Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 35 (30.8.1867)
- Date
- 1867-08-30
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Die Gegenwart. / gen können? Ich kenne die Einrichtungen der Charit«, mir ist nirgend eia aufgeschriebener Bibelspruch begegnet. In einzelnen Sälen sind hübsche Holzschnitte au« dem Berlage de« ״rauhen Hauses" aufgehängt. Mir sind auch au« dem katholischen Krankenhause keine solche ״tröstende Bibelsprüche" bekannt. Abgesehen von der Frage, ob e« ästhetisch/zu rechtfertigen sei, eine Wand mtt einer Reihe von großen Buchstaben zu bemalen, wa« in aller Welt sollen diese ״tröstenden Bibelsprüche"? Einem ThphuSkranken, Jemandem der an einer schweren Gehirnkrankheit darniederliegt, fehlt ja da« Bewußtsein, wa« sollen dem die Bibelsprüche? Wird ein Mensch von entsetzlichen Schmerzen gequält, so pflegen Bibelsprüche den Schmerz nicht zu mildern. Dafür empfiehlt sich eine subkutane Morphiuminjection viel bester. Bleibt der ReconvaleSceut. Für den sind allerdings ״tröstende Bibelsprüche" , pastend. Aber der wird auch ohne die äußere Ermahnung seinem Schöpfer für die wiedererlangte Gesundheit danken, wenn er in seinem Gemüth dazu die Lust verspürt. Wo nicht, da sind auch alle ״tröstenden Bibelsprüche" umsonst hiageschrieben. Einen Zweck erreichen solche mit ״tröstenden Bibelsprüchen" vollgespickten Wände; sie bringen einen gewisten pietistischen Geruch in'« Haus, wie dies auch wirklich in einer andern jüdischen Anstalt Berlins in eklatanter Weise der Fall ist. Wie aber wird diese Forderung nach ״tröstenden Bibelsprüchen" begründet? Man höre. ״Aber sehet die Aufschriften christlicher Kirchen, den Inhalt so vieler von den ersten Meistern in Musik gesetzten und dort (in den Kirchen) benutzten Gesänge, ob solche nicht fast regelmäßig, zum Theil wenigstens dem alten Testamente entnommen sind." Das Pathos in diesem. Satze ist wirklich ganz ohne Ursache verbraucht. Von Krankenhäusern war die Rede und nicht von Kirchen. Wa« in aller Welt soll eS nun gar mit der Erwähnung der Kirchenmusik und den ihr untergelegten alttestamentlichen Texten? Bei diesem mit Verlaub ganz unberechtigten Satze hat es aber noch nicht sein Bewenden, denn in voller Entrüstung macht sich das gekränkte jüdische Herz Luft: ״also dort Hochachtung vor unseren Glaubenswahrheiten und bei unS die Besorgniß, dadurch Anstoß zu erregen." Das q»i pro quo ist einleuchtend, aber in dem löblichen Eifer für die gute Sache ist e» unvermerkt der Feder entschlüpft; konsequent kommt man dadurch zu einem falschen Schluß und zu einem wirklich unbegründeten Borwurf. Wenn aber Alles zugegeben würde, was in dem Aufsatze als zum konfessionellen Charakter eine« Krankenhause« gehörig, gefordert wird, so kann doch nicht geleugnet werden, daß in andern Krankenhäusern dieser ״ungescheute confessionelle Charakter" auch nicht vorhanden und dieselben gleichwohl in blühendem Zustande sich befinden. Und ist ein solcher AuSdruck vorhanden, so ist er sicher nicht in der Weise ausgesprochen, wie es in dem Aufsatze gewünscht wird. Daß da» jüdische KrankenhauS nicht so vielfach in Aufnahme kommt, kann also nicht in dem Mangel eines in schriftlich ausgedrückten konfessionellen Charakters liegen, denn einmal steht e» den übrigen Berliner Krankenhäusern auch nicht gleich an die Front geschrieben, welcher Confessio״ dieselben angehören und dann trägt ja das jüdische Krankenhaus zur Genüge einen ganz ausgesprochenen confessionrllen jüdischen Charakter. Der zweite Grund, der in dem Austatze angeführt ist, klingt schon viel gewichtiger Und ist anscheinend eine genügende Erklä« rung für die geringe Frequenz des Krankenhauses. Aber doch nur scheinbar. Denn welche Commune der Welt baut wohl ein Krankenhaus in Rücksicht auf etwaige arme iRrantc aus andern Städten? Gewiß soll man den fremden Kranken ohne alle Schwierigkeit Aufnahme gewähren in den betreffenden städttschen Anstallen, aber da« ist doch wirklich zuviel gefordert, in Souderheit die Aufnahme der auswLrtigen Kranken,-zu erleichtern, blo« um die Krankenbetten nicht leer stehen zu lassen! Da« jüdische Krankenhaus ist auf 100 Betten eingerichtet und wenn davon 12, also 12 pEt. für fremde Kranke bestimmt sind, so ist auch dieser Forderung vollauf Genüge geschehen. Sicherlich ist hier da- Berhiltniß für die fremden Oranten günstiger, al« e« irgend anderswo der Fall. Sollte e« wirklich einmal Vorkommen daß der arme Jude Hunderte von Meilen sich hierher bettelt um sich für innere Kraukhellen der Hülfe eine« Berliner jüdischen Arztes oder für äußere ddr Wirksamkeit und dem Jnstrumente eines jüdischen Operateurs zu unterwerfen, oder sollte sich ein anderer armer Jude ״halbtodt nach Berlin trän«- portiren lasten", dann werden ihm die Vorsteher de« Krankenhause« auch Aufnahme gewähren, dann werden diese verhungerten, kranken und armen Glaubensgenossen nicht hilflos in Berlin herumgehen. Wann hat sich wohl etwa« Aehnliche« ereignet? Auch in diesen humanen Dingen sollte man doch endlich einmal die Solidarität der GlaubenSgenoffenschaft aufgebeu., ES wäre wirklich an der Zeit. Der arme polnische Jude flößt mir kein Mitleid ein al« Juded sondern als hülfsbedürstiger Mensch. Diese solidarische Verpflichtung der Liebe hat immer nur schlimme Folgen getragen. \ Ich glaube vielmehr, die geringe Frequenz des jüdischen Krankenhause« hat einen ganz andern Grund. Ich meine der Grund liegt in einem alten tief eingewurzelten Dorurtheil gegen das Hekdesch, von welchem sich die wenigsten Juden bisher ftei machen konnten. Ist die» erst geschwunden, dann werden die 100 Krankenbetten schon belegt sein. Aber man stößt ja bei jüdischen Armen auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten, wenn es sich um Uebersiedelung de« Kranken in ein Hospital, und gar in ein jüdische- HoSpital handelt, ES ist daher die erste ׳ und dringendste Aufgabe der jüdischen Aerzte Berlins, diese- Vorurtheil gründlichst zu bekämpfen, womöglich zu zerstören; und ist die» gelungen, dann wird eS keiner Aufschriften, keiner tröstenden Bi« belsprüche, keiner absoluten Freizügigkeit armer polnischer Juden bedürfen, um das Krankenhaus mehr in Aufnahme zu bringm. Kaftan. Zur Geschichte -es Unterrichts -er israelitischen Fugenin Wien. Bon vr. G. Wolf. " (Fortsetzung zu S. 269.) Noch einer Verhandlung wüsten wir gedenken, bevor wir diese Skizze schließen. Wir haben bereits wiederholentlich bemerkt, daß die Regie« rung wünschte, eS mögen die Juden in Wien eine israelitische Volksschule errichten. Am Iß. Oktober 1821 und am 21. Mai 1822, legte die Polizei-Oberdirektion im Auftrag der niederösterreichischen Regierung den Vertretern der Israeliten diese Angele« genhell neuerding» anS Herz. Wieder wurde die Sache höflich aber entschieden abgelehnt. Nachdem in Folge der politischen Ereigniffe im Jahre 1848 die Wiener israelitische Kultusgemeinde einen außerordentlichen Zuwachs erhalten hatte, wurde die Frage im Schooße deS Vorstandes im Jahre 1854 angeregt. ES wurde von allen Seiten anerkannt, daß eine jüdische Volksschule, welche vom Vorstande der Wiener iSraelillschen KultuSgemeinde in- Leben gerufen würde, entschieden mehr die allge-