Die Gegenwart
- Journal
- Die Gegenwart
- Volume
- 1 (1867)
- Issue
- 33 (16.8.1867)
- Date
- 1867-08-16
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Dir Segenwart. zuerkannt? — Wäre dieder Fall) dann wüßte« alle Gemeinde- Mitglieder wo ihr Krankenhaus sich befindet und ich behaupte ganz dreist, daß die meisten noch nicht ihren Fuß in den Borhof de-׳ selben gesetzt haben! Hätten doch manche, denen wir die Gründüng von Betten zu verdanken haben, sich davon überzeugt, eine wie große Wohllhat sie denen gespendet, welche darin ihr Schmerzenslager aufgeschlagen! — Haben die Geistlichen der Berliner jüdischen Ge׳ meinde da» Krankenhaus oft besucht, dm Kranken Trost zugespro« chen, ihre letzten Lebenslage erleichtert, desgleichen wir in Kranken« Häusern anderer Eonfessionen sehen? Ich kenne nicht allzuviele Beispiele der Art. Sind, seil die dortige Synagoge erbaut, Pre« digten darin gchaltm worden und ist dm Kranken auch nach die׳ ser Richtung hin der geistige Balsam gespendet worden? So viel ich weiß, wurden, seit der Eröffnung de« Krankenhauses durch dm seligen allverehrteu Herrn Prediger Sachs, keine derartigen Worte von der Kanzel gesprochen. Nun, es wäre wohl an der Zeit nicht nur von dieser Kanzel herab, sondern in allm Gotteshäusern zu verkünden und darauf hinzuweisen, daß Pflege der Kranken eine der edelsten menschlichm Tugenden sei! — Da« Hau» soll ein jüdisches Krankenhaus sein; hat eS eine derartige Aufschrift, um von vornherein zu bezeichnen, wa» e» bedeute? Sie fehlt noch. Hat man doch dort meinen Vorschlag, tröstmde Bibelsprüche in hebräischer und deutscher Sprache in den Krankensälen anzubringen, nicht für geeignet gefunden, auS Besorgniß hiermit in de» Berdacht der Proselhtenmacherei zu kommen, da ja auch Nichtjuden aus dem Srankenhause nicht auSgeschloffen sind. Aber sehet die Aufschriften christlicher Kirchen, den Inhalt so vieler, von den ersten Meistern in Musik gesetzten und dort benutztm Gesänge, ob solche nicht fast regelmäßig, zum Theil wenigstens dem alten Testament entnommen sind. Also dort Hochachtung vor unserm Glaubenswahrheiten und bei un» die Besorgniß, dadurch Anstoß zu erregen. Ich wünsche also, wenn da« Krankenhaus gedeihen soll, einen ungescheuten confessionellen Ausdruck seiner Bestimmung. Ich erbitte mir dringend an erster Stelle da« Wohlwollen der Gemeindemitglieder gegen ein Hau«, das in Betreff seiner»Ein« richtung und Leitung nicht hinter andem zurückgeblieben ist. Ich bitte, daß man Barmherzigkeit, diese alte orientalische Tugend, dahin trage, wo sie recht eigentlich ihre Stelle haben soll, daß man in da« Hau» Auguststraße Nr. 14 pilgere, ebenso wie in ein mit künstlerischer Pracht zu Ehren Gottes und zur Herzenserbauung errichtetes Gotteshaus, daß man eine HumanitätSanstalt als die Stätte betrachte, in welcher erst die Wirkungen der Andacht und aller Religionsübungen zur wahren Geltung kommen, ohne welche alle« Beten und Singen nur ein leerer Schall bleiben muß. Hier ist der Ort, wo man sich den Himmel auf Erden im eigentlichsten Sinne erkaufen kann! — Warknn bettelt sich der arme fremde Jude Hunderte von Meilen hierher um sich für innere Krankheiten der Hülfe eine- Berliner jüdischen Arzte» oder für äußere der Wirksamkeit und dem Instrumente eines jüdischen Operateur» zu unterwerfen? Er thut e« im Bertrauen zur Kunst, die er hier auf einer besonderen Höhe wähnt, wenn er anderswo erfolglos angeklopft. Halbtodt läßt er sich noch hierher tranSportiren, um eine letzte Rettung zu finden und oft genugist e» für ihn nicht vergeblich gewesen. — Wollen wir diese verhungerten, armen und elenden GlaubenSge׳ «offen ohne Hülfe laffen, die wir ihnen nicht selten noch gewäh« ren können? ' Unmöglich! Da» jüdische Krankenhau» zu Berlin, einem Eentrum der Intelligenz und Livilisation, hat die mora« lisLe Aufgabe, dem Fremdling, so weit e» irgend möglich ist.^aS zu gewähren, wa» ihm seine Heimath nicht gewähren kann, ihm die HülfSmittel zu »erschaffen, ihm di« Erfahrungen und Fertigkeiten der Aerzte nutzbar׳ und rettend zu machen, dergleichen, und diegllt besonder» flir viele chirurgische Krank« heilen, in der Heimath, selbst mit den größten Kosten, gar nicht zu finden sind. Wohlan, wollen wir dieser Aufgabe genügen, so k-u׳ neu gewiß unsre 12 Fremden» Betten nicht ausreichend sei«, dann werden wir der Erfüllung dieser echt menschlichen Pflicht weiteren Vorschub leisten müffen, damit die leeren Räume unsere» schönen Krankenhauses nicht länger chrer Bestimmung entbehren, während die fremden Kranken wegen Mangel» an Geldmitteln hülfloS auf der Straße siegen. — Klagt ihr die schweren Formasi׳ täten an unter denen die fremden Kranken nach der Aufnahme vergebens seufzen, so sind nicht allein die Statuten de» Kranken« Hause» schuld, welche freilich leider noch immer den Paffu» enthalten ״unheilbare*) Kranke" auszuschließen, sondern die Noch- Wendigkeit, die Ausgaben für fremde Kranken zu beschränken, da für solche keine genügenden Einnahmen bei un» vorhanden**) sind, die Nothwendigkeit, der Gemeinde als solcher keine Lasten aufzuer« legen für fremde GlaubenSgenoffen, zu denen sie nicht verpflichtet ist, daher die Nothwendigkeit, daß die Privatwohlthätigkeit die Sache in die Hand nehme, um hier helfend und ergänzend einzutreten. Nochmals faffe ich zusammen, was unserem Krankenhause noth thut. Alle, die in demselben wirken, werden nicht taub und blind sein gegm gute Vorschläge, welche zur etwaigen Verbeffe« rung gemacht werden; sie werden sich nicht für vollkommen halten nach irgend einer Richtung hjn, noch wird eine Krankenhau-- Verwaltung vermeinen, daß sie genug gethan habe, wenn die Rech« nungen und Bücher genau abgeschloffen würden und die Einnahme mit der Ausgabe stimme. Wir müffen es als unsere Aufgabe bettachten, wir, die wir dem Krankenhause am nächsten stehen, Vorsteher und Aerzte, die Fahne der Humanität und Menschenliebe immer höher zu erheben, aber wir vermögen nur Beschränktes ohne die Theilnahme der Glaubensbrüder, wir sind gehemmt, wenn sie uns ihren mate« riellen oder auch nur ihren moralischen Beistand entziehen, wenn sie eine der wichtigsten aller religiösen Pflichten, auch ״dem kranken Fremdling beizustehen" mit der Lauheit erfüllen, wie' e« bisher der Fall war, wenn sie nicht selbst das volle Bewußtsein haben, daß es für jeden einzelnen ein unermeßlicher Trost, eine un« ermeßliche Beruhigung ist, zu wiffen, e» existire ein HauS in der jüdischen Gemeinde zu Berlin, wo für jeden eine Stätte de» Erbarmen« und der Hülfe zu finden! Und wer von un« könnte sagen, daß er und die seinigen heut oder morgen einer solchen Stätte entbehren könnten? *) Der Begriff ״unheilbar" ist an sich schon ein sehr schwer, nicht selten mit rigorSser Skenge gar nicht fcstrustelleuder E» darf da» Krankenhau» allerdings nicht al« ein Siechenhau», al» ein Aufenthaltsort für absolut unheilbare, chronisch« Kranke angesehen werden, allein es kommen täglich Fälle vor, in dmen zwar dem Knnrken weder eine sichere, noch überhaupt eine Gene, sung in Aussicht gestellt werden kann, wohl aber eine Milderung seiner Leiden und Gebrechen, und solche Leidende auszuschließen wäre gewiß unverautworllich; ebmso wäre die absolute Verweigerung der Aufnahme in da« Kranken hau», bei größter Dürftigkeit, Hülflosigkpt und Mangel an der nothdürftigfien, häu». lichen Pflege überall eine nicht zu entschuldigende Härte. 8« würde daher der Paffu», daß unheilbare Kranke nicht ausgenommen werden dürfen in unserm ' Statute mindesten» wesentlich modificirdSwerden müffen, so wie e« ein unab. weisbare« Erfordern iß ist, dir seit 6 Jahren berathenm revidirten StaMten endlich zu publiciren und zur Geltung zu bringen. **) Eine vom Vorstände de» Krankenhauses an die Gemeindemitglieder jüngst gerichtete herzliche Ansprache hat nur die vrrhälMißmäßig geringe jährliche BeitragS.Summe von «00 Thlr. ergeben, wofür höchsten» zwei Krankenbetten für Fremde zu unterhalten sind.