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Die Gegenwart · 1867-08-16 · 33 (16.8.1867) · p. Seite 263

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
33 (16.8.1867)
Date
1867-08-16
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
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Berlin« Wochenschrift fttr Iftdksch« Xagd<ga$dtaL Wort bcr Liebe nur ein Gleichniß für die BervollkommnungSfähigkett der Menschennatur. O, so gebt deon doch auch, ihr «posiel der Weltseele, de- Kosmos, der organischen Idee, daß sie auf. höre, un» ein Phantom zu sein, daß sie dem Ringen unstre- Gei« sie» nach freier Selbstbestimmung eine hilfreiche, eine Menschen« freundliche, eine humane Stütze perdel Da» Wesen de- Mate, riali-mu» muß sich zum Verstäiidniß der Idee de- OrganiS« muerheben, um die praktische Erziehungsmacht der Humani« tätS-Jdee zu erzeugen!" Diekönnte genügen, um dem Leser die edle Denk- und Rede-Weise de- «utorvorzuführen, und ihn zu veranlasien, sich in den Besitz eine- Buchezu setzen, danach Form wie nach Inhalt in der flachen Wüste unserer modernen Literatur aleine erfreuliche Oase dasteht. Allein wir können unnicht versagen, dienoch deutlicher dadurch hervorzuheben, daß wir einen Theil von dem wiedergeben, was Herr Dr. Boruttau über Rel i« gion, Kirche und Kultus sagt. Der Wortlaut degestellten Thema-, einer Besprechung der Gewissensfreiheit, enthält die Behauptung, daß ״die Religion 'gleiche Freiheit mit Kunst und'Wissenschaft erfordere, da der Gläu« bige, der Künstler, der Gelehrte nur von ihrer moralischen indi« viduellen Ueberzeugung abhängig seien, daß jede Einmischung der Autorität und der Gewalt in Religions-Angelegenheiten unrecht und tyrannisch sei, daß keine Regierung da- Recht habe, irgend welchen Kultus vorzuziehen oder ihn aufzudrängen," und es scheint audiesen Aeußerungen unzweifelhaft, daß die Gewissensfreiheit mit ganz besondergenauer Rücksicht auf Religion und Kirche einer wissenschaftlichen Untersuchung unterworfen werden soll; es soll eine Befreiung de- Kultus von dem Zwange der Administra. tion angebahnt werden. ES wird, um eine Berständigung über diesen Gegenstand unserer Untersuchung über Wesen und Bede», tung der Religionsfreiheit zu ermöglichen, unerläßlich sein, uns einer eingehenden Prüfung der Begriffe von Religion und Kirche gegenüber dem Begriffe von Gesellschaft und Staat hinzugeben. In der Thal ist die Analogie in dieser Zusammenstellung eine vollkommene; denn der Staat ist eben nichtanderes, als die Form gegenüber dem Inhalt de- Lebender Gesellschaft: dapolitische ist der formelle Ausdruck des socialen Lebens. Ebenso ist die Kirche nichtanderes, als die Form gegenüber dem Inhalt dereligiösen Leben-: dakirchliche Leben ist der Ausdruck deS religiösen. ES wird unnicht erlaffen werden dürfen, das Gegenseitigkeitöverhältniß deS kirchlichen und staatlichen Lebeneiner eingehenden Untersuchung zu unterziehen. An dieser Stelle aber sei davon Abstand genommen, um zunächst den Begriff der Religion in genügend klare- Licht zu setzen. Da- Wort ist bekanntlich ein lateinische-, uud zwar ein in tropischem, in übertragenem, in bild. lichem Sinne gebrauchte-, indem es ursprünglich die Vorstellung des Binden», des GebundenseiuS, des Bundes enthält. Die Vorstellung de- Bundeaber setzt eine Zweiheit voraus und zwar nach dem gewöhnlichen Sinne deS Wortes eine Zweiheit von Per« sonen: die dem Worte ״Religion" zu Grunde liegende Börstellung ist eine dualistische. ES fragt sich, welches sind die verschiedenen Persönlichkeiten, ' die nach der Vorstellungsweise der Religion als in einem BundeSverhältniß zu einander stehend gedacht werden sollen? Im Hinblick auf die durch die Weltgeschichte n»S überlieferten Religions-Dokumente können wir um die Antwort nicht verlegen sein; denn eS ist eben bisher noch keine Religion entstanden, deren Gottesbegriff nicht den der Persönlichkeit in sich geschloffen hätte. In dieser Beziehung besteht kein Unterschied zwischen dem PolytheiSinu» und dem Monotheismus, kein wesentlicher Unterschied in dem Grundtone der verschiedenen Färbungen, »«S welche durch Nationalität uud Geschichte, durch Oertlichkeit nad Zeit den thristischen Glaubensbekenntnissen der Völker eigenthü«. llch sind. Dir Rvthwendigkeit einer vollkommen klaren Berstäudigung in diesem Punkte möge eS entschuldigen, wenn hier bei der Definition von Begriffen, die in aller Welt Munde sind, au»führ. licher verweilt wird, als e» Manchem wünschenSwerth oder nothwendig erscheinen könnte. E« ist wahr, daß die Sonne keine Person ist; wenn aber der Feueranbeter sich mit der Bitte an sie wendet, die Wohlthaten de- Lichte- und der Wärme seinem Acker, seinen Saaten zuzuwenden, so ist sie ihm eine Person. E» ist wahr, daß es keinen Teufel giebt mit Hörnern, Schweif und Pferdefuß, daß eine solche Persönlichkeit nicht in Wirklichkeit existirt; demjenigen aber, der gegen die Macht des Teufels gewisse Vorkehrungen trifft, durch welche mißliebige Einwirkungen mensch« licher Persönlichkeiten zu hintertrieben werden pflegen, für ihn, für seine Vorstellung ist der Teufel eine Person. Es ist wahr, daß der Begriff der Persönlichkeit eine Abstraktion drmenschlichen Organismus ist, mithin eine Persönlichkeit außerhalb der menschlichen Erscheinungswelt stehend nicht gedacht werden kann, und dennoch ist der außerweltliche, der überirdische dreieinige Gott der christlichen Kirche den Anhängern dieser Lehre eine Person. E» ist nothwendig, sich darüber klar zu werden, daß eein ganz unwesentlicher Unterschied sei, ob man sich die einzelnen Funktionen demenschlichen Organismus, wie Intelligenz, Liebe, Muth, Kraft, Verstand, Güte, Wohlwollen, einzeln personificirt, wie e» die heidnische Dogmatik der antiken Völker gethan; oder ob man sich die Gesammtheit der organischen, geistigen Funktionen de» Menscheu unter dem Bilde einer Persönlichkeit zusammenfaßl; der Anthropomorphismus ist ein und derselbe. Es ist gleicher Götzendienst, der vor diesen Bildern der Phantasie sich ängstlich bittend zu Boden wirft, gleichviel ob diese Phantasiebilder durch da- Mittel der Kunst äußerlich dargestellt werden oder nicht. Die Gefahr bleibt darum doch dieselbe, und auf jedem Blatte der Geschichte, in jeder Stunde deö täglichen Lebens sehen wir da- Un» heil dieser Gefahr sich wiederholen, daß der von diesem Aberglauben befangene Mensch, um sein BundeSverhältniß mit jenen fingirten Persönlichkeiten zu wahren, durch die Beschönigung dieseS vermeintlich über Alles ncthwendigen FreundschaflSbundeS seine wahrhaft humanen Pflichten, seinen Bund, sein Freundschaft-- verhältniß mit seinen Mitmenschen, mit seinen Brüdern und Schwestern verletzt. Da» religiöse Band wird so zu dem OrdenSbande einer unter dem mächtigen Schutze jener fingirten Persönlichkeiten sich sicher dünkenden Raubritterschaft. ״Was kehr' ich mich an den Fluch. waS an den Haß, an die Verachtung oder Gleichgültigkeit der ohnmächtigen Menschheit", so lautet die Entschuldigung jener Gläubigen, ״habe ich doch Alles gethan, um mich der höchsten, mich sicher bergenden Gunst meines Gottes auf dieser und in jener Welt zu versichern." So sehen wir Krieg führende Völker, während sie sich gegenseitig zerfleischen und ihre theuersten Güter zu zerstören und zu zerreißen bestrebt sind, mit gleich angelegentlicher Bitte den Beistand ihrer besondern persönlichen National-Gottheiten erflehen. Und die Theologie, berufeit Religionswissenschaft zu sein, ist bisher noch nie etwas AndereS al« die Ausarbeitung eines Reglements für die Anbetung die» ser individuellen göttlichen Persönlichkeiten gewesen. Die DiSci» plin der ReligionSwiffenschaft wird erst dann im Stande sein, sich ebenbürtig den andern DiSciplinen zur Seite zu stellen, wenn sie sich aus dem Dienste der Volks- und StaatSgötter befreit haben wird, waS sie bis jetzt noch nicht einmal in ihrem theoretischen Theile versucht hat. Der Gott der Religion der Zukunft ist der Inbegriff der menschlichen Freiheit, der menschlichen Tugend, der

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