mit ihrem Silber zu zahlen." ״Ich," spricht der Angeklagte, ״gebe auch nicht einen Tropfen meines Blutes für die ganze Iuvenschaft Oesterreichs unisonst her; soll ich statt der Juden affentirt werden, so sollen die Juden dafür eS büßen, ohnedies sind sie allein an der Niederlage bei Königgrätz ־Schuld." Vom Präsidenten befthrt und auf da» Rechtswidrige seiner damaligen Handlungsweise,wiederholt ans« merksam gemacht, erwiderte der Angeklagte: ״Ich bin mit den Rechtsverhältnissen des Landegenau bekannt. Als wir an den Juden Vergeltung übten, war ein Gesetzkundiger unter uns, dieser machte uns klar, daß wir berechtigt seien, über die Juden zu gehen." Der Präsident fragt, wet jener Gcseykundige gewesen sei, der Angeklagte sagt: der gewesene Gendarm Macak. Dieser Beschuldigte wird nun vorgerufen; derselbe war früher Gendarm, einer Veruntreuung wegen wurde er aber ausgestoßen und in die Linie eingereiht. Später wurd er vom Militär mit Abschied entlassen. Er leugnet, die Anderen aufgeforderl zu haben, über die Juden zu gehen, auch der Beschuldigung, als habe er Kleider aus dem Schranke de« Perutz genommen, setzt er entschiedeneS Leugnen entgegen. Horn behauptet, Macak habe den feinsten Rock auS dem Schranke geholt und ihn angezogen. Derss*