Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 34 (23.8.1867)
- Date
- 1867-08-23
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4889892-5434108-5434178--316-4890168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
266 Die QkgtnttarL Puffe# zu den kirchlichen Angelegenheiten, mögeit den Dorffelst»- gen des ungarischen Kirchenfürsten den gehörige« Hochdruck vedliehen haben. Man findet e# in Rom daher gerathen, nach Ungarn hin die Segel etwa# einzuziehen. Man scheint aber auch erkannt zu haben, daß die 3vee des ^,katholischen Oesterreich" auch diesseits der Leitha nicht mehr mit ursprünglicher Schroffheit dem Sturm der Geister entgegengehalten werden kann. Im Punkte der Misch- Ehen dürfte man daher die Eurie heute schon etwazugänglicher finden. Borausgesetzt gewiffe Reserven hinsichtlich der Erziehung im Allgemeinen und speziell der religiösen Erziehung der au# Misch-Ehen entstehenden Nachkommenschaft, scheint man in Rom bereit zu sein, da# Sacrament der Ehe zwischen Katholiken und Nichtkatholiken zuzugeben. v Hingegen scheint man den Einfluß auf die Schulen um keineu Preis aufgeben zu wollen. Um die Herrschaft über den Geist der Jugend dürfte sich daher der Kampf zwischen Staat und Kirche am heißesten entspinnen. Galaez, 6. August. Mit dem heute Morgens hier aus Konstantinopel angekommenen Dampfer ״Normanby" langten sieden Israeliten, versehen mit ordentlich, gehörig vidirten Reisepaffen an; unter diesen befanden sich zwei k. k. Unterthanen, NamenS Jankiel Klein und Salomon Faingold, die durch die Moldau nach Galizien reisen wollten; der Eintritt wurde ihnen verboten und der Hafen-Offizier verwehrte ihnen den Austritt aus dem Schiffe. Vergebe»# beriefen sich die Leute auf ihre theils k k. österreichischen, theils türkischen makellosen Reisedokumente. Der Offizier sagte scherzend den Leuten: ״Es ist doch viel vernünftiger, ihr bleibt auf dem Schiffe, als daß wir euch in die Donau werfen." Als dem k. k. Eonsul Herrn v. Aremer berichtet wurde, wie die rumänischen Organe die k. k. Reisepäffe refpekliren, begab er sich persönlich zum Hafen, langte aber zu spät an, da der Dampfer mit diesen sieben Paffagieren nach Braila abgegangen war. Wie sehr solche Willkür dem österreichischen Handel schadet, bedarf keines CommentarS, und was würde die rumänische Nation sagen, wenn an der österreichischen Grenze Rumänier, mit rumänischen Paffen versehen, zurückgewiesen würden? — Wie wir hören, hat der k. k. Eonsul gegen diese Willkür protestirt und Genugthuung verlangt — ob eS etwas helfen wird, bleibt dahingestellt; wahrscheinlich wird der Präfekt, wenn er von seiner Regierung darüber befragt wird, durch Lüge und Entstellung der Wahrheit sich au« der Affaire ziehen. Ist ja auch über die früheren Gräuelthaten auf die unverschämteste Weise gelogen und berichtet worden, und ließ sich LupaSko von dem IudenverfolgungS-Club Dankadressen für seine Energie und seineu Patriotismus votiren. Ungeachtet aller Gegenversicherungen werden Juden nicht nur auf dem flachen Lande, sondern auch hier auf öffentlicher Straße insultirt, und wenn sich so Einer bei der Polizei beklagt, so wird er von den Organen derselben dort erst recht mißhandelt und, um diese Gemeinheit zu beschönigen, auf 24 Stunden eingesperrt. Wenn diese Grausamkeiten nicht von Oben herab angeordnet wären, würden sich die subalternen Beamten solche« doch nicht erlauben.1 Wenn wir die täglich hier vorkommenden Grausamkeiten aufzählen wollten, würden diejenigen, welche das Glück haben, in civilifirte» Staaten zu leben, es sicherlich nicht glauben wollen. — Kowor», I I. August. Der hiesige israelitische Prediger wurde vorgestern ins Komitathau# beschieden, um einem Israeliten, Herrn Karl Neuschloß au# Pest, den Eid nach jüdischem Ritu# abzunehmen. Al# Herr Neuschloß, der Nothwendigkeit folgend, zur Eidesleistung schreiten wollte, trat der Prediger Rabbi GeGötzer vortzen Bkzegespa» Ordodh hin und führte in kräftigen, beretöen Woeden au#^. qie er stet# nur mit Widerstreben einer solchen Aufforderung gefolgt sei, weil er gleichsam die Hand zur Zurücksetzung seiner eigenen Konfession biete. ״Heißt e# nicht," sagte Herr Schnitzer unter Anderm, «Me Ehrenhaftigkeit de# I#- raeliten in Zweifel ziehen, wenn man besten Eid uur dann für wahr hält, wenn sein Priester ihm Furcht einlagt? Erkennen wir nicht alle Gott, den Schöpfer de# Weltall# an? Im Namen diese# AotteS beeiden Sie ihn! Ueben Sie einen Akt der Freisinnigkeit und anticipiren Sie da« Gesetz der Gleichberechtigung, da# die Zukunft bringen wird, bringen muß." Der Bicegespan gab mit freundlichster Bereitwilligkeit diesem Ansuchen Folge, und wurde Herr Neuschloß ebenso wie die Mitglieder anderer Aonfessionen von dein Richter in ungarischer Sprache vereidigt. Lemberg, 8. August. Unsere Regierung fängt bereit# seit einiger Zeü an, sich mit der Revision nnd Verbefferung der jüdischeu Schulen, iu denen der Unterricht noch sehr im Argen liegt, eingehend zu beschäftigen. Diese Maßregeln stoßen jedoch auf einen heftigen Widerstand Seitens der orthodoxen Juden, die allen neuen Einrichtungen, mögen sie auch noch so vortheilhaft sein, abhold sind. In diesen Kreisen hat da# Ministerialreskript, wonach der Unterricht und Borttag de# Talmud nur an solchen Pri- Vorschulen zulässig ist, an denen die Lehrer einen vollständigen pädagogischen Kursus durchgemacht, die Schüler wenigsten# 12 Jahre alt sind und bereit« den Unterricht bei einer Volksschule absolvirt haben, nicht geringen Unwillen hervorgerufen. Voraussichtlich wird jedoch dieser Widerstand die Behörden nicht abhatten, in der Ersetzung der rein auf Verstandesbildung berechneten Talmudschulbildung durch eine zweckmäßige den jetzigen Ansprüchen de# Leben# entsprechende Schulbildung energisch vorzugehen. In dem Städtchen Zloczow hielt der jüdische Geistliche Löwenstein aus unserer Stadt einen Trauergottesdienst für den Kaiser Maximilian ab. Unter Anderem sprach er über da# gegenseitige Berhältniß der Polen und Juden, gedachte ihrer beiderfettigen nationalen Größe und ihre« späteren Falle«. Die elfteren erntahnte er zur Einigkeit, den letzteren legte er es warm ans Herz, auf dein Wege de« Fortschritt# zu bleiben mtb mit kindlicher Liebe da« Land zu umfaffen, in dem ihre Vorfahren ein gastliche« Asyl gefunden. London, 10. August. Weitere parlamentarische Aktenstücke über die Judenverfolgung in den Donaufürstenthüinern thxilen eine Unterredung mit, die der britische Konsul, St. Clair, am 27. Juni mit dem nach Jaffy gekommenen Fürsten Karl hatte. Er ttug dem Fürsten vor, daß am 24. Juni mehr als 200 Juden geschlagen und mißhandelt worden und daß einige dreißig, die Spuren der Unbilden an sich tragend, Haar und Bart versengt und zerzaust bei dem britischen Eonsul erschienen seien. Der Eonsul sah eine Jüdin, die vou einem Soldaten einen Bahonnetstich in den Arm erhalten, weil sie ihn zu verhindern suchte, ihren Gatten zu mißhandeln. Fürst Karl versicherte, er sei entschloffen, dem Treiben Einhatt zu thun und die Schuldigen stteng zu bestrafen. Am 28. Juni schreibt der Eonsul, die betheiligten Offiziere seien in Arrest und sähen ihrer Bestrafung entgegen. Er habe dem Fürsten jedoch die Besorgniß ausgedrückt, daß nach deffen Abreise nach Jaffy die Sache wieder ihren früheren Gang gehen werde: die Behörden seien schwach oder pflichwergeffen und da« Volk keineswegs für ein» impottirte europäische Eonstituttou geeignet. Die bereit# gemeldete Brutalität in Galacz rief unter den fremden Eousuln allgemeinen Unwillen hervor, sie vereinigte« sich zu einem Proteste und der englische machte der jüdischen Bevöl-