Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 35 (30.8.1867)
- Date
- 1867-08-30
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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*afiatt Wochenschrift fix Iidisch« Lagelegenheit«. 27T r meine Bildung der israelitischen Jugend fördern möchte, als die« in den bestehenden Volksschulen der Fall ist. Man verhehlte sich nicht, daß die israelitische Volksschule zumeist von armen Lindern besucht würde, da wohlhabende Ellern nach wie vor für ihre Linder, die sie im zartesten Alter nicht außer dem Hause schicken wollen — abgesehen von den Borurtheilen, die in vielen Kreisen über den Besuch der Volksschule im Allgemeinen und einer jüdischen Volksschule insbesondere herrschen — Hauslehrer und Erzieher haben möchten; doch meinte man, daß die Wiener Gemeinde dann um so mehr die Pflicht hätte eine derartige Schule zu errichten. Die Wiener israelitische Gemeinde giebt jährlich sehr bedeutende Sum« men zur Linderung der Armuth auS. Es würde jedoch der Ar« muth am besten gesteuert werden, wenn man der Jugend das Lapital des WisseyS zuführen möchte. ES wurde ferner darauf hin« gewiesen, daß so viele Parteien auf religiösem Gebiete es auch unter den Juden giebt, so befürworten doch sämmtliche Stimm« führer derselben, in.so weit sie in den verschiedenen jüdischen Journalen zum Durchbruche kommen, die Errichtung jüdischer Schulen. Als fernere Beweise für die Richtigkeit dieser An« fchauung wurden die jüdischen Volksschulen in Berlin, Hamburg, Pari« rc. angeführt. Trotzdem die Protestanten in Oesterreich auch nicht politisch auf Rosen gebettet waren, hatten die Beken« ner dieser Eonfession nichtsdestoweniger ihre eigene Volksschule in Wien rc. Man verschloß sich ferner nicht der Thatsache, daß auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes weit Ergiebigeres geleistet werden könnte, wenn eine jüdische Volksschule errichtet werden möchte. Wie die Berhältnifle jetzt sind, fallen für den Religionsunterricht diejenigen Stunden des Tages auS, während welcher in den Dollsschulen nicht unterrichtet wird und diese sind eben nicht die paffendsten. So sehr es auch erwünscht wäre, daß die Kinder mehr al» drei Stunden in der Woche Religionsunterricht genössen, so ist das doch jetzt nicht zu bewerkstelligen, da sie ohnedies viel Zeit mit dem Hin- und Hergehen zur und von der Religionsschule vergeuden. Wir können nicht sagen, daß die Idee der Errichtung einer Volksschule von sämmtlichen Mitgliedern de» Vorstände» mit Akklamation ausgenommen wurde; eS war vielmehr eine bedeutende Opposition gegen dieselbe vorhanden. Man hielt die politische Stellung der Juden in Oesterreich noch nicht so gut und so be« festigt, daß man unbekümmert auf die bestandene geistige Güter« gemeinschaft in der Volksschule verzichten wollte. Immer fürchtete man, daß dem Separatismus dadurch neue Nahrung geboten würde. E» wurden noch andere Bedenken geltend gemacht. Man fürchtete durch die Errichtung einer jüdischen Volksschule dem Jargon freien Spielraum zu gewähren. Und wenn auch da» Wiener Patoi» nicht die Sprache Göthe'S und Schiller'» rc. ist, so zieht man doch da« ״Lerchenfelderdeutsch" dem jüdischen Jar« gou vor rc. Trotz der Opposition war jedoch die Verständigung über diese Frage nicht ausgeschlossen. Ein Erlaß der med.-österr. Statthalterei vom 2. Mai 1854, welcher den Vorstand zur Errichtung einer Musterschule auffor« derte, machte die Vertheidiger der Idee stutzig. Man fürchtete nun, man werde die jüdischen Kinder au» den christlichen Schu« len weisen. Der Vorstand begann daher sich gegen diese Auffordemng zur Wehre zu setzen. Auf den Rekurs de» Vorstandeerfolgte ein Erlaß de« damaligen Unterrichtsministers Grafen Thun, der gewiffermaßen in barschem Tone forderte, daß die Gemeinde zwei Volksschulen errichte. Inzwischen wurde auch der ״unselige Vertrag", da» Courordat abgeschlossen und die eif« rigsten Vertheidiger de« Projrcte« einer i«raelitischeu Volksschule hielten sich verpflichtet, gegen dasselbe unter den gegebenen Um» ständen zu kämpfen. Die Trennung der Schule vorder Kirche wurde da« allgemeine 8osung«wort und da war zunächst an die Errichtung einer jüdischen Volksschule nicht zu denke». Der Vorstand recurrirle daher gegen de« Ausspruch de« Mi« nister« au den Kaiser in einem Gesuche de dato 13. Novem« ber 1866. Da» Gesuch wurde von Sr. Majestät signirt. Die noth» wendigen Erhebungen darüber wurden sofort eingrleitrt und die Vorlagen der Unterbehörden warey schon im August 1857 bei dem Unterrichtsministerium eingelaugt. Den Grafen Thun schie« nen aber die angeblichen religiösen Spaltungen in der Wiener israelitischen KultuSgemeinde abgehalten zu haben/ eine» Bericht über diese Schulangelegenheit an Se. Majestät abzustatten. (Bekanntlich trug sich der ehemalige Unterrichtsminister mit dem Gedanken die Juden auch mll einer Art von Eoncordat zu be« glücken.) Da» Unterrichtsministerium hatte seine Anforderung, daß die israelitische KultuSgemeinde in Wien zwei israelitische VolkSschu« len errichte, durch die Hinweisung auf den L. 465 der politischen Schulverfassung, nach welchem die Juden dort, wo sie keine eige» nen Schule» haben, ihre Kinder in die christlichen Schulen schicken sollen, begründet, indem durch diese gesetzliche Bestimmung die Errichtung israelitischer Volksschulen durchaus nicht auSgeschloflen sei. Die Vertreter, der Wiener Magistrat und die niederöster« reichsche Statthalter« sprachen sich dahin aus, daß der A. 465 den israelitischen Kindern den Besuch der christlichen Schulen ge« statte und die Einrichtung in Wien, wo die israelitischen Kinder immer in den christlichen Schulen Aufnahme gefunden hatten, an« standSloS fortbellehen könne. Namentlich hat die Statthalterei jene gesetzliche Bestimmung wiederholt dahin interpretirt, daß Judengemeinden gegen ihren Willen zwangsweise nicht verhalten wer« den können, eigene confessionelle Schulen zu errichten. Erst al» da» Wiener fürsterzbischöfliche Consistorium zur Wahrung der confes« sionetten Interessen der katholischen Volksschulen Wien'» für die Errichtung israelitischer Volksschulen sich aussprach, pflichtete die Statthalterei diesem Ausspruche bei, jedoch mit der Beschränkung, daß zu den erforderlichen Kosten die Stadtgemeinde Wien beizu« ziehen sei, weil die israelitische Bevölkerung gleich allen andern Einwohnern zur Beitragsleistung für Communalzwecke und somit auch für den Aufwand der katholischen Volksschulen in'S Mitleid gezogen werde. Während diese Verhandlungen schwebten, begann die Regie« rung einen eigenthümlichen Weg einzuschlagen. Sie hatte bis da« hin, um dem vorhandenen Bedürfnisse zu entsprechen, mehreren Pädagogen, die darum gebeten hatten, die Conccssion zur Errich« tung israelitischer Lehr« und Erziehung-institute gegeben. Diese Herren hatten nicht blo» die Belege beigebracht; daß sie die Pä« dagogik absolvirt, sondern daß sie auch einen gewisicn Grad her« vorragender wiflenschaftlicher Bildung erlangt und sich die Achtung angesehener Familien erwerben haben. Seit jener Zeit wurde die Regierung in dieser Beziehung minder skrupulös und concesstonirte auf liberalster Basis. Nun haben wir am allerwe« nigsten etwagegen den Liberalismus der Behörden einzuwenden; aber auf diesem Gebiete gilt ein aut aut. Entweder der Unter« richt wird ganz frei gegeben, wogegen wir nichtrinzuwenden haben. In England und Nordamerika z. B.. wo diese« System herrscht, steht man ans einer höheren Stufe der Bildung, al« in Oesterreich. In solchem Falle wissen die Eltern, daß nicht da« Auge der Behörde sür sie wacht und sehen sich daher genöthigt.