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Die Gegenwart · 1867-08-16 · 33 (16.8.1867) · p. Seite 262

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Journal
Die Gegenwart
Volume
1 (1867)
Issue
33 (16.8.1867)
Date
1867-08-16
Page
Seite 262 (sequence 6)
Language
German
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362 Die freiheit, nimmt er au» der Erfahrung de» im gewöhnlichen Leben so verhängnißvollen Schwanken» der Freihett»lehre Veranlassung, denjenigen, au» der Sophisterei, nicht au» der Philosophie gebore« nm Borortheilm prophylaktisch zu begegnen, welche im alltägllchen Verkehr der Mmschen dm grSßtm Schaden anrichtm. ״ES nmß zwei Borurtheilen begegnet werdm, derm da» eine die Re» gung der wgmenden oder strafendm Gewissen-stimme außerhalb alle» Zusammenhänge». mit der Natur stellt und daandere, einem zu bescheidenen Fatalismus verfallend, auf die Empfindung der Initiative depersönlichen Willen» ohne Weitere» verzichtet. E» ist ersten» ein Borurtheil, daß der Begriff de» Gewis׳ sen» außerhalb de- Begriff» der Natur fällt; denn da» Gewis-' sen ist der durch die Summe und dm Inhalt de» menschlichen Wissen« gebildete Instinkt. Daß aber der Instinkt ein Natur» trieb sei, wird selbst von denjenigen nicht bestritten, die übrigmS den Begriff der Seele, de» Geiste», au» dem vermeintlichen Ehao» ״ der materialistischen Weltanschauungen um jeden Preis zu retten gesonnen sind. Schon die Etymologie de« Worte» scheint in unserer Sprache darauf hinzuweisen, daß die Bedeutung dieser eigen» thilmlichen Bewegung de» Gemüth» in den wesentlichsten Bezie» Hungen steht zu der übrigen Ausbildung der Seele, wie nament» lich der Ausbildung der Intelligenz. Da» Wort ״Gewiflm" ist beinahe gleichlautend, nur um eine kleine Zuwachssilbe unterschieden von dem Worte ״Wiffm". Der Verfaffer bedauert, zu wenig Philologe zu sein, um seine Beobachtung in dieser Beziehung auf diesen Gleichklang der Ausdrücke für diese verschiedenen bei» den Begriffe auf eine größere Zahl von Sprachen auSdehnen zu können. In den ihm bekannten, freilich dem indogermanischen Sprachstamme allein angehörenden Dialekten, wie dem Griechi» scheu, Lateinischen, Französischen, Englischen, Spanischen und Jta» lienischen ist diese Uebereinstimmung ohne Weitere» ersichtlich. Oonscivntia, Conscience, da« Zusammenwiffen, da» einheitliche I Zusammenfaffen alle« Wissen«, der Kern des WiffenSinhalteS, — das ist das Gewissen. So scheint die Philosophie der Sprache \ sich vernehmlich machen zu wollen! — Wahrscheinlich ist eine gleiche Uebereinstimmung oder doch eine große Aehnlichkeit bei der Ausstellung von bildlicher Vergleichung der GewiffenSempfindung mit andern mehr sinnlichen oder mehr geistigen Gefühlen in allen Sprachen nachweisbar. ״Unser gewöhnliches Bild, der Vergleich der GewiffenSem» pfindung mit der Wahrnehmung einer unser Gehör treffenden Stimme, ist ein nicht blo» in Deutschland sehr verbreitetes. In der That liegt dieser Vergleich sehr nahe, und die Seelenheilkunde führt un» Fälle vor, durch die e» un» einleuchtend wird, daß wir e» hier sogar mit etwa» mehr als einem Vergleich zu thun haben; denn die Stimmen, welche dem Gehirnkranken bei Ergriffensein der Wurzeln des Gehörnerven mit so erschrecklicher Gewalt den Sinn bethören, die GehörS-Hallucinationen sind eben in der großen Mehrzahl der Fälle selbst in Bezug auf ihren Inhalt nichts Anderes, als solche uumitttlbar an da» Sinnesorgan her» angerückte G e w i s s e n - st i in m e n. Daß die Psychologie den Sitz dieser Stimmen, der Stimme de» Gewissenin die Brusthöhle und zwar gerade in das Herz gesetzt hat, auch dieses ist kein un» erklärlicher Zufall, sondern hat seinen physiologischen Grund, beruht gewiffermaßen auf einer populär-naturwissenschaftlichen Beob» achtung. Denn e» ist wahr, daß die Erregung de» Gehirn», wie sie vor, während und nach einer krankhaften That gewöhnlich statt» zuhaben pflegt, sich ganz besonders bemerkbar macht durch die da» mit zugleich bedingte Reizung de» nervus vagas, de» zehnten Gehirn-Nervenpaare-, welche» mit seinen Fasern die Herz-Mu-ku» latnr versorgend, in diesem Beranlaffung zu Unregelmäßigkeiten in der Geweguug de» gesammten Organ» giebt. Die Jedem bekannte Erscheinung de» Herzklopfen», die Herzbeklemmung, die Herzensangst, die HerzenSpein und Qual und Roth: alle diese Empfindungen sind selbstverständlich mit ganz bestimmten mate» riellen Veränderungen de» au» Fleisch und Nerv und Blut beste« henden Organ» verbunden. Und wenn auch nicht alle unangeneh» men Empfindungen in der Gegend de» Herzen» der Ursache von Reue, Angst oder strafender, mahnender Ahnung beizumeffen sind, sondern oft ihren Quell in allgemeinen! Störungen de« gesamm« ten Organismus, der Blutmischung und de» Stoffwechsel» Hobe», so wird doch Niemand leugnen, daß ebensowenig eine vollständige Bluwergiftung wie ein ausgebreiteter organischer Herzfehler den Grad von Uuerträglichkeit des Schmerzes verursachen könne, al» diesebei den höchsten Graden der GewiffenSfolter der Fall ist. E» mögen diese wenigen fragmentarischen Bemerkungen genügen, um dem Borurtheile zu begegnen, als lebe in dem Walten de» Gewissens ein fremde«, unbekannte-, einer andern Welt angehörige», den Gesetzen der natürlichen Logik nicht unterworfe« nes Etwa». Mit nicht geringerem Nachdrucke wird aber das andere Vor« urtheil zurückzuweisen sein, welchrS in dieser Erkenntniß der Ein« heit denatürlichen Leben-, der Einheit von Freiheit und Naturnothwendigkeit eine Beschönigung für gedankenlos müßige«, laster« Haftes oder verbrecherisches Sündenleben zu finden meint. ״Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten!" Deine Wiffenschaft, Du Weiser, D» Gelehrter, Du Kundiger der himmlischen und irdi» schrn Klugheit, sie verhilft Dir nicht zum Frieden der Seele, sie verhilft Dir nicht zum Muth, nicht zum Glück, nicht zur Seligkeit, wenn Du über der Betrachtung der Dich umgebenden Wett Dein eigene» Selbst, Deinen Willen, die Uebung Deine» Willenvergessen und verlernt hast, wenn Du Deinen Eharakter, Deine Individualität entehrt und geschändet hast, wenn Du Deinen Or» ganiSmuS in feinen heiligsten Elementen erschüttert hast. — Die Angst nnd Qual des Gewissens wird Dir darum nicht erlassen, sondern so wenig die genaue Voraussicht einer Finsterniß der Sonne, de» Monde» oder irgend eineandern Himmelskörpers, so wenig da- BorauSwiffen irgend einer andern Naturerscheinung, wie de- Gewitters, de» Regens unsere gelehrtesten Naturforscher dazu befähigt, diese Ereignisse abzuwenden odey zu verhindern, so gewiß als der die Sonnenfinsterniß verursachende Ster» sich nicht daran kehrte, wenn dis alten Perser, ihn für ein Ungethüm hal» tend, ihre verehrte Sonne durch Lärm und gewaltsame Maßregeln davon zu befreien strebten: ebenso gewiß wird die schmerzhafte Erregung des Herznerven einem durch Ausschweifung oder unna» türliche Anstrengung von Arbeit und Genuß zerrütteten Gehirnle« ben nicht erspart. Die Wissenschaft schützt ihren Anbeter vor lo» gischen Irrthümern; sie schützt ihn nicht vor der mit gieriger Gluth ihn vertilgenden Gewalt des Gewissens. Daher lernt Euch be« scheiden, Ihr Himmelsstürmer, lerne Gott erkennen, Du falscher Prometheus, der Du mit der Physiologie der Menschheit eine Leuchte aufgesteckt zu haben wähnst, die selbst dein Blinden, selbst dem possenhaft die Augen Schließenden den rechten Weg zum Heile weisen müsse! — Keine Seligkeit ohne Streben nach Wahrheit, keine Wahr« heit ohne selbsteignes Streben nach Besserung, nach Veredlung, nach Vervollkommnung! Keine Vervollkommnung, ohne durch schweren, innern Kampf errungene Läuterung, Stärkung und Be« freiung de» Gewissen«! Längst sind die Götter der alten heidnischeu Bildung zu un» auf die Erde herabgestiegrn und wandeln in freundlichem Verkehr unter un»; längst ist da» Fleisch gewordene

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